Brothers Grimm: Interview mit Terry Gilliam

Immer wenn sich OutNow.CH an ein Filmfestival begab in diesem Sommer, war der Ex-Monty Python, der als Enfant Terrible unter den Regisseuren gilt, schon da.

Am NIFFF in Neuchâtel wollte Terry Gilliam nicht mit der Presse sprechen, in Locarno wollte das Presse Büro nicht, dass wir mit ihm sprechen. So blieb uns nur noch die Biennale in Venedig als allerletzte Chance. Er lud uns in seine Suite im Hotel des Bains ein, offerierte viele viele Thunfisch-Sandwiches und redet ohne Luft zu holen. Schliesslich gab es vieles nachzuholen.

OutNow.CH (ON): Bei deinen Dreharbeiten ist meistens nur von den Problemen zu hören.

Terry Gilliam (TG): Probleme? Wo? In New Orleans? Dort gibt's Probleme! Jetzt mal im Ernst, darüber zu reden ist reine Zeitverschwendung. Die Probleme sind mein Bier, nicht eures. Kümmert ihr euch um den fertigen Film. Darüber sollten die Leute jetzt reden. Jeder Film hat Probleme. Die einen mehr, die anderen weniger. Darüber wird einfach viel zu viel geschrieben. Sobald man darüber nachzudenken beginnt, dass es Probleme gab, sieht man den Film in einem ganz anderen Licht. Und damit schiesst man am Ziel vorbei. Der Film ist das Endprodukt. Mich macht er stolz, glücklich und zufrieden. Es ist mein Film, meine Schnittfassung! Und ja, es gab herrgott nochmal Probleme, bis der Film fertig wurde. (Er lacht)

ON: Dein Produzent Charles Roven sagte uns, dass du Tumult brauchst, um kreativ zu sein. Stimmt das?

TG: Ich kann mich dann besser konzentrieren. Wenn dir jemand etwas verbietet, hilft dir das beim priorisieren. Besonders bei teuren Filmen geht es nicht ohne ein bisschen zu feilschen. Das liegt in der Natur der Sache, weil viel Geld und damit auch eine Menge nervöser Leute im Spiel sind. Deshalb kommt es zu Machtkämpfen. Die gewinnt man, oder man verliert sie. Das, was zählt, ist aber das Resultat. Damit bin ich nun glücklich. Interessant bei diesem Film ist die ungewöhnlich lange Verzögerung. Im letzten Juni gelangte ich an den Punkt, an dem der Film für mich abgeschlossen war. Als ich das verkündete, sagte die andere Seite, so haben wir uns den Film aber nicht vorgestellt. Sowas ist normalerweise ein Wendepunkt. Man könnte einerseits weiterkämpfen. Da ich genauso gut kämpfen kann wie die Weinsteins (Die mächtigen Miramax-Produzenten Anm. der Red.) hätte es wohl einen Pyrrhussieg gegeben, und letztendlich hätte nur der Film darunter gelitten. Ich sagte denen deshalb, dass ich da noch einen anderen Film habe, den ich nun drehen werde. Ich verzog mich, um dann zurückzukommen, wenn sich der aufgewirbelte Staub gelegt hatte. Zu Beginn des Jahres riefen sie mich an und sagten mir, ich solle den Film so zu Ende bringen, wie ich das wollte. Irgendwie war es so das erste Mal, dass ich mich lieber verkroch statt zu kämpfen und trotzdem gewonnen habe. Vielleicht werde ich langsam alt. Auf jeden Fall ist das ganze lächerlich.

ON: Kann man sich an all den Stress gewöhnen, den es beim Filme drehen gibt?

TG: Ja. Ich denke, dass man sich daran gewöhnen kann. Ich lernte, die Sachen etwas ruhiger anzugehen. Das Schwierigste ist aber fokussiert zu bleiben. Es kommt vor, dass man es zu leicht nimmt, alles easy ist und plötzlich merkt man, dass die Sache aus dem Ruder läuft. Lange Drehzeiten gefallen mir deshalb nicht so, weil es schwieriger wird, konzentriert zu arbeiten. Kein Mensch behauptet aber, dass es einfach sei, Filme zu machen. (Er lacht.)

