NVA: Das Interview mit Leander Haussmann

Der deutsche Theater- und Filmregisseur Leander Haussmann besuchte die Schweiz schon zum dritten Mal anlässlich einer Promotour eines seiner Werke. Dass er dabei immer in anderen Hotels untergebracht wird, scheint ihn nicht zu stören, denn sie werden bei jedem Besuch besser, wie er lachend versichert. Im Gespräch mit OutNow.CH sprach er über seinen neuesten Film NVA, sein Lebenselixier Pop und Rock, die deutsche Befindlichkeit und seine Vorlieben in Sachen Computergames.

OutNow.CH (ON): Haben sie den Schweizer Film Achtung, fertig, Charlie! gesehen?

Leander Haussmann (LH): Ich habe die Kassette zuhause und sollte den Film auch wieder zurückgeben, habe sie aber noch nie geguckt. Wir haben uns mit dem Erfolg dieses Films auch auseinander gesetzt. Mir wurde aber empfohlen, den Film nicht anzugucken, weil man meinte, dass sei etwas extrem anderes als NVA. Wenn man an einem Film arbeitet wie NVA, schaut man sich eher keine Militärfilme an.

ON: Unterliegen Armeefilme kulturellen Unterschieden?

LH: Ich habe keine Ahnung. Mir ist wichtig festzustellen, dass es ein lustiger Film ist. Alleine deswegen sollte man da rein gehen. Politisch sind die Menschen in der Regel sowieso nicht, ausser man scheisst ihnen vor die Tür und sie müssen die Scheisse wegmachen. Ins Kino gehen sie aber, um sich zu unterhalten. Die Politisierung von NVA stört mich aber. Es ist ein historischer Film wie "Die drei Musketiere", nur dass die Historie ein bisschen näher liegt. Und es benutzt ein Medium, das man Militärfarce nennen könnte, um andere Dinge zu erzählen: Das Erwachsenwerden, das Hinwegträumen, Selbstüberwindung, sich aus Zwängen zu befreien. Alles das, was nicht nur in der Armee sondern auch im täglichen Leben durchaus Parallelen hat.

ON: Weshalb ein Armeefilm? All diese Dinge hätte man ja auch mit einem anderen Genre vermitteln können.

LH: Die Reihenfolge der Ideenentwicklung war folgende. Ich wollte unbedingt ein Sequel zu Sonnenallee machen. Auch aber nicht nur weil Sonnenallee so ein Erfolg war, sondern weil es mir ein Bedürfnis war, weiter über die Familie darin zu erzählen, am liebsten in derselben Strasse. Das fand man dann aber langweilig. Ein halbes Jahr später kam ich drauf, dass Deutschland und die Armee oft in einem Atemzug genannt werden. In der Welt ist das "Preussische", das "Funktionieren" genauso ein Vorurteil, wie dass die Deutschen relativ humorlos sind. Ich könnte also derjenige sein, der dieses einmal sehr erfolgreiche Genre in Deutschland nach Jahrzehnten wieder auffrischt. Ich habe mich also mit dem Autor Thomas Brussig hingesetzt und versucht, etwas zu entwickeln. Mit Herr Lehmann dazwischen hat es dann doch sieben Jahre gedauert, bis etwas daraus wurde. Im Verlaufe dieser Zeit musste ich erkennen, dass ich nur einen Film darüber machen kann, wenn ich in gewisserweise auch einen Film über mich mache. Nur aus meiner subjektiven Sicht, kann ich über ein komplexes und pikantes Thema eine Komödie machen. Deshalb ist auch am Ende des Abspanns mein Wehrpass zu sehen. Quasi als meine Lizenz. Ich würde mich nicht anmassen, so etwas über die Bundeswehr zu machen.

ON: Wie viel im Film ist erfunden, wie viel basiert auf wahren Geschichten?

LH: Ich kann das nicht mehr richtig sagen. Man muss ja alles erzählen, als ob es wahr ist. Es ist aber schon so, dass je absurder die Geschichte, umso wahrer ist sie. Es gibt so absurde Geschichten, die kann man sich gar nicht ausdenken. Zum Beispiel die Geschichte mit dem Waffenwart. Der Waffenwart in meiner Einheit verbuddelte die übrig gebliebene Munition, weil er nicht Rechnen konnte und weil er Angst vor der Revision hatte. Für mich war das damals schon eine Metapher für den untergehenden Sozialismus. Das System ist an sich selbst zu Grunde gegangen, wie ein Rohrkrepierer, um einen militärischen Begriff zu benutzen.

