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The Life Aquatic: Interview mit Wes Anderson

Ein bisschen über dreissig. Gerade mal vier Filme abgedreht und schon von Cate Blanchett als Auteur bezeichnet. Bill Murray wird wohl so lange weiter unter Wes' Ägide Filme drehen, bis die Academy ihm endlich einen Oscar gibt.

Viel besser könnte es den Texaner Wes Anderson also nicht gehen im Moment. Yep, sogar sein Kleiderstil hat sich zum besseren gewandt. Die Monate, die er in Italien verbracht hat, für den Dreh seines neusten Streichs The Life Aquatic with Steve Zissou sei dank. Seine Filme bleiben aber weiterhin so skurril wie eh und je. Das so was in Hollywood möglich ist, erstaunt ihn wohl selbst am meisten.

OutNow.CH (ON): Denkst Du, man muss The Life Aquatic mehr als einmal sehen, um alles zu verstehen? Ist der Film nicht zu komplex?

Wes Anderson (WA): Wenn man alles verstehen will, sicher. Ich denke aber nicht, dass der Film zu komplex ist. Ich stand vor der Wahl, den Film klarer und leicht verdaulicher zu machen, ihm bessere Konturen zu geben. Das habe ich aber freiwillig aufgegeben. Ich habe den Film genauso gemacht, wie ich ihn wollte, nähmlich mehrere Dinge aufs Mal. Etwas worüber man nachdenken muss, und ihn eben ein zweites Mal zu sehen, um genau zu verstehen, um was es geht. So ging es den Leuten, die ich kenne. Die einen mochten ihn auf Anhieb, andere hassen den Film und werden ihn immer hassen, egal wie oft sie ihn sehen, was wahrscheinlich sowieso nur einmal sein wird. Ich seh das als Makel des Films. Das ist aber ein Makel, der dem Film was bringt. Ich wollte den Film vielschichtig halten, damit man ihn sich mehrmals anschauen kann und auch mehr hineininterpretieren kann. Ich werde niemals sagen müssen, hätte ich doch nur mehr getan. Ich denke nicht, dass ich das jemals bereuen werde..

ON: Woher nimmst du all die Inspiration für das, was Anjelica Huston "Wesworld" (Welt des Wes) nennt?

WA: Es ist seltsam. In diesem Film sind die Schauplätze sehr originell und fiktiv. Federico Fellini ist der Filmemacher, den ich damit in Verbindung bringe würde. Seine Welt war auch eine erfundene. Aber ich fühle mich auch verbunden mit Fellini, weil er persönliche Erlebnisse in seine Filme packt. Amacord zum Beispiel fühlt sich wie eine reine Erfindung an und die Figuren sind auf eine Art übertrieben. Aber der Film erzählt von seiner eigenen Kindheit. Wenn jemand Anderer einen Film über seine Kindheit machen würde, sähe der ganz anders aus. Alles ist wie gefiltert durch seine Fantasie. Auch ich sehe Filme so. The Royal Tenenbaums spielt in einer fantastischen Version von New York. Aber die Figuren sind Leute aus meinen eigenen Erlebnissen. Ich kann bei allen Figuren sagen, von wem sie inspiriert wurden; ebenso bei den Ereignissen. So ist es auch bei The Life Aquatic. Ich fühle eine persönliche Verbindung zu den Beziehungen und was den Figuren passiert. In meinem Leben bin ich meist von Leuten umgeben, die etwas schrullig, oder Aussenseiter sind. Ich fühle mich zu solchen Leuten hingezogen, und ziehe sie auch an. Sie bringen das Absurde in meine Filme. Aber es bezieht sich alles auf mein Leben. The Life Aquatic ist nun aber wahrscheinlich die extremste Form dieser erfundenen Realität, die ich jemals machen werde. Andere Filme, die ich gedreht habe, sind etwas näher an der Realität, in der sie sich abspielen, angesiedelt. Rushmore ist eine fremde, seltsame Welt. Aber es ist auch ein Film über den Ort, an dem ich meine Highschool besuchte. Ein Schauplatz kann realer oder surrealer sein.


ON: Da Du schon zum zweiten Mal mit ihr zusammenarbeitest, musst Du Anjelica Huston ziemlich mögen.

WA: Ja. Sie war schon immer eine meiner Lieblingsschauspielerinnen. Ich mochte sie in The Dead und Prizzi's Honour, die beide von ihrem Vater inszeniert wurden, und in einem Dutzend anderer Filme. Ich habe ihr die Rolle in The Royal Tenenbaums zusammen mit Noah Baumbach auf den Leib geschrieben. Diesesmal haben wir sie auch schon gekannt. Es sind deshalb einige persönliche Eigenschaften in ihrer Filmfigur. Ich habe ihr die erste Version des Drehbuches gezeigt und sie hat einige gute Ideen eingebracht, wie man die Figur vertiefen und stärken könnte. Sie hat also höchstpersönlich zur Figur beigetragen.