ON: Deine Arbeiten sind voller Fantasie. Ist das ein Teil deiner Persönlichkeit?

TG: Genau da liegt das Problem. Ich kann nur das machen, was ich bin. ((Er lacht) So ist es nun einfach mal. Das Original-Drehbuch von The Brothers Grimm war nicht von mir, aber ich schrieb es um, so dass ich es besser erfassen konnte. Wenn mir die Leute Scripts schicken, ist es immer schwierig. Ich lobe dann jeweils das Buch, muss aber sagen, dass ich keinen Schimmer habe, wie ich es verfilmen sollte. Weil es einfach nicht von mir ist. Ich sehe die Dinge einfach anders. Ich bau deshalb letztendlich immer mich in die Filme ein. Bei The Fisher King war das Buch ziemlich geradlinig. Ich begann, es umzubauen, so dass Jeff Bridges in einem Turm aus Glas und Stahl lebte. Ein kalter Ort, wo die Toten leben. Sehr fotografisch. Und Robin Williams lebt unter der Erde in einer Höhle. Es wird deshalb alles sehr mystisch. Das alles war im Original nicht drin, aber es war angedeutet. Es war eine Geschichte über die Suche nach dem heiligen Gral und einem Geschenk.

ON: Märchen sind oft auch sehr brutal. Wie hast du das in deinem Film ausgedrückt.

TG: Ich heuerte Monica Bellucci an. (Er lacht). Nein. Ich liebe an den Märchen, dass sie düster und gefährlich sind. Heutzutage schreibt man für Kinder ja nur noch niedliches Zeugs. Für mich waren die alten Geschichten immer eine Vorbereitung auf die Welt da draussen. Es gibt Hexen, Riesen, Drachen und andere schlimme Dinge. Es musste deshalb düster sein. Ich wollte auch das Brüderpaar testen, indem ich sie unterschiedlich zeichnete, der eine ist ein Träumer, der andere ein Pragmatiker. Ich wollte auch unbedingt einen Zauberwald, weil ich Wälder liebe und sie gefährliche Orte sind.

ON: Gab es ein Märchen, das in den Film sollte, schlussendlich aber keinen Platz fand?

TG: Nein, so war das nicht. Wir hatten die Geschichte und ich fügte jede Referenz an, die sich ergab. Sogar wenn er aus dem Fenster springt, schreit er "Rapunzel". Oder das Bett der Königin ist das von der Prinzessin auf der Erbse. Die hat etwa zwanzig Matratzen. All das war im Originaldrehbuch nicht drin. Ich fügte konstant Neues ein. Auch die alte Frau vor der Tür mit dem Apfel. Es ist deshalb grossartig, den Film mit Kindern zu sehen. Die gehen voll mit und machen ah und oh. Sie freuen sich, diese Querverweise zu finden. Das ist der Spass dabei.

ON: Ist die Prinzessin auf der Erbse nicht von Hans Christian Anderson?

TG: Vieleicht. Ist mir aber egal. (Er lacht) Meine Lieblingsgeschiche von Hans Christian Anderson ist "Des Kaisers neue Kleider". Aber ist die Prinzessin auf der Erbse wirklich von Anderson?

ON: Da bin ich mir sicher. Ich denke aber Anderson und die Grimms waren befreundet.

TG: Der Unterschied war, dass er die Märchen schrieb und sie sie nur sammelten. Selber schrieben die nichts. Das ist ja so interessant an ihnen, was mir aber gar nicht bewusst war, bis ich mich mit dem Film auseinander setzte. Historisch ist alles korrekt in dem Film. Die Invasion der Franzosen. Die Aufklärung fegte über Deutschland hinweg. Die Grimms waren besorgt, dass die ganze orale Tradition und das grossartige Erbe an Geschichten und Mythen verloren gehen würden. Sie begannen deshalb mit all den alten Damen und Herren zu sprechen und sammelten ihre Geschichten. Interessant ist, was sie mit den Geschichten machten. Ich habe immer Disney kritisiert, weil er alles vereinfacht hat. Dabei haben es die Grimms schon vor ihm getan. In der Erstausgabe vom Rapunzel hiess es noch, dass ihre Kleider zu eng werden und sie Bauchschmerzen plagen. Sie war klar schwanger vom Prinzen. In der Zweitausgabe wurde das gestrichen, weil auch die Brüder auf den Mittelstand als Publikum zielten. Das war ihr Markt. Die Welt war deshalb immer schon so. Wir alle sind im Grunde Huren.

