Gegen die Wand: Das Interview mit Fatih Akin

Der 1973 in Hamburg geborenen Fatih Akin ist seit dem Gewinn des Goldenen Bären an der Berlinale 2004 definitiv dem Status des Shooting Stars der deutschen Regieszene entwachsen.

Mit Gegen die Wand hat er den grössten Erfolg seiner Laufbahn. Das kraftvolle Liebesdrama über deutsche Türken der zweiten Generation überzeugte mit seiner Emotionalität und Intensität Kritik, Publikum und schliesslich auch die Jury in Berlin. Es ist deshalb höchste Zeit, seine früheren Werke auf DVD (wieder) zu entdecken. Mit viel Herzblut widmet er sich damals schon Themen, die von seinem persönlichen Hintergrund als Kind von Immigranten in Deutschland inspiriert wurden. Ihr findet die Reviews in den Links rechts auf dieser Site. Was der Deutsch-Türke zu Drogen, Sex und DVDs zu erzählen hat, erfahrt ihr im Interview, das OutNow.CH mit ihm in Zürich führte.

OutNow: Es gab nach Gegen die Wand eine kontroverse Diskussion in der türkischen Community in Deutschland. Du wurdest als Nestbeschmutzer bezeichnet, aber auch in den Himmel gelobt für Deinen Mut. Hast Du mit so extremen Reaktionen sowohl im negativen als auch positiven Sinne gerechnet?

Fatih Akin: Ja. Mir war schon klar, dass es Kontroversen auslösen würde. Ich wusste nicht, dass sie so heftig sein würden. Es gab ja sogar Morddrohungen. Das boxt einen schon so ein bisschen um. Man ist ja nur ein Mensch. Ich habe diese Drohungen nicht so ernst genommen. Aber es gibt einem schon zu denken. Ist doch nur ein Film, Leute. Regt euch wieder ab.

ON: Einer Deiner Landsleute schrieb in einem Forum im Internet, dass die warme, sensitive mediterrane Kultur von der kalten, distanzierten deutschen Kultur zerstört würde. Sibel, sowohl im Film als auch die Sibel Kekilli im richtigen Leben, sei in diesem Fall ein Produkt der deutschen Gesellschaft. Was sagst Du zu solchen Aussagen?

FA: Das ist Unfug. Es gibt drei Gesellschaften in Deutschland. Zwei Gesellschaften, die eine dritte gebildet haben. Es gibt die Türkische Gesellschaft, die Generation unserer Eltern und die Deutsche Gesellschaft. Die Verbindung dieser beiden Generationen hat die dritte Generation hervorgebracht, die deutsch-türkische Generation. Das ist eine komplett eigene Generation mit einem eigenen Kodex und einer eigenen Sozialisierung. Sibel ist, wie ich auch, ein Kind dieser Generation. Natürlich ist Sibel ein ganz anderer Jahrgang. Sie ist 1980 geboren, ich 1971. Da gibt's natürlich auch Unterschiede. Aber das ist eine ganz eigene Kultur als eine nur deutsche oder rein türkische Kultur.

ON: Die Liebesszenen sind sehr gelungen. Es knistert eigentlich immer gewaltig in Deinen Filmen. Schon bei Regula Grauwiller und Mehmet Kurtulus in Kurz und schmerzlos Deinem ersten Film; nun wieder mit Sibel Kekilli und Birol Ünel. Im Audiokommentar zu Kurz und schmerzlos hast Du von der Angst gesprochen, die Dir der Dreh Deiner ersten Liebesszenen gemacht hat. Bist Du in der Zwischenzeit hinter das Geheimnis einer gelungenen Liebesszene gekommen?

FA: Liebesszenen sind immer schwer. Das liegt an der Natur der Sache. Nackt vor der Kamera fühlt sich ein Schauspieler halt unwohl. Das schwappt dann auf die restliche Crew über und auf einmal fühlen sich alle unwohl. Wenn man erkennt, warum man die Liebesszenen braucht, wie man sie machen will. Wenn man begreift, dass Sex im Film, oder der Sex überhaupt, eine Form des Dialoges ist, eine Form der Körpersprache, wobei zwei Unterbewusstsein miteinander reden können. Wenn man versteht, dass sich aus einer bestimmten physischen oder psychischen Situation Sex entwickelt, dann wird es für den Schauspieler spannend daraus eine Performance zu machen. Er oder sie hat dann quasi eine Aufgabe im Kopf. Dadurch wird die Nacktheit wie verdrängt und es geht im Wesentlichen um Schauspiel, bei dem man etwas rüberbringen muss.

ON: Gegen die Wand soll der erste Teil einer Trilogie sein, in der es um die philosophischen Ideen von Liebe, Tod und Teufel geht? Wie geht es damit weiter? Was sind Deine nächsten Projekte?

