Nachbeben: Das Interview mit Leonardo Nigro

Er gehört zu den gefragtesten Schauspielern der jüngeren Generation: Leonardo Nigro, der Sohn italienischer Einwanderer aus Zürich. Neben vielen Kurzfilmen kickte seine Kinokarriere 2005-2006 voll ein mit Rollen in Antikörper, Grounding, Handyman und Emilia. Mit seiner Rolle in Nachbeben laufen Anfang März gleich vier Filme mit dem sympathischen Schwerarbeiter in den Schweizer Kinos gleichzeitig. Auch die SF-Sitcom, die sein Gesicht auch dem Hinterletzten bekannt gemacht hat, läuft erfolgreich. Die zweite Staffel Schöni Uussichte ist schon beschlossenen Sache und Nigro wird wieder als Carlos Rodriguez auf den kleinen Bildschirm zurückkehren.

Von der Nachbeben-Crew war Nigro der einzige, der OutNow.CH erst nach dem Film sprechen wollte. Die Vorstellung im rappelvollen Kino inmitten seiner Familie wollte er sich nicht nehmen lassen. Fröhlich nach all den Gratulationen stellte er sich dann unseren Fragen. Schelmisch erklärte er, dass er wenig Übung hätte und in Interviews einfach immer gerade das sagt, was er denkt. Anders sollte es ja auch nicht sein...


OutNow.CH (ON): Leonardo, du bist quasi im Dauereinsatz. Es laufen bald vier Film mit dir in den Schweizer Kinos. Bedeutet das für dich reine Genugtuung oder manchmal auch Stress?

Leonardo Nigro (LN): Das ist absolute Genugtuung. Die Leute meinen in einer solchen Situation oft, du arbeitest ständig. Das stimmt aber überhaupt nicht. Es ist reiner Zufall. Ich konnte es selber nicht steuern, dass die vier Filme innert so kurzer Zeit in die Kinos kommen. Wären die anders verteilt übers Jahr, hätte das niemand bemerkt. Natürlich ist es eine schöne Palette, dass man gleichzeitig mit einer Sitcom und einem Arthousefilm präsent ist.

ON: Nachbeben hat dich auch nach Berlin gebracht, an die Berlinale, wo du schon mehrmals im Talent Campus zu Gast warst. Was ist aufregender: Die Premiere in der Schweiz oder diejenige an der Berlinale?

LN: Es ist immer aufregend, einen Film mit jemandem zu schauen, den man kennt, weil man davon ausgehen kann, dass die Kritik danach nicht öberflächlich bleibt, sondern tiefer gehen wird. Kussszenen, oder wenn ich im Film Drogen nehme, werden zum Beispiel von meiner Familie ganz anders aufgenommen, als von Leuten, die überhaupt keinen Bezug zu mir haben. Ich war aber auch gespannt, wie das Fachpublikum in Berlin auf den Film reagieren würde. Sie haben ihn sehr gut aufgenommen. Das ist natürlich toll für den Schweizer Film im allgemeinen.

ON: Ist auch für dich, als schon sehr erfahrener Schauspieler, die Panorama-Sektion der Berlinale ein Leistungsausweis, über den man sich sehr freut?

LN: Sicher. Wenn der Film an einem Festival wie der Berlinale läuft, bekommt er eine viel grösserer Visibilität. Der Film lief mit englischen Untertiteln und die Leute haben super reagiert. Ich habe sogar das Gefühl, dass die Leute dort noch besser als z. B. in Solothurn reagiert. Vielleicht auch, wie Stina Werenfels einmal sagte, weil man sich selber nicht so gern im Spiegel betrachtet. Man hatte dort einen grösseren Abstand zum Thema des Films.

ON: Etwas wird dir öfters vorgeworfen. In Berlin hat sich sogar der Chef der Sektion Film des Bundesamtes für Kultur, Nicolas Bideau, dazu geäussert, dass du doch mehr könntest, als immer nur den Secondo oder den Ausländer zu spielen.

LN: Heisst das, einen Secondo zu spielen sei weniger wert als einen Schweizer? Ich sehe das nicht so. Im Gegenteil. Ich habe viele deutsche Kollegen, die im klassischen Sinne Deutsch aussehen. Die sind in einer noch viel engeren Schublade als ich. Sie müssen immer Beamte oder immer brave Schwiegersöhne oder immer Lovers spielen. Die Schublade des Ausländers ist bei mir schon vorhanden, aber auch ziemlich gross. Wenn ich einen Jugo in Piff Paff Puff, oder einen Brasilianer in Ein Fall für Zwei oder einen schwulen Chinesen im Staatstheater Dresden oder den Spanier in Schöni Uussichte verkörpern kann, ist die Palette doch schon ziemlich gross. Da bin ich sogar froh. Das heisst aber nicht, dass ich mir nicht selber zutraue, einen Schweizer zu spielen. Gutzler in Nachbeben redet genau einen Satz Italienisch, ansonsten hat er eine "Zürischnurre" und ist eine voll integrierte Figur.

ON: Gutzler wird im Presseheft als schmieriger Typ vorgestellt. Diesen Eindruck hatte ich von ihm nicht.

LN: Er geht sehr planmässig vor. Er hat die Fähigkeit charmant rüberzukommen und so die Leute zu täuschen. Nur HP merkt, dass er nicht richtig tickt und denkt, er sei ein Schleimsack. Die Zuschauer lernen sein wahres Gesicht kennen. Das macht ihn schmierig.

ON: Kann man ihn als Gewinner des Grillabends bezeichnen?

LN: Er ist sicher der, welcher am Ende des Films nichts verloren hat. Gewonnen hat vor allem an Erfahrung. Stina hat mir zu Beginn der Dreharbeiten gesagt, dass es für Gutzler kein normaler Grillabend in seiner Freizeit sein wird, sondern ein Arbeitstag. Er geht dahin, um zu schauen, wie diese Leute funktionieren. Er will ja auch ihren Status erreichen. Deshalb trinkt Gutzler im Film nur Wasser. Er will klar bleiben im Kopf. Er zieht auch die Linie Kokain, um wach zu bleiben.

ON: Wer brachte die Pulp Fiction-Zitate in den Film?

LN: Ich kann mich erinnern, dass etwas mit Pulp Fiction im Drehbuch war, damal im Jahre 2004. Ich bin mir aber nicht mehr sicher, ob nur die Soundtrack-CD oder auch schon das Zitat erwähnt wurde.

ON: Es ist ja eine Mischung aus zwei Zitaten. Einerseits zitierst du Bruce Willis, andererseits redest du mit dir selber im Spiegel wie John Travolta.

LN: Das mit dem Spiegel ist sicher ungewollt und keine Anlehnung an John Travolta. Über das andere bin ich mir echt nicht mehr sicher.

ON: Besten Dank für das Gespräch.

Quelle: OutNow.CH

26.02.2006 00:00 / rm


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