ON: Peter Stormares Figur wird kontrovers dikutiert. Es gibt, die ihn mögen und andere gar nicht.

TG: Oh, ich liebe den Kerl! Er ist der neue Timothy Carey. Seine Darstellung überbordet komplett. Er war auf dem Dreh so lustig, schrie immer "Cavaldi". Er war zum Schiessen. Er brachte mich mehr zum Lachen als alle anderen. Ich denke auch, dass er ein grossartiger Schauspieler ist. Er kann von Hamlet bis zu Blödmännern wie Cavaldi alles spielen. Er bringt Intelligenz rein. Er entschied, dass seine Figur eine Art Schutzengel der Grimms werden sollte. Sogar Cavaldi sollte das nicht merken, aber auf die eine oder andere Art musste er sie retten. Dass er den Brüdern am Schluss ihr Notizbuch überreicht, war so nicht im Script. Aber Stormare sagte: "Nein, nein. Ich muss das Buch finden. Ich beschütze die Zukunft der Gebrüder Grimm und ihre Geschichten." Es ist wunderbar mit schlauen Schauspielern zu arbeiten. Die erfinden ständig was. Ich könnte das nicht. Wenn sich eine Möglichkeit ergab, musste er deshalb immer im Bild sein. Das wurde eine Art Spiel mit ihm. Ich weiss nicht, ob ihr jemals tom thumb mit Peter Sellers und Terry-Thomas gesehen habt. Die beiden sind die Bösen und genau wie Cavaldi. Solche Figuren siehst du heute nicht mehr. Für mich sind das auch typischen Vertreter aus den Märchen. Sie gehören in diese Welt. Bei den ersten Testscreenings war Peter gleichzeitig der beliebteste und meistgehasste Charakter. Ich dachte mir dabei: "Grrrrossartig!". (Er lacht)

ON: Dein Sohn ist auch im Film.

TG: Ja, er sagt ganz am Anfang: "The Brothers Grimm?".

ON: War es sein Wunsch aufzutreten oder deiner?

TG: Nein. Er wollte das. Ich sagte okay. Hier hast du eine Rolle. Jetzt will er Filmstar werden. Ich habe wohl gerade sein Leben zerstört. Er war vorher noch nie in einem Film zu sehen.

ON: Wie alt ist er jetzt?

TG: Er ist siebzehn. Es war lustig gestern abend, als wir per Auto an den roten Teppich kamen. Er sass auch im Auto. Ich stieg auf der Kinotürseite aus, er auf der Seite des Publikums. Sie riefen "Sexysexy!!!", er ging gleich rüber und begann Autogramme zu schreiben. Es war fantastisch!

ON: Als Kind würde ich gerne Brothers Grimm schauen gehen. Ich würde mich aber wohl zu Tode fürchten.

TG: Ja, so muss es sein. Die Kinder lieben es.

ON: Wie alt sollte man deiner Meinung nach sein, um sich den Film anzuschauen?

TG: Ich denke, man sollte neun oder zehn Jahre alte sein. Für die jüngeren ist es schon ein bisschen zu strub. Es kommt aber auf das Kind drauf an. Wir hatten viele Vorstellungen und die Weinsteins dachten immer, er sei für ein älteres Publikum gedacht. Ich sagte, ja aber bei den Kindern funktioniert das genauso. Ich sprach danach mit den Kindern und liess sie über die geeignete Altersfreigabe entscheiden. Sie sagten, jünger als neun sei zu jung. Ich vertraue den Kids normalerweise. Und ich haben den Film oft genug mit Goofen gesehen, und sie waren begeistert. Sogar mehr als ihre Eltern. Die Eltern machen sich immer zu viele Sorgen. Die Kinder begeben sich einfach auf die Reise. So habe auch ich die Märchen in Erinnerung, als ich noch ein Kind war. Sie erschraken mich, aber du kommst sicher am anderen Ende wieder raus. Das Happy End ist dir gewiss.

