Hitch: Interview mit Andy Tennant

"Tschechov" ist nicht unbedingt ein Name, den man vom Regisseurs, dessen erster Spielfilm die Olsen Zwillinge in den Hauptrollen hatte, zu hören erwartet im Interview. Aber der ehemalige Theaterstudent Andy Tennant ist facettenreicher als man denkt.

Seine Ausbildung zum Tänzer verhalf ihm zu Rollen in Grease und dem dazugehörigen Sequel. Das hat nicht einmal John Travolta geschafft. Nach der modernisierten Aschenputtel-Version Ever After und vor allem dem in den USA sehr erfolgreichen Sweet Home Alabama mit Reese Witherspoon ist er heute der Spezialist für romantische Komödien. Bevor seine Filmkarriere aber richtig in die Gänge kam, arbeitete er mit an zwei der coolsten Fernsehserien der 90er Jahre: Wunderbare Jahre und Parker Lewis - Der Coole von der Schule. Als OutNow.CH ihn in Berlin traf, war er immer noch ganz erfreut über die Reaktion des Publikums an der Premiere von Hitch am Vorabend. Tennant geht also richtig mit, auch wenn es im Grunde "nur" eine Auftragsarbeit vom Superstar Will Smith für dessen neuestes Starvehikel war.

Andy Tennant (AT): Warst Du gestern Abend im Kino? Gestern Abend war richtig abgedreht!

OutNow.CH (ON): In welchem Sinn darf man das verstehen?

AT: Purer Enthusiasmus. Ich war auf Deutschland und ein Festivalpublikum vorbereitet worden und es hätte ja sein können, dass das Publikum gar nicht zur Premiere ging.

ON: Ist denn die Reaktion des Publikums hier mit der eines amerikanischen Publikums zu vergleichen?

AT: Nein, das gestern Abend war noch besser - die bisher beste Vorstellung! Das Publikum in Vegas zum Beispiel, wo wir eine Filmpreview durchführten, fuhr wieder anders, in einer seltsam durchgedrehten Art, auf den Film ab. Man kann sich so was gar nicht vorstellen. Du machst deinen Film und hoffst, dass das Publikum ihn mag. Aber die Leute dort liebten ihn fast abgöttisch. Beim darauf folgenden Preview auf Ellis Island war die Menge zwar durchaus humorvoll, aber das waren Leute aus der Branche. Der Film hat ihnen gefallen und ich dachte damals, dass dies schon ziemlich gut sei. Dann, als der Film in Los Angeles startete, waren wir in Brasilien, und ich verpasste, wie die zahlenden Leute auf den Film reagierten.
Und nun komme ich hierher [nach Berlin] und kriege mit, dass die Leute sogar während einiger Szenen klatschen und applaudieren. Die haben im Kino richtig gejohlt und gebrüllt!

ON: War Eva Mendes die erste Wahl für die weibliche Hauptrolle? Sie hörte, dass sie nicht die Einzige für den Part gewesen sei.

AT: Nein, ich denke nicht, dass ausser ihr noch jemand anderer im Gespräch war. Es ging so: Will Smith hat mich engagiert, und als ich den Job hatte, haben wir nur noch darüber gesprochen, Eva Mendes die weibliche Hauptrolle zu geben. Als ich also dazu kam, waren die Hauptrollen bereits mit Will Smith und Eva Mendes besetzt. Ich weiss selber nicht, ob ich je erste Wahl gewesen war.

ON: Wie stand es mit Kevin James? War er damals schon mit dabei? War er dein Favorit?

AT: Es war unsere alleinige Entscheidung. Man musste King of Queens gesehen haben, was ich jedoch nicht hatte. Also sendeten die mir eine ganze Sammlung seiner Arbeit. Da habe ich gecheckt, dass dieser Typ wahnsinnig komisch ist.

ON: Wie ist es, mit diesen zwei Comedians Will Smith und Kevin James zusammen zu arbeiten?

AT: Warst du gestern an der Pressekonferenz? Weil, so wie da, ist es immer mit denen. Genau so.

ON: Das war keine Pressekonferenz. Das war vielmehr ein Theaterstück.

