Wu Ji - The Promise: Das Interview mit Hiroyuki Sanada

Mit einem Budget von 35 Millionen Dollar ist "Wu Ji" die bisher teuerste Filmproduktion Chinas - und punkto Einspielergebnis die erfolgreichste. OutNow.CH traf den Hauptdarsteller zum Interview.

Der 46-jährige Hiroyuki Sanada hatte bereits im zarten Alter von fünf Jahren seinen ersten Leinwandauftritt. Der vielseitige Schauspieler hat mittlerweile in über sechzig Film- und TV-Produktionen mitgespielt, unter anderem in The Last Samurai, The Twilight Samurai und The White Countess. Sanada war zudem als erster Japaner an einer Produktion der Royal Shakespeare Company beteiligt; er spielte den Hofnarr in King Lear. Für seine Rolle in Wu Ji - The Promise lernte der Japaner Mandarin.

Hoch über den Dächern Berlins, mit Ausblick auf den Berliner Zoo, hat uns im Hotelrestaurant der trotz langer Partynacht gut gelaunte und aufgeweckte Schauspieler empfangen:

ON: Chen Kaige erwähnte, Sie hätten eine sehr gute Beziehung zueinander gehabt.

HS: Ja. Es war das erste Mal, dass ich mit ihm zusammenarbeitete, so wie es auch meine erste Zusammenarbeit mit koreanischen und chinesischen Schauspielern war. Unsere Kommunikation funktionierte gut. Im Allgemeinen sprachen wir Englisch auf dem Set, manchmal brauchten wir aber auch einen Übersetzer, der vom Chinesischen ins Japanische übersetzte, vom Japanischen ins Koreanische, vom Koreanischen ins Kantonesische und so weiter. Und wir nutzten auch die Film-Dialoge in Mandarin.

ON: Stimmt es also, dass Sie für diesen Film Mandarin erlernten?

HS: Nur für diesen Film, ja. Zwei Monate vor dem Beginn der Dreharbeiten begann ich damit, Chinesisch von Grund auf zu lernen: die Schriftzeichen, ihre Bedeutung, die Klänge, Aussprache und Intonation. Es war sehr schwierig für mich; Chinesisch zu lernen ist schwierig für Japaner, weil die Grammatik und die Töne ganz anders sind. Einige Schriftzeichen sehen in Japanisch und Chinesisch gleich aus, tönen aber unterschiedlich, oder sie bedeuten das gleiche, klingen aber verschieden. Es ist wirklich ziemlich kompliziert. Ich hatte aber einen guten Lehrer auf dem Set und fühlte mich wie ein Schüler (lacht). Ich war ständig am Lernen und Repetieren und auswendig Lernen - beim Essen, im Bad, unterwegs, einfach immer. So war ich schliesslich fähig, meine Stimme selber zu sprechen. Nach Abschluss der Dreharbeiten, kurz bevor die Nachvertonung starten sollte, gab es einen Wettbewerb zwischen mir und einem Chinesischen Voiceover; sollte ich verlieren, würde das Voiceover meinen Part sprechen dürfen. Ich war total nervös, denn ich wollte meine Figur unbedingt selber sprechen - ich hätte es schrecklich gefunden, wenn am Ende mein Gesicht mit einer fremden Stimme auf der Leinwand zu sehen gewesen wäre. Ich gab also mein Bestes und am ersten Tag der Stimmaufnahmen sagte der Regisseur zu mir: Okay, ich nehme deine Stimme. Wenn es aber nicht nach waschechtem Chinesisch tönt, darfst du nicht zurück nach Japan, klar? Ich sagte natürlich ja. Ursprünglich waren drei Tage für diese Aufnahmen geplant - aber am Ende dauerte es drei Wochen, bis mein Text vollständig auf Band war.

ON: Diese Arbeit scheint Ihnen sehr wichtig gewesen zu sein...

HS: Ich arbeitete zwölf Stunden am Tag: Das Frühstück gab es im Studio, genauso wie das Mittagessen und das Abendessen. Ich war jeweils bis Abends um zehn oder elf Uhr dort. Und das drei Wochen lang. Ich war aber sehr froh, meine Stimme selber sprechen zu können und ich bedankte mich beim Regisseur dafür, dass er so viel Zeit und Geld dafür aufwendete. Er antwortete: Wir haben einen neuen Rekord in der Geschichte des Chinesischen Films aufgestellt: drei Wochen nur für die Stimmaufnahmen! Es ist aber okay; wir haben nämlich auch an den Kinokassen alle Rekorde gebrochen. Darüber war ich natürlich sehr froh.

ON: Ist es ein grosser Unterschied, ob man einen japanischen oder einen chinesischen Film macht?