ON: Deine Fans sind erleichtert, dass nach dem Desaster mit dem Don Quixote-Film wieder mal ein Film vollendet wurde. Was denkst du über die Lost in La Mancha-Dokumentation?

TG: Der Dokumentarfilm ist grossartig. Alles darin ist wahr. Anschauen kann ich ihn aber nicht. (Er lacht) Es deprimiert mich, ihn mir anzuschauen. Es ist eine gute Momentaufnahme. Es war damals lustig, weil sie auch depressiv wurden, als der Film zu kollabieren begann, weil sie ja eine Making-of drehen wollten. Ich sagte ihnen, dass sie einen besseren Film haben hier. Dreht weiter! Das ist unbezahlbar! Andere Leute hatte ähnliche Probleme, als sie Filme in den Sand setzten, aber da war niemand da, um es aufzunehmen. Jetzt gibt es diesen Film und alle Filmemacher, die ich kenne, schauen ihn sich an, und sie wissen genau, worum es dabei geht.

ON: Hattest du jemals an dir selbst gezweifelt?

TG: Ich nahm sofort andere Arbeit an, was meiner Meinung nach die Depression verzögerte. (er prustet los) Die kam erst, als ich zusagte für The Brothers Grimm. Da kamm endlich der Moment, wo ich dachte, Scheisse ich werde nie mehr arbeiten. Ich muss aber wieder arbeiten. Und obwohl es nicht mein Script war, sagte ich, lass es uns tun. Los! Ich kam wieder auf Touren. Es war also gut so.

ON: Gab es den Druck, dieser Film müsse nun ein Erfolg werden, weil sie dich sonst beerdigen würden?

TG: Nein. So etwas dachte oder fühlte ich nie. Aber riesige Erwartungen von den Leuten mag ich schon nicht. Ich habe lieber Erwartungen, die nicht allzu gross sind. Es gibt dieses Gefühl des "Oh-oh", wenn alle auf eine wichtige Szene warten. Das macht mich wütend, weil es eigentlich nicht so sein sollte.

ON: Kreierst du vor deinem geistigen Auge den Look eines Filmes schon im voraus?

TG: Er wächst mit der Zeit heran. Am Anfang ist man von Zeichnungen und Illustrationen beeinflusst. Dann geht das eigentliche Filmen los und man kann natürlich nicht alles machen, und es beginnen die ersten Verschiebungen.

ON: Gabe es da bestimmte Bilder?

TG: Ja. Wir betrachteten Deutsche Kunst aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Für bestimmte Dinge hatten wir vieles von Caspar David Friederich. Auch Arthur Rackham, eine Engländer, hatte viele Märchen illustriert. Harry Clark, auch er aus dem 19. Jahrhundert, war hilfreich bei den Kostümen und den Details. Die intensive Beschäftigkeit kam von ihm. Und Gustave Doré. Immer wenn mir die Ideen ausgingen, holte ich mir einen Doré. (Er lacht) Ich klaue ja grundsätzlich überall. Das wird dann so was wie eine Collage. Es wird ab einem bestimmten Zeitpunkt etwas Einzigartiges, benutzt aber trotzdem viele Referenzen. Beim Dreh ist es dann ziemlich instinktiv. Ich zeichne dann nicht mehr so viele Story Boards. Ich liess die Schauspielerinnen und Schauspieler entscheiden, was zu tun sei. Das ist interessanter. Ich habe aber immer noch sehr spezifische Ideen. Ich täusche mich auch selber, in dem ich denke, das ich nicht genau weiss, was ich tue. Das hilft mir, weil ich so tun kann, als sei ich ein Erstlingsregisseur, wenn ich ans Set gehe.

ON: Heutzutage kann vieles mit Computereffekten erreicht werden. Du brauchst sie aber nicht sehr oft.