AT: Aber es war "off Broadway" und es machte Spass, oder? Ich habe bereits mit ernsthafteren Schauspielern zusammengearbeitet und das hat mir ebenfalls Spass bereitet. Aber das ist wiederum ein total anderes Paar Schuhe. Will Smith hat derart viel Energie, dass man als Gegenüber gar nicht weiss, wo und wie man die unterbringen kann. Ich kenne Will Smith nun bereits seit eineinhalb Jahren und habe ihn in dieser Zeit nur zweimal müde, respektive ruhiger gesehen. Doch die meiste Zeit ist er einfach voll dabei und widmet sich mehr als 100% seiner Arbeit.

ON: Und was ist sein Geheimnis?

AT: Er ist in einem natürlichen Dauerhoch. Da draussen gibt es unzählige Comedians, die vor der Kamera wie Will Smith sind. Doch sobald die Kamera nicht mehr läuft, "laufen" jene Comedians regelrecht auf Sparflamme oder sind ganz ausgelöscht. Solche Comedians, wie zum Beispiel Bill Murray und Mike Myers, wollen schlichtweg nach einem "Cut" nicht gestört werden. Aber in dieser Beziehung muss man sich bei Will Smith keine Sorgen machen. Auch im Flugzeug unterwegs tut er nicht eigenbrötlerisch, sondern verhält sich kollegial und offen. Ich durfte mit ihm während der Flüge ein paar wirklich unglaubliche Gespräche über Politik, den Krieg und die Weltwirtschaft führen.

ON: Was ist es, was dich an romantischen Komödien so reizt?

AT: Ich mag Humor, aber ich würde sagen, dass Anna and the King nicht wirklich lustig war. Ich glaube, dass die Liebe ein eigentlich wunderbares Problem in unseren Leben darstellt, dass wir nie lösen. Für mich ist es ohne Ende faszinierend, den Menschen dann zu erforschen, wenn die Liebe in sein Leben tritt oder sie ihn verlässt. Mein Background ist das Theater. Während des Theaterstudiums geht man von Shakespeare zu Molière, von Tschechov zu Euripides. Diese Autoren konnten sich für ein komisches oder ein dramatisches, romantisches Werk entscheiden. Doch dabei geht es immer um die Liebe. Momentan bin ich in meiner Molière-Phase, ich gebe Gas und will Spass. Doch im Hinterkopf tendiere ich mehr Richtung Tschechov: ich möchte eher den Kummer und die Seelenqualen studieren, als die komödiantische Seite der Liebe.

ON: Wenn du grad von seelischen Schmerzen sprichst: Welches war deine schlimmste Erfahrung auf einem Date?

AT: Da gibt es eine, die ist wirklich die Schlimmste: Ich bin mit einem Mädchen ausgegangen - keine Ahnung, wie ich sie damals dazu überreden konnte, mit mir auszugehen. Vom ersten Moment an, als ich sie bei sich zu Hause abholte, wusste ich, dass dies kein "Date" ist oder werden kann. Und dies ist wirklich schlimm. Nun, wir gingen zusammen ins Theater, gingen Essen und als wir heimfuhren, wussten wir, dass der ganze Abend ein pures Desaster gewesen war. Als wir während der Rückkehr im Stau stecken blieben, fing sie an von ihrer Affäre mit diesem verheirateten Mann zu erzählen. Es war grässlich. Natürlich begleitete ich sie noch bis zu ihrer Wohnung im zweiten Stock gleich neben der Treppe. Übrigens: Es war in keinem Vergleich zu dem, was Albert im Hitch erlebt. Ich verabschiedete mich von ihr, stolperte über die Fussmatte und fiel die ganze Treppe vor ihrer Wohnung runter. Der gemeinsame Abend war aber dermassen schlecht verlaufen, dass sie nicht einmal mehr richtig nachschaute, was mit mir passiert war. Sie fragte einfach "Bist du okay?". Hey, ich war 25 Stufen heruntergefallen! Ich hätte tot sein können! Sie hätte wirklich nur die Ambulanz rufen brauchen, das wäre wohl eine angemessene Reaktion gewesen. Aber sie fragt einfach nur: "Bist du okay?". Ich schrie vor Schmerz und lag dabei buchstäblich noch auf dem Rücken, als ich das Knallen ihrer Türe hörte.
Mein erstes Date mit meiner Ehefrau wiederum war ziemlich gut. Aber bis zu unserem zweiten Date dauerte es dann drei ganze Jahre.