ON: Gab es noch andere Wissenschaftler ausser Jacques Cousteau als Vorbilder für den Film?

WA: Cousteau war offensichtlich ein grosses Vorbild. Ich bin mit seiner TV-Show aufgewachsen. Für meine Brüder und mich war er ein Held. Zu dieser Zeit waren in Amerika viele Forscher und Wissenschaftler Fernsehstars. Da war Cousteau und da war Jane Goodall, die ihre National Geographic Sondersendungen hatte. Es gab Carl Sagan, der sein eigenes Programm hatte. Und dann gab es noch "Mutual of Omaha's Wild Kingdom" mit Marlin Perkins, der immer aus Afrika berichtete. Es ist ein Genre das nicht mehr wirklich existiert.

ON: Bist du grundsätzlich an Ozeanographie interessiert?

WA: Heutzutage ist das was ganz anderes. Zissous Version der Ozeanographie ist die aus Cousteaus Zeiten. Heutzutage forscht man 9000 Meter unter dem Meeresspiegel. Alles per Computer - mit High-Definition Kameras, die was suchen etc. Bob Ballard ist jetzt die Koryphäe. Seine Arbeit ist bis zu einem gewissen Grad rein theoretisch. Man geht nur noch wenig selber Unterwasser. Was diese Leute erfinden hat nicht mehr viel mit Cousteaus Erfindungen zu tun. Cousteau erfand den Lungenautomaten - einen Tank, den man sich auf den Rücken binden kann, um unter Wasser zu atmen. Ballard hingegen befasst sich mit Projektionen und Strömungen. Er lokalisert etwas und macht Comutergraphiken davon. Das ist ganz was anderes. The Life Aquatic handelt deshalb auch von einem Mann, der auf sein Leben zurück blickt und ein bisschen besessen ist von der Vergangenheit.

ON: Mal abgesehen vom Forscherthema. Woher namst du die Ideen für die Szenen auf dem roten Teppich und den lange verloren geglaubten Sohn?

WA: Das ist wiederum aus meiner eigenen Erfahrung. Ich habe einige Leute kennen gelernt, von denen ich eine lange Zeit Fan war. Wenn man solche Leute persönlich kennen lernt, sieht man all das, was ihr Leben sonst noch ausmacht - die ganze Komplexität des "berühmt seins". Wer so berühmt ist, hat normalerweise kleinere Probleme. Davon handelt der Film. Die Vorstellung, die man sich von einem Idol macht, die meinen eigenen Erfahrungen mit solch überlebensgrossen Figuren nicht entsprechen.

ON: Die portugiesischen Lieder in The Life Aquatic sind sehr schön. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Seu Jorge?

WA: Ich wollte zuerst jemanden an Bord des Schiffes haben, dessen Aufgabe es war, die Leute zu unterhalten. Er sollte Gitarre spielen und singen. Auf einmal dachte ich, wir sollten ihn den "Space Oddity" spielen lassen. Ich fügte immer mehr Bowie-Songs bei, merkte plötzlich, dass alles von David Bowie sein sollte. Das würde es vereinheitlichen. Während des Schreibprozesses wurde die Crew immer internationaler. Bald gab es einen Japaner und einen Deutschen und ich fügte Pélé, den Brasilianer, dazu.

ON: Wie der Fussballspieler?

WA: Genau. Ich habe die Lieder von Bowie noch nie auf Portugiesisch gehört. Das war eine grossartige Idee. Ich liebte Seu Jorge in Cidade de Deus, aber ich hatte keine Ahnung, dass er Musiker war. Wir kontaktierten ihn und er kam zum Casting. Ich fand heraus, dass er ein Popstar war. Das waren Superneuigkeiten für uns. Er adaptierte die Songs selber. Er übersetzte sie nicht nur sondern machte sie richtig brasilianisch. Das brachte ein ganz neues Element in den Film. Als Figur sagt Jorge nur zwei Dialogzeilen während des ganzen Films: "I didn't see it, Boss." und noch was. Aber er singt den ganzen Film hindurch. Er ist einer der Hauptfiguren, weil wir immer wieder auf ihn zurückkommen, in einer immer anderen Umgebung. Er gibt dem Film eine Emotionalität mit seinen Liedern.

ON: Ich weiss nicht, ob Du Zinedine Zidane kennst, den französischen Fussballer, der auch eine Adidas Ikone ist. Sein Spitzname ist auch "Zizou". Mit Pelé dos Santo auch noch im Film, kann das doch kein Zufall sein?

WA: Das wusste ich nicht. Ich habe den Namen "Zissou" von einem französichen Fotografen, Jaques-Henry Lartique. Er ist einer meiner Lieblingsfotografen und er nannte seinen Bruder Zissou. Er war eine Erfinder und ein Draufgänger. Er baute Flugzeuge, Rennautos und Zeugs, für unter Wasser. Ich habe Bill Murrays Figur nach ihm benannt, weil ich ihn so mochte.