HS: Oh ja. Ich fand, dass die Chinesen eine gute Mischung aus westlichen und östlichen Elementen hatten. Unser Kameramann Peter Pau hatte für Crouching Tiger, Hidden Dragon einen Oscar erhalten - er weiss also, wie man gute Bilder kreiert. Seine Crew war aus Hong Kong und sie hatten eine ausgezeichnete, qualitativ hochwertige Ausrüstung, wie sie auch in Hollywood eingesetzt wird. Chen Kaige verwendete viel Zeit auf die Proben. Er setzte nie mehrere Kameras gleichzeitig ein, immer nur eine. Manchmal hatten wir Aufnahmen von zwei bis drei Minuten Länge und auch die filmte er mit nur einer Kamera. Deshalb brauchten wir auch so viel Zeit für die Proben, um ein perfektes Timing hinzukriegen. Wir verbrachten einen halben Tag mit den Proben, um dann am Nachmittag die Szene zu filmen. Ich war total verwirrt und dachte: Nur eine einzige Szene am Tag?! Das ist Luxus! In Hollywood wird das nie so gemacht, dort laufen immer mehrere Kameras gleichzeitig. Und auch in Japan kann man sich nicht so viel Zeit nehmen - kein Geld, keine Zeit. Sie sehen, es war ein sehr spezieller Mix am Set: Europäische Technik kombiniert mit einem grosszügigen asiatischen Zeitbudget und "handmade feeling". Das ist eine gute Mischung. Manchmal warteten wir stundenlang darauf, dass der Wind zu wehen begann, ich in voller Montur und mit Helm zu Pferd. Das ist etwas, was man sich in Japan wirklich nicht mehr leisten kann. Aber Chen Kaige konnte und ich hatte eine tolle Zeit.

ON: Gab es Probleme am Set aufgrund kultureller Differenzen?

HS: Es gibt tatsächlich grosse kulturelle Unterschiede zwischen Japan und China. Geographisch liegen die beiden Länder zwar nahe beieinander, punkto Kultur, Religion und Esskultur sind sie aber komplett verschieden. Es gibt eine grossen Graben. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Chinesen ungute Gefühle gegenüber den Japanern, und diese Gefühle existieren auch heute noch. Einer der Gründe, weshalb ich bei diesem Filmprojekt mitmachte, liegt darin, dass wir eine grosse Mauer zwischen China, Japan und Korea haben. Die Zusammenarbeit mit einem chinesischen Regisseur, chinesischen und koreanischen Schauspielern und Darstellern aus Hongkong, das Erlebnis, gemeinsam einen Film zu machen und auf ein Ziel hinzu zu arbeiten, bot Gelegenheit, diese Mauer zu durchbrechen. Ich glaube deshalb, dass dieses Projekt nicht nur für Filmemacher und für mich persönlich wichtig ist, sondern auch für das asiatische Volk. Es gab viele Dinge, die mich überraschten. Zum Beispiel hatten immer alle unglaublich viel Zeit und null Stress - wir waren ständig am Warten. Manchmal fragte ich mich: Worauf warten wir eigentlich?! Aber so läuft es einfach auf einem chinesischen Filmset. Es gab mal einen Zwischenfall, als wir beim Warten waren und ich auf die Toilette musste. Ich konnte das Klo nicht finden, bis mich jemand schliesslich in den Wald schickte... Ich dachte: aha, so ist das. Weil es aber sehr umständlich war, mit dem ganzen Kostüm im Wald aufs "Klo" zu gehen, bat ich darum, eine Toilette auf dem Set zu installieren, was auch tatsächlich gemacht wurde - allerdings ohne Wände darum herum! Also fragte ich, ob man auch noch eine Wand um die Toilette bauen könnte. Das wurde gemacht - aus Plastik und ohne eine Türe... Deshalb musst ich, wenn auf der Toilette war, immer laut reden, so im Stil von: Ich bin hier drinnen, ich bin auf der Toilette, nicht reinkommen! (lacht).

ON: Weshalb glauben Sie, sind so viele Menschen in westlichen Staaten fasziniert von der asiatischen Kultur, wie sie beispielsweise in The Promise gezeigt wird?

HS: Ich denke, der spirituelle Aspekt ist vermutlich unser grösster "Verkaufsschlager"; Dinge wie der Samurai-Mythos oder der Buddhismus. Die Unterschiede zwischen den westlichen und östlichen Kulturen sind gross. Wir sollten deshalb Filme mit einem "asiatischen Geist" machen. Ich halte allerdings The Promise nicht für einen traditionellen Film. Es ist zwar ein asiatischer Film, aber seine Themen sind schlicht und global: Es geht um Liebe, Glauben und Schicksal. Darum, dass man gegen sein Schicksal kämpfen und sein Leber selber gestalten kann.

ON: Ihr nächster Film nach The Promise war James Ivorys The White Countess.