ON: Das erste, was man vom Film mitbekam war die deutsche Textzeile zur Melodie von "Bad Moon Rising" von CCR, weil sie prominent in der Werbung des Films verwendet wurde.

LH: Wenn einer eine Gitarre hatte und die drei Griffe konnte, wurde das gesungen.

ON: Das kennt also jeder Mann, der in der DDR Dienst leisten musste?

LH: Das kennt jeder.

ON: Popmusik spielt generell ein grosse Rolle in ihren Filmen. Kann die Popmusik einem jungen Menschen helfen, in einer Diktatur zu überleben?

LH: Als junger Menschen empfindet man alles als Diktatur. Die Diktatur der Erzieher, der Eltern, des Systems. Wir hatten in der DDR nur den Vorteil gegenüber der doch unübersichtlicheren Demokratie, dass der Feind klarer formuliert war. Der Feind war der Staat und siebzig Prozent aller Menschen haben das auch so empfunden. Die feine psychologische Methode eines solchen Systems war, einem Menschen das Selbstbewusstsein wegzunehmen, indem man auch ganz normale Nachbarn dazu befördert, dich zu erziehen. Durch diesen Mangel an Dingen, die notwendig sind, um sich gegen einen Feind zu erheben, hat das System so lange existieren können. Erst als man sich der eignen Stärke und der Schwäche des Anderen bewusst wurde, konnte man aus dem System hervorgehen und nicht mit ihm untergehen.

ON: Das gilt aber für alle, nicht nur für die Jungen.

LH: Rockmusik hat heute eher eine musikalische, fast schon eine private Bedeutung. Es geht nicht mehr gegen ein übergeordnetes System, das die Menschen unterdrückt und in ihrer Freiheit einengt. Wobei auch dieser Freiheitsbegriff immer noch Thema ist zum Beispiel in der Hip-Hop-Musik. Wie kann ich das machen, was ich wirklich machen will, und nicht was alle andern von mir verlangen. Das ist auch Thema von NVA. Es gibt im Film Narren, die mit den Insignien von Macht ausgestattet sind und damit nicht umgehen können und auch nicht dürfen im Prinzip. Deshalb ist "Ich geh jetzt weg - und Tschüss!" eigentlich ein ganz guter Satz. Wenn das mehrere Soldaten machen, was ist denn dann? Klar ist es der umgesetzte Satz "Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin." Aber wen schreien sie denn dann an? Ich bin ein entschiedener Gegner der Wehrpflicht, nicht des Militärs nicht der Verteidigung einer Demokratie. Da hört für mich der Pazifismus auch auf. Ich bin aber dagegen, dass der Staat oder sonst wer über deine eigene Lebenszeit bestimmt. Das ist Freiheit, dass du mit dir selbst umgehen darfst, wie du willst. Man kann doch nicht allen Ernstes annehmen, dass die Struktur der Armee, so wie sie heute ist, schlagkräftig genug ist den heutigen Guerilla-Krieg zu führen. Das ist nur mit hoch motivierten Söldnern möglich, die technologisch und trainingsmässig dem Gegner Paroli bieten können. Mein Neffe war Saunawart bei der Armee. Neunzig Prozent der Soldaten putzen die Panzer, schrubben den Flur und lernen wie man Hemden zusammenlegt. Das ist auch letztenendes was ich mitgenommen habe.

ON: Kann die Rockmusik heute noch rebellisch sein?

LH: Der Rock'n'Roll ist vorbei. Alles andere ist Retrospektive. Nach Ten Years After, nach The Who, nach The Doors, was soll da kommen? Es ist wie mit der klassischen Musik. Was bitteschön soll nach Beethoven noch kommen? Ich möchte heute nicht jung sein, dass mein Vater mich versteht in der Musik, die ich höre. Dieser Konflikt ist nicht mehr da. Mein Sohn wird mich nicht dazu kriegen, dass ich in sein Zimmer gehe und den Lautstärkeregler betätige. Stattdessen gehe ich rein und frag: "Von wem ist denn die Musik? Erinnert mich an die Sex Pistols. Hör die mal die Platte so und so an!" Dann ist der genervt. Es ist nicht mehr die E-Gitarre, die er sich erspart hat, sondern es ist die, welche ich ihm irgendwann gekauft habe. Wie früher der Vater dem Sohn die Geige gekauft hat, oder ein Gründerzeitklavier ins Zimmer gestellt hat. Ich war auf dem Bob Dylan-Konzert und da sitz ich mit 50-, 60-, 70-Jährigen und sehe einem Mann zu, der nicht einmal hochguckt, viele mit dem Opernglas. Dann aber auch wieder junge Leute. Es ist vollkommen neu, dass die Väter mit ihren Kindern zu Rockkonzerten gehen. Ich bin froh mit dieser Generation alt werden zu dürfen. Wir werden ja nicht alt dadurch, weil die Rockmusik uns begleitet.