ON: Was passierte in der Zwischenzeit?

AT: Das Timing war einfach zu schlecht. Trotzdem hatten wir eine grossartige Zeit zusammen. Sie sagt, dass sie damals all ihren Freunden gesagt hat, dass sie mich - nach diesem ersten Date - heiraten werde. Es war und ist also eines dieser eher seltenen Glücksmomente, von denen ich im UK-Glamour-Magazin neulich gelesen habe: Diese "acht von zehn Frauen sagen" Kuss-Umfrage [Anm.: In etwa "ein Kuss und frau weiss Bescheid, ob der Frosch da gegenüber überhaupt in Frage kommt."], die immer wieder gemacht wird. Also, acht von zehn Frauen glauben daran. Naja, wenn Glamour das so schreibt, muss es wohl wahr sein.
In Hitch sollte es eine Szene geben, in der er seine Post holt und sein Briefkasten ist voller Frauenzeitschriften; alles, was man(n) tun muss, ist europäische Ausgaben von Magazinen wie Cosmopolitan und Glamour zu lesen. Die schreiben über Themen wie "10 Tipps für besseren Sex" und solche Dinge. Und man(n) denkt: "Wenn ich das gewusst hätte, würde mir die Welt zu Füssen liegen."

ON: Um was geht es - in deinen eigenen Worten - im Film?

AT: Mir wurde schon gesagt, ich sei altmodisch. Aber der Film ist nicht zynisch... und das mit Absicht. Man kann überall sonst auf der Welt und in jedem anderen Film Zynismus finden. Ich wollte einfach den Leuten dieses zynische Muster für zwei Stunden ersparen und ihnen zeigen, was die Personen im Film versuchen - wie sie mit ihren Gefühlen umgehen. Ich finde, es gibt ein paar wirklich herzliche Dinge im Film. Zum Beispiel während des "Speed Datings", als sie ihm vorwirft, er manipuliere Frauen, und er ihr erklärt, dass er den Männern bloss hilft, den Anfang einer Chance zu finden, damit solch super Typen wie Albert - die meistens übersehen werden - eine gleiche Ausgangslage wie der Rest kriegen. Um diese Aussage geht es im Film. Wir alle haben schon versucht, uns jemandem anzunähern der - wegen irgendeines blöden Arschlochs, das vieles zerstört hat - auch kein Vertrauen mehr in ein freundliches, rücksichtsvolles Gegenüber hat. Das ist in meinen Augen die Grundaussage des Filmes. Dates zu finden und zu haben sowie all das rundherum bereiten jedem, der es damit ernst meint, Zweifel und schlaflose Nächte.

ON: Du hast an vielen TV-Shows wie Wonder Years und Parker Lewis gearbeitet. In welcher Beziehung ist diese Arbeit unterschiedlich zur filmischen?

AT: Es ist genau das selbe; man dreht eine Einstellung nach der anderen. Mein bester Freund, Regisseur Brad Silberling, der Lemony Snicket gedreht hat, macht komplett andere Filme; ein wirklich ganz toller Mensch. Wir sind zusammen im Business losgezogen und haben beide TV gemacht. Wir haben unseren ersten Filmjob im selben Monat gekriegt und waren glücklich, in der Director's Guild zu landen. Doch als wir mit Filmemachen begannen, sagten wir uns gegenseitig: "Okay. Warte mal einen Moment. Das ist ja derselbe Job!" All das, was "die anderen" über irgendwelche Unterschiede erzählen ist Stumpfsinn. Es ist dasselbe. Während meiner Arbeit bei Parker Lewis und Wonder Years lernte ich, auf dem Boden der Tatsachen zu stehen und handfeste Entscheidungen innert einer kurzen, festgesetzten Zeitspanne zu treffen. Man hat schlichtweg nicht die Zeit, zu lange hin und her zu überlegen, weil der Ausstrahlungstermin die absolute Deadline ist. Bei einem Film geht es in Richtung: "Was machst du nach dem Mittagessen? Wir haben die Szene ja schon im Kasten. Unser Tagessoll ist damit erfüllt." Es geht nur um Zeit und Geld, doch sonst machen wir dasselbe.

