Locarno 2005: Das Interview mit John Malkovich

John Malkovich persönlich zu treffen hat etwas Faszinierendes. Er benutzt ein extensives Vokabular, macht aber Kunstpausen mitten in den Sätzen, so dass man manchmal befürchtet, dass da nicht mehr viel kommt. Wenn man aber mal seine Aufmerksamkeit erhaschen konnte, merkt man dies sofort. Er hört auf zu blinzeln.


Der umtriebige Schauspieler, Produzent und Regisseur sass auf der Terasse des Luxushotels in Ascona, wo jeweils auch die Miss Schweiz Kandidatinnen kaserniert werden, wenn das Krönchen im Tessin aufgesetzt wird. Malkovich sagte einmal er kleide sich wie ein Schweizer Bankier, der entlassen wurde. Wenn der Anzug, den er beim Interview mit OutNow.CH trug, modische Rückschlüsse erlaubt, wäre das eine olive-lachsfarbene Krawatte aus Wolle und eine Schweizer Uhr so gross, dass man auf dem Zifferblatt eine Pizza vierteln könnte.


Der Amerikaner kam ans Filmfestival in Locarno, um den Locarno Excellence Award in Empfang zu nehmen. Am Morgen unterhielt er Presse und Publikum mit einer Rede über die Unterschiede zwischen Theaterbühne und Kino. Er sprach dabei auch über einige seiner geplanten Projekte. Das interessanteste dabei ist Robert Zemeckis' Beowulf, wobei er mit Anthony Hopkins und Robin Wright Penn zusammenarbeiten würde. Beowulf wird wiederum in der Motion-Capture Animation Technologie gedreht werden, die Zemeckis schon in The Polar Express verwendete. Die Geschichte basiert auf dem epischen Heldengedicht, welches die Geschichte des Skandinavischen Kriegers, der gegen das legendäre Monster Grendel kämpft, erzählt.

Da dies eine ziemlich überraschende Neuigkeit darstellt, war die erste Frage von OutNow.CH die offensichtliche.

OutNow.CH (ON): Welche Rolle spielst du in Beowulf?

John Malkovich (JM): Ein Art Berater des Königs. Ich kenne die neueste Script-Version aber noch nicht. Die wird auf dem Tisch liegen, wenn ich wieder zu Hause in Frankreich bin.

ON: Bist du in dem Film definitiv dabei?

JM: 100 Pro ist es noch nicht, aber sehr wahrscheinlich.

ON: Heute morgen hast du auch kurz eine White Trash Version von Hamlet angesprochen.

JM: Dabei handelt es sich um ein Drehbuch, das unsere Produktionsfirma in Planung hat. Hamlet wird ein texanischer Quarterback sein. Seine Mutter ist der Sheriff. Ich werde ein Rolle übernehmen.

ON: Bist du eine Person, die das Risiko schätzt bei der Wahl von Projekten?

JM: Ich habe gerne die freie Wahl und möchte zu jedem Zeitpunkt, das tun, was mir gefällt. Ich habe viele Filme - oder wenn wir schon dabei sind Stücke - ausgewählt, bei denen es zweifelhaft war, an irgendeinen Erfolg zu denken. Ich mache gerne Sachen, die mich interessieren, mit den Leuten, die mich interessieren.

ON: Machst du einen Unterschied zwischen den Arthousefilme wie die von Raoul Ruiz und den Blockbustern wie Con Air und In the Line of Fire?

JM: Die Arbeit ist dieselbe. Ich fühle mich deshalb nicht besonders anders. Ein grossartiges Theaterstück spielt man nicht anders als ein grottenschlechtes. Eine Tragödie ist im Grunde dasselbe wie eine Farce.

ON: Was ist denn einfacher, auf der Bühne oder vor der Kamera zu agieren?

JM: In einem Bühnenstück musst du jeden Abend etwas Lebendiges kreieren, das auch ohne dich weiterlebt. Filme sind das nicht. Die müssen nicht lebendig werden. Ich denke, beides ist nicht ganz so einfach.

ON: Du bist vor allem für deine Bösewichte bekannt. Was bringt die Leute dazu, zu denken, dass man böse ist auf der Leinwand?

JM: Die kürzeste Antwort darauf wäre, dass ich mache, was andere nicht wagen, weil sie Angst haben oder eine Bestrafung fürchten.

ON: Wirst du auch wieder mal auf dem Regiestuhl sitzen?

JM: Ich plane einen Film mit dem deutschen Produzenten Stefan Arndt: The Crime of Olga Arbelina basierend auf dem französischen Roman des russischen Autoren Andreï Makine. Ein sehr guter Schriftsteller, der schwierig zu kategorisieren ist.

ON: Du sagtest, du gibt's nicht gerne Ratschläge beim Regie führen. Was aber machst Du, wenn die Schauspieler nicht spuren?

JM: Kommt drauf an, ob es Theater oder Film ist. Es gibt eine Gemeinsamkeit, obwohl ich ansonsten denke, dass es ganz verschiedene Metiers sind. Als Publikum - und wenn man Regie führt, ist man Teil des Publikums - verliert man das Interesse, wenn man nicht mehr daran glaubt. In anderen Worten, die Dinge ziehen uns nicht mehr in den Bann, weil wir nicht an das glauben, was wir sehen. Als Theaterregisseur muss man erforschen, was der Grund sein könnte für den Unglauben. Das versuche ich jeweils. Das ist mein theoretisches Verständnis der Arbeit. Ich habe aber noch nicht viele Leute gefeuert.

ON: Du hast Bleistiftzeichungen in deinem Schoss. Was skizzierst du gerade?

JM: Das sind einfach Modezeichnungen, die ich beenden sollte.

ON: Du designst nun schon lange Kleider. Was fasziniert dich daran, und woher nimmst du dir die Zeit?

JM: Als Schauspieler wartet man oft und tut nicht viel. Deshalb zeichne ich ziemlich oft. Es gibt viel zu tun und enorm viel Zeit geht dabei drauf. Ich würde aber nicht sagen, dass ich es unbedingt nötig hätte. Ich mache es einfach ziemlich gerne.

ON: Trägst du von dir Designtes?

JM: Ich kann es mir nicht leisten. Ich habe nur sehr wenige Sachen aus der eigenen Kollektion.

ON: Being John Malkoivich scheint die offensichtliche Wahl zu sein für die Piazza Grande heute Abend. Welchen Film hättest du gezeigt, wenn es nach Dir gegangen wäre? Es kann irgendein Film sein oder einer mit dir.

JM: Mir war es ziemlich egal, was sie zeigen wollten. Sie haben mich gefragt und ich erwähnte zwei Filme, die ich als Schauspieler abgedreht habe. Aber aus verschiedenen Gründen waren die nicht erhältlich und sie haben sich für Being John Malkovich entschieden.

ON: Welche Filme waren das?

JM: Neue Filme. Einer von Raoul Ruiz über den Maler Klimt, ein anderer, den ich vor eineinhalb Jahren drehte, der Colour me Kubrick heisst. Ich kenne aber die Releasepläne für beide Filme nicht. Soweit ich weiss, sollten beide fertig sein.

ON: Möchten sie einmal in den Kopf einer anderen Person geraten, und wenn ja, welches Gehirn würden sie entern?

JM: Nein. Wenn mein Kopf ein Hinweis ist, wäre es mir lieber keinen anderen Kopf zu betreten.

Quelle: OutNow.CH

11.08.2005 00:00 / rm


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