ON: Was ist ihre Meinung zum Begriff "Ostalgie"? Ihre Filme werden da auch mit einbezogen.

LH: Das ist ein Begriff, den ich ablehne. Ich bin ein Sammler der kleinen Dinge, die in der Weltgeschichte nicht vorkommen. Auch Menschen, die nicht gelitten haben. Sie sind nicht erschossen worden, haben weder Flugblätter verteilt noch sind sie von der Stasi verfolgt worden. Die haben einfach da gelebt, und über die berichtet kein Geschichtsbuch. Das sehe ich als meine Aufgabe. Ich bin Zeitzeuge, aber mein Thema ist die Komödie. Ich will, dass die Leute lachen. Zur Ostalgie möchte ich aber noch etwas sagen. Es ist leider auch ein komplexes Thema. Ich habe mich lange gegen das Problem Ost-West gesträubt. Ich habe mich auch lange abgetarnt. Man hat in mir nie den Ostler gesehen, was uns zeigt, dass es Klischees und Vorurteile gibt. Jeder 18. Westdeutsche war im Osten, jeder dritte Ostdeutsche war im Westen. Das finde ich ein Armutszeugnis, das mich traurig macht und ich alarmierend finde. Jetzt kann man sich über ein Volk aufregen. Das bringt aber leider nichts, weil es zu viele sind. Worüber ich mich aber aufrege, ist dass intelligente Menschen diese Arroganz schüren, die möglicherweise gar nicht da ist. Wenn Leute eine Diktatur überstanden haben, wie diese 17 Millionen Ostler und heute sagen, mein Leben war früher besser, dann muss man sich doch als Gesellschaft fragen, was haben wir falsch gemacht. Das kann definitiv nicht sein. Da habe ich schon Angst, dass meine Filme an die falsche Adresse gelangen.

ON: Ist das nicht ein rein deutsches Problem? Ich mache aus Schweizer Sicht keinen Unterschied, ob nun ein Ballack oder eine Sarah Kuttner weiter östlich geboren sind als andere.

LH: Die Deutschen habe ein Merkmal: Neid und Minderwertigkeitskomplexe. Ich mag die Deutschen auch auf Grund dieser Tatsache, weil sie so unsicher sind in dieser Welt. Aber diese Angst, dass ein Anderer einem Etwas wegnimmt, oder ein Anderer Schuld ist an deinem eigenen Schicksal, schlägt jetzt zum ersten Mal auf sie selbst zurück. Sie stehen sich wie in einem Showdown mit den gleichen Charaktereigenschaften gegenüber, weil sie alle beide nun mal Deutsche sind, und merken dabei nicht, dass sie sich in Form eines Spiegelbildes anschauen. Wie Besucher im Zoo und keiner weiss, wer ist eigentlich das Tier und wer der Besucher. Wir werden ein Opfer der eigenen Charakterschwäche, wie die Katze, die sich selbst in den Schwanz beisst.

ON: Wie lebt sich damit, dass die eigene Vergangenheit immer wieder reinspielt in die Rezeption der Werke?

LH: Das ist gewollt und ich finde das auch ganz wichtig. Die Leute, die mir sagen, das war nicht so und wie kann man ja nur, denen zeig ich immer meinen Wehrdienstausweis und dann sind die immer platt.

ON: Haben sie das Computerspiel zu NVA schon einmal gespielt?

LH: Mein Computer ist voll abgestürzt, aber ich habe den Programmierern ein bisschen auf die Finger geschaut. Ich liebe Computerspiele. Ich bin ein grosser Freund von Ego-Shootern, Racer mag ich nicht so gerne. Die Entwickler haben aber gesagt, das komme am besten an. Es ist was fürs Büro, zum kurz reingucken. Da bleibt man nicht hängen wie bei Medal of Honor. Aber die DVD zu NVA kann ich empfehlen. Ich habe bei den Extras darauf geachtet, dass nicht alles Friede Freude Eierkuchen ist, sondern die wirkliche Auseinandersetzung des Regisseurs mit einem sperrigen Stoff. Dann gibt's ein Special, wo ich dreissig Minuten an einer Szene arbeite und ich würde sagen, es spricht nicht unbedingt für mich.

ON: Das ist mutig.

LH: Ja. Regisseure sind in der Regel nicht sympathisch.

ON: Besten Dank für das Interview.

Quelle: OutNow.CH

16.11.2005 00:00 / rm


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