HS: James Ivory gab mir das White Countess-Drehbuch, als ich noch mit den Dreharbeiten zu The Promise beschäftigt war. Die Geschichte spielt im Zeitraum von 1936, kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. Mir wurde die Rolle eines japanischen Spions offeriert, ein gefährlicher Mann. Darüber war ich zunächst etwas bestürzt, aber ich fand es auch wichtig, dass diese Rolle von einem japanischen Schauspieler, der in Japan aufgewachsen ist, verkörpert wird. Ich hielt es ausserdem für eine gute Gelegenheit, unsere Geschichte nochmals genau unter die Lupe zu nehmen. So gesehen empfand ich The Promise und den James Ivory-Film als sehr ähnlich.

ON: Sie haben in vielen Martial Arts-Filmen mitgespielt. Während man früher auf Hilfsmittel wie Seile und Drähte zurückgriff, wird heute fast alles mit CGI gemacht. Wie denken Sie darüber?

HS: Ich finde es schade. CGI ist super, aber speziell in Hollywood machen die Schauspieler fast nichts mehr selber. Ich sah mir als Kind zahlreiche europäische und US-amerikanische Filme an und viele der Stars machten ihre Stunts damals noch selbst. Ich fand, dass dies ein grosser Dienst am Zuschauer war und fing deshalb an, mir selber solche Fähigkeiten anzueignen: Stunts, Kampfsportarten, Reiten. Als ich dann nach Hollywood kam, war ich schockiert. Die Gewerkschaft dort ist sehr stark und die Stuntleute werden ständig und für alles eingesetzt, speziell wenn es beispielsweise darum geht, von einem galoppierenden Pferd zu springen oder bei Kämpfen. Sie sagen dann: Du musst das nicht tun. Ich verstehe das nicht ganz - ich habe diese Dinge ja extra gelernt! In asiatischen Filmen müssen wir die meisten Stunts selbst machen, was bedeutet, dass wir auch entsprechende Fähigkeiten haben. Ich halte das für einen Vorteil. Die Zukunft sehe ich in einer Kombination von echtem Körpereinsatz, kombiniert mit qualitativ hohem CGI. Momentan gibt es Filme, die gutes CGI haben, aber überhaupt keine Story und ein furchtbar stereotypes Schauspiel. Ich kann das nicht ausstehen. Dann gibt es Filme, in denen noch mit vollem Körpereinsatz gespielt wird, aber dafür ist das CGI eine Katastrophe - das Resultat ist genauso ungeniessbar. Für die Zukunft wünsche ich mir deshalb, dass beide Elemente zusammengeführt werden: echtes Schauspiel mit gutem CGI, und natürlich mit einer anspruchsvollen Story und echten Emotionen.

ON: Welche Art von Filmen spricht Sie an?

HS: Ich schaute mir in jungen Jahren viele europäische Filme und Hollywoodproduktionen an. Ich mag den europäischen Stil, die Bilder, der Einsatz von Licht, die Geschichten. Manchmal muss ich halt auch kommerzielle Filme machen, aber im Prinzip bevorzuge ich künstlerische Arbeiten, wie sie zum Beispiel James Ivory macht. Er ist zwar ein Amerikaner, hat aber einen europäischen Stil.

ON: Es gibt nur wenige Schauspieler, die ausserhalb ihres Landes ein Engagement erhalten; Sie sind einer davon. Hatten Sie einfach Glück, oder haben Sie konkret auf dieses Ziel hingearbeitet?

HS: Ich hatte schon in jungen Jahren den Traum, eines Tages mit Menschen aus dem Westen an qualitativ hochwertigen Projekten mitzuarbeiten. Als ich 18-jährig war, arbeitete ich bei einem Film mit dem Amerikaner Vic Morrow und weiteren Schauspielern aus Hollywood zusammen. Bei dieser Zusammenarbeit fiel mir auf, wie professionell sie arbeiteten. Ich dachte immer über meine Zukunft nach und reiste oft in die USA und nach Europa, ungefähr zwei bis dreimal pro Jahr, um ihre Filme, Shows, Theaterstücke und Kunst zu sehen und zu erlernen.

ON: Gibt es europäische Filme, die Sie besonders beeindruckt haben?

HS: Filme von Jean-Luc Godard und Federico Fellini. Besonders gern mag ich Jules and Jim, ein Film über zwei Männer und eine Frau. Diese Dreiecksliebesbeziehung ist ein Filmklassiker. Ich liebe Jules and Jim.

ON: Was ist ihr nächstes Projekt?

HS: Ich werde erneut mit James Ivory zusammenarbeiten; in Argentinien, gegen Ende dieses Sommers. Bis dahin bereite ich mich auf den Film vor und promote meine aktuellen Filme The Promise und The White Countess.

ON: Danke für das Gespräch.

Quelle: OutNow.CH

12.02.2006 00:00 / rs


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