TG: Unglücklicherweise habe ich es aber in diesem Film getan. Es gibt etwa 800 CGI-Shots in diesem Film. Alles. Wie denkst du, hätten wir sonst den Spiegel machen können? Es gab keinen Spiegel in der Szene mit der Königin.

ON: Wieso unglücklicherweise?

TG: Ich wollte ursprünglich mit Modellen arbeiten, mit Animatronik. Weil es immer etwas Überraschendes hat, wenn Reales mit Realem interagiert. Man kann das nicht komplett kontrollieren, und es entstehen so nette Überraschungen. Wir bauten Bäume und keiner sah gut aus. Deshalb wurde es dann halt trotzdem CGI. Ich arbeitete aber hart. Ich habe meine eigene Firma für die Effekte und ich verbrachte viel Zeit mit den Animateuren, in dem ich sie dazu brachte, sich die reale Welt anzuschauen. Sie schauen sonst nur auf den PC-Bildschirm. Sie versuchten immer alles zu schön, zu glattgeleckt zu machen. Ich musste es ihnen verbieten. Wenn ein Baum sich bewegt, ist das nicht wie im Ballet. Das muss seltsamer aussehen. Oder wenn der Wolf springt, würde er nicht perfekt landen, sondern vielleicht ein wenig gleiten. Ich versuchte, es ihnen klar zu machen, und habe dabei letztendlich nur all die schönen Bilder von ihnen zerstört.

ON: Wie sehr warst du beim Casting involviert?

TG: Von A bis Z.

ON: Auch für die kleineren Parts.

TG: Alle. Deshalb drehe ich Filme. Weil ich davon besessen bin, kümmere ich mich um jedes Detail. Jedes Glas, jeder Gegenstand. Das ist gefährlich weil man so leicht zu Stanley Kubrick werden kann, wenn man nicht aufpasst. Das würde dein Ende bedeuten. Obsessionen werden immer bekämpft, weil sie ein Wahnsinn sind. Nach einer Weile verfängt man sich in Detailfragen und alles, was nicht perfekt ist, kann nicht gedreht werden. Das muss ich öfters bekämpfen.

ON: Du hättest A.I. drehen sollen.

TG: Da gab es ein paar seltsame Vorgänge damals. Offensichtlich wollte Kubrick, dass ich ein Sequel zu Dr. Strangelove drehte, bevor er starb.

ON: Hast du ihn getroffen?

TG: Nein. Ich habe nur am Telefon mit ihm gesprochen. (Er lacht)

ON: Warst du interessiert?

TG: Nein. Es ist ein wundervoller Film. Wieso sollte man davon eine Fortsetzung drehen? Was er sich dabei wohl dachte, war eine moderne Aussage zur heutigen Zeit zu geben. Über den Wahnsinn von heute.

ON: Hat er A.I. erwähnt?

TG: Nein. Ich sprach mit Kubrick vor langer Zeit, als er gerade The Shining drehte. All das höre ich nur über Umwege. Kubrick schloss sich mehr und mehr ein.

ON: Du bist also nie mit ihm abgehangen oder hast dich mit ihm getroffen?

TG: Nein. Die grösste Enttäuschung war - ich glaube kurz nach der zweiten Staffel vom Flying Circus, als meine Frau und ich nach Griechenland fuhren. Wir waren zum Camping in Europa - als ich zurückkam, war da ein Brief von Stanley Kubrick. Er wollte, dass ich die Titel im Vorspann von A Clockwork Orange machte. Ich dachte, grossartig! Mein Held! Aber er wollte sie bis ans Ende der Woche. (Er lacht) Dann drehte er The Shining. Er rief mich an und war auf der Suche nach einem Art Director, der mit ihm arbeiten würde, weil er selber designen wollte. Er hatte Kataloge voller Architektur, Fenster und Türen und dergleichen. Auch das wollte er alles sehr rasch haben. Ich suchte überall, aber keiner wollte mit ihm arbeiten, weil, wenn man einmal mit ihm gearbeitet hat, arbeitet man nie wieder. Ich meine, da drehst du durch, der ist so obsessiv. Als ich ihm dann mal eine Nachricht hinterliess, dass ich mal mit ihm Essen möchte, hörte ich nie mehr von ihm.