ON: Ich mochte das CASIO-esque Thema der Crew. Wer komponiert so was?

WA: (Er murmelt) Woher kam das nur? Die Musik wurde wahrscheinlich schon zwei Jahre vor dem Film gedreht. Die ursprüngliche Idee war, das er einfach die Musik komponiert, wenn sie auf dem Boot sind. Eine Art "temp music". Wieso Casio? Ich weiss es nicht mehr. Es war vielleicht einfach Instinkt.

ON: Weshalb benutzt Zissous Crew GLOCK-Pistolen?

WA: Ich habe gehört, dass man GLOCKS unter Wasser gebrauchen kann. Die sollen diesen Vorteil haben. Aber die GLOCKS waren von Anjelica Hustons Ehemann. Er ist eine richtige Persönlichkeit. Er ist Bildhauer und macht Bronzefiguren und arbeitet mit allen möglichen gefährlichen Stoffen. Er kommt aus Mexico City. Ich würde nicht behaupten, dass er "macho" ist, aber er geht schon ein bisschen in diese Richtung. Seine Jungs, die für ihn arbeiten, haben alle GLOCKS. Das fand ich einfach spassig. Es ist ein Teil seiner Persönlichkeit. Er ist ein Pistolero. Die GLOCKS kamen von ihm. Vielleicht sollte ich das hier deshalb nicht sagen. Das sollte deshalb vielleicht nicht niedergeschrieben werden. Zumindest nicht in Europa.

ON: Welcher Deiner Filme ist Dein persönlichster?

WA: Bottle Rocket handelte von der Zeit, in der ich ihn gedreht habe. Der war fast wie über mich und die Gruppe von Leuten, mit denen ich damals zusammen arbeitete. Rushmore ist eher eine Art Rückblick. Der ist sehr autobiographisch aber viel ist auch erfunden. Aber es hat auch viel aus meinem Leben drin. Deshalb ist es wohl der.

ON: Deine Filme sind sehr ausgearbeitet. Ich frage mich, ob es darin auch Filmfehler gibt, oder ob Du davor gewappnet bist, weil Du soviel in die Vorbereitungen steckst.

WA: Du meinst diese Anachronismen? Ich denke mal meine Fehler sind ein bisschen grösser. Sie liegen wohl eher in der Geschichte. Es gibt philipinischen Dialog, den Bud Cort spricht. Mir wurde gesagt, der mach Null Sinn. Das ist Schade. Bud Cort hat sich extra Mühe gegeben

ON: Gibts all die Insidermätzchen in Deinen Filmen eigentlich absichtlich für die Nerds?

WA: Die sind nicht für die Nerds. Wenn ich Referenzen einbaue, dann weil ich sie irgendwo stehle. Alles, was ich in einen Film tue, haue ich rein, in der Annahme der Film werde so besser. Das kann von irgendeinem anderen Kunstwerk sein - einer Photographie, einem Buch oder einem Film. Genauso kann es aber etwas sein, das mir jemand mal gesagt hat.

ON: Wie kam aber der Typ mit dem Hut der Texas Uni in Austin in Deinen Film? Der mit dem Rinderlogo.

WA: Der Typ mit dem Hut. Ich weiss auch nicht, was der das wollte. Ich mochte die Kostüme nicht, die sie für die Piraten hatten. Also haben wir in der Cinecittà Sachen gesammelt. Vieles war von den Philipinos. Plötzlich trug einer diesen Hut und ich dachte mir, seltsam, der ist ja von meiner Uni. Ich weiss auch nicht, warum Du das jetzt weisst.

ON: Wie hast Du Deinen Freund Owen Wilson kennengelernt?

WA: Wir gingen zusammen zur Uni. Als ich ihn das erste Mal traf, waren wir im Drehbuchworkshop. Wir halfen uns immer bei den Kurzgeschichten. Wir bewohnten dasselbe Zimmer im College. Eines Tages hatten wir die Idee für Bottle Rocket und wir fingen an, daran zu schreiben. Ich fragte ihn auch, ob er in einem Stück mitspielen wollte, das ich geschrieben habe und wovon die Uni eine Aufführung machte. Das war seine erste schauspielerische Erfahrung. Dann nahm ich ihn für den Kurzfilm, den wir drehten. Seitdem arbeiten wir zusammen.

ON: Wie ist Owen Wilson so?

WA: Er ist ein bisschen wie in seinen Filmen. Ich weiss es nicht. Was soll ich sagen. Kannst Du mich nicht etwas Spezifischeres fragen. Ich kann ihn schlecht beschreiben.

ON: Ich weiss nicht. Sag mir was über seinen Sinn für Humor!

WA: Er ist einer der lustigsten Typen überhaupt. Er ist smart. Er ist belesen. Und er hat eine Hund namens Garcia. Er schwimmt gerne. Sind das gute Antworten? Hilft Dir das?

Quelle: OutNow.CH

18.02.2005 00:00 / rm


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