ON: Unsere Besucher auf der Website scheinen Parker Lewis sehr zu mögen - die Serie ist immer wieder Gesprächsthema in unserem Forum. Hast Du irgendwelche Erinnerungen zu dieser TV-Show, die Du gerne mit uns teilen würdest?

AT: Ich habe mit dieser Show begonnen. Als am Pilot gedreht wurde, hatte der Original-Regisseur keine dieser Kameradinge in der Show. Die haben all das während der Post-Produktion gemacht - das Bang-Zoomen, die Snaps und all die Dinge.
Als wir uns zusammensetzten sagten sie mir, dass das der Pilot sei, sie ihn jedoch nicht so überarbeiten wollten. Wir sollten alles schon am Set so einrichten. Und so habe ich das Ruder übernommen und die Kameras gesetzt. Am zweiten Drehtag kamen sie zu mir und haben mir gleich angeboten, sämtliche Teile für die erste Staffel zu drehen. Meine Antwort darauf war negativ. Es war schlichtweg zu verrückt. Aber es wurde ein Riesenerfolg. Diese Leute waren dermassen lustig. Die Frau, die die Direktorin spielt, war sowohl vor als auch hinter der Kamera der pure Spasshammer. Sie war einfach bei allem sofort dabei.

ON: Gab es viele Szenen, die für die Endversion von Hitch nicht verwendet werden konnten?

AT: Es gab da eine zwölfminütige Sequenz, die wirklich grossartig war: Als Albert während des Basketball Spiels den Senf auf sein Hemd kleckert, sieht Allegra ihren Ex-Freund Savy auf der anderen Seite des Spielfeldes. Dieser Savy kreiert eine gewisse Unruhe, was wiederum Albert völlig aus dem Konzept bringt. Albert geht in Richtung Ausgang. Hitch, der mit seinen Kumpels am Bowlen ist, sieht Albert am TV und erkennt, was dieser vorhat. Hitch rennt sofort zum Madison Square Garden los. Albert und Hitch diskutieren noch im Ausgangsbereich und Hitch bringt Albert - mit einer entgegengesetzten psychologischen Manier - in eine solche Rage, dass dieser zurück zu Allegra geht. Als dann Albert und Allegra zusammen das Stadion verlassen, sehen sie den Ex, Savy, wieder, eine Art Royal ähnlich wie Prinz William. Anschliessend sprechen Albert und Allegra in der Limousine miteinander - eine wunderbare Szene. Sie wird auf jeden Fall auf der DVD zu sehen sein. Das war aber die einzige Sequenz, die rausgeschnitten wurde. Der Rest ist ziemlich genau so wie die erste Schnittversion.

ON: Bleibst du als Regisseur sehr nahe am Script?

AT: Ja. Du wärst überrascht, wie detailgetreu und mit welcher Besessenheit man an einem solchem Film arbeiten muss. Wie ich gesagt habe, ich komme vom Theater, wo es darum geht, die Darstellung abzusichern. So ein Regisseur bin ich auf jeden Fall. Ich bin keiner, der einfach dreht oder die Kamera laufen lässt - kein Michael Bay. Die Bilder und das "lasst uns die Kamera den ganzen Tag am selben Ort laufen" ist für mich zu langweilig. Comedy, im Speziellen, ist für mich wie Musik. Es ist vergleichbar mit einem Kammerorchester. Man hat ein Cello, eine Violine, eine Oboe und ein Fagott. Es dreht sich alles ums Gehör, den Klang und die musikalischen Zeilen. Man muss alle zusammenbringen, damit die Musik harmoniert. Genauso funktioniert es bei der Comedy.

ON: Ich möchte dieses Interview gerne mit Stichworten oder Sätzen beenden, worauf Du einfach mit deinen ersten Assoziationen antwortest.

AT: Okay.

ON: Wonder Years

AT: (Stille) Das Erste, was mir in den Sinn kommt? Wonder Years? Ein uralter Hut.

ON: Parker Lewis

AT: Spass

ON: Grease

AT: Die beste Zeit, die ich nie hatte.

ON: Will Smith

AT: Beeindruckend

ON: Comedies sind einfacher als Action-Filme

AT: Nicht wahr!

ON: Die Schweiz

AT: Fabelhaft

ON: Interviews

AT: Cool.

ON: Vielen Dank für das Gespräch.

Quelle: OutNow.CH

19.02.2005 00:00 / rm


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