ON: Warst du noch in Kontakt mit Hunter S. Thompson nach Fear and loathing in Las Vegas?

TG: Ja. Hunter ist aussergewöhnlich. Sein Tod war sehr traurig. Aber er tat das richtige. Es hat mich beeindruckt. Er arbeitet sehr viel. Schlief den ganzen Tag und war die ganze Nacht wach. Als wir den Film drehten, musste Johnny Depp seine tägliche Arbeit verrichten, nach Hause gehen und mit Hunter bis zwei, drei Uhr morgens am Telefon reden. Ich durfte nichts davon wissen. Hunter war aussergewöhnlich. Es gibt keinen Zweiten wie er. Es entstand ein grosses schwarzes Loch im Kosmos, als er verschwand, weil er so smart, unverschämt und nicht zu halten war

ON: Weshalb war sein Tod die richtige Entscheidung?

TG: Das, letzte was er sein wollte, war alt und verkrüppelt. Er war eitel. (Er lacht) Er hatte Schmerzen. Ich denke, Selbstmorde sollte man unterstützen. Ein bisschen Würde im Tod sollte da sein. Die Menschen sollen aus dem Leben scheiden, wann und wie sie wollen. (Er lacht)

ON: Du lebst in London. Siehst du deine Monty Python Kumpels gelegentlich?

TG: Ach wir sind immer noch die zerrüttete Familie. Wie es immer schon war. Mike Palin, Terry Jones and ich leben alle sehr nahe beieinander im Norden Londons. Wir sehen uns deshalb oft. John Cleese und Eric Idle leben in Kalifornien. Die sehe ich deshalb weniger oft. Wir hatten ein gemeinsames Abendessen vor zwei Monaten. John war in London, wir kamen deshalb zusammen. Wir sprachen immer über Projekte, die nie zu Stande kamen. Das einzige, was wirklich passierte, war natürlich SpamAlot. Vor allem dank Eric Idle. Er arbeitet hart dafür. Wie überliessen ihm den Holy Grail und sagten, mach damit, was du willst. Er arbeitete fünf Jahre daran und es wurde ein Erfolg. Es basiert offensichtlich auf den Pythons. Aber wenn er sich nicht so ins Zeug gelegt hätte, wäre nichts daraus geworden. Wenn mit der Truppe je mal wieder was passieren sollte, muss einer von uns sich dafür den Arsch aufreissen. Wir sind einfach zu chaotisch. Wir sind in der Weltgeschichte zerstreut und alle drehen ihr eigenes Ding.

ON: Wäre es dir jemals in den Sinn gekommen, einen davon für The Brothers Grimm zu engagieren.

TG: Nein. Niemals. Mit denen zu arbeiten, ist unmöglich.

ON: Kannst Du dir vorstellen, wieder mal als Schauspieler zu agieren?

TG: Ich? Nein! Ich habe nie geschauspielert, nur den Affen aus mir gemacht. (Er lacht)

ON: Könntest du dir vorstellen, einen kompletten Animationsfilm zu drehen?

TG: Nein. Das interessiert mich nicht. Ich will mit Schauspielern arbeiten.

ON: Wie wäre es mit etwas wie The Polar Express? Der Film war schrecklich, aber die Technik ziemlich interessant.

TG: Ich habe den nicht gesehen, aber es beunruhigt mich. George Lucas und Robert Zemeckis werden immer verrückter. Ich kann Star Wars nicht mehr sehen. Die ganze Menschlichkeit ist weg. Das sind nur noch Puppen. Ich weiss, dass Zemeckis schon wieder einen Film dreht, in dem alle Figuren vom Computer animiert sind. Gabriella Pescucci, meine Kostümbildnerin in Grimms, wurde für diesen Film engagiert. Jetzt schneidert Gabriella Kostüme für Schauspieler, um ihnen zu einer spezifischen Grösse oder Form zu verhelfen. Auch die Materialien sind präzise gewählt. Alles ist sehr wichtig. Aber dann nimmt Zemeckis sie nur als Design und lässt den Computer die Arbeit beenden.

Quelle: OutNow.CH

10.09.2005 00:00 / rm


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