FA: Diese Trilogie wird jetzt nicht hintereinander weggeballert. Der nächste Film, den ich drehen werde, wird nicht der zweite Teil der Trilogie sein. Das ist eher ein Lebensweg, oder ein Filmweg, den ich beschreiten möchte. In zwei, drei Jahren würde ich dann "Tod" machen. "Tod" ist im Augenblick die Idee, einen Roman zu verfilmen, der im Persien des 11. Jahrhunderts spielt. Da geht es um Hassan Ibn Sabbah, einen persischer Herrscher, der im 11. Jahrhundert das Paradies nachgebaut hat, und den Orden der Assasinen gegründet hat. Das waren die ersten Selbstmordattentäter der Geschichte. Der Film wird "Alamut" heissen, dies war der Name der Festung der Assasinen. Al-Alamut heisst aber auch "der Tod" auf Arabisch.

ON: Hast Du schon Angebote aus dem Ausland - speziell aus der Türkei und aus Amerika bekommen?

FA: Recht viele eigentlich inzwischen. Aber das Meiste ist uninteressant. Andererseits habe ich das Bedürfnis, weiterhin meine eigenen Sachen zu machen. Wenn ich die Filme mache, die ich machen muss, hat man gar keine Zeit auf Angebote einzugehen. Es ist noch kein Angebot reingekommen, wo ich gedacht habe, da lasse ich jetzt mal alles stehen und liegen und dreh das. Wenn so was kommen würde, würde ich's vielleicht machen. Es ist aber noch nichts so attraktives dabei.

ON: Es fällt auf, dass die DVDs Deiner Filme vollgepackt sind mit Zusatzmaterial. Hast Du Einfluss bei der Produktion der DVDs? Ist Dir das Zusatzmaterial persönlich wichtig?

FA: Es ist nicht immer einfach eine DVD so richtig gut zu gestalten. Man braucht viel Material. Man muss oft parallel produzieren. Man will keine Standardsachen drauf tun. Ich glaub, Gegen die Wand wird wieder eine ziemlich gute DVD. Mit vielen vielen Extras. Mit vielen ungewöhnlichen Extras. Doch, wir haben da Einfluss drauf, auf jeden Fall. Ich mache das sehr gerne. Ist ein Hobby von mir.

ON: Man merkt es. Deine Audiokommentare sind immer informativ und sehr ehrlich. Du sagst, was Dir nicht gefällt und wenn Du bei Scorsese geklaut hast. Welche Audiokommentare anderer DVDs kannst Du den OutNow.CH-Usern empfehlen?

FA: Da gibt es viele. Scarface ist eine ziemlich gute DVD. Vor allem der Audiokommentar, aber Scarface hat eine ziemlich geniale Dokumentation. Ich weiss aber nicht, ob der Film auf dem Index ist. Ich habe eine amerikanische Version. Die war in Deutschland mal auf dem Index.

ON: Das ist in der Schweiz weniger ein Problem.

FA: Ok. Die hat ein wahnsinnig gutes Making-of. Sehr lang auch. 90 Minuten dauert das. Mit Oliver Stone, der viel übers Drehbuch erzählt. Das ist eine gute DVD. Chinatown ist auch eine gute DVD. Gutes Making-of und Off-Kommentare. Da gibt es viele interessante DVDs.

ON: In einem Interview sagtest Du, Deine DVD-Sammlung sei der teuerste Gegenstand, den Du besitzst. Ist das korrekt und von wie vielen Expemplaren reden wir dabei?

FA: Ja, das ist so. Das müssten jetzt in etwa so 200 sein.

ON: Zum Schluss noch dies. Die Figuren in Deinen Filmen Kiffen des Öfteren. Ein Blunt kommt vor in Kurz und Schmerzlos und die Schwebeszene in Im Juli ist unvergessen. Hast Du schon Schweizer Hanf geraucht?

FA: Ne, ich glaube nicht. Wahrscheinlich. Bestimmt irgendwie. Weiss ich nicht genau. Nicht jetzt bewusst. Aber müsst ich mal drauf achten.

ON: Verfolgst Du die Schweizer Debatte zur Liberalisierung so genannter weicher Drogen?

FA: Ne, gar nicht. Ist das eine Debatte hier? Ist das auf einem guten Weg?

ON: Eine Debatte schon, aber nicht auf gutem Weg. Ein Teil der Politiker wehrt sich immer noch dagegen. Aber die Polizei drückt schon mal ein Auge zu beim Eigenbedarf.

FA: Schön, find ich gut. Das unterstütze ich.

ON: Es reicht noch für eine Frage. Du hast eigentlich als Schauspieler angefangen und bist nur Regisseur geworden, weil der Produzent keinen anderen fand. Stimmt das?

FA: Das stimmt. Es war Ralph Schwingel, der Produzent von Wüste Film, der mich überredet hat, Regie zu machen. Ich hab damals das Drehbuch zu Kurz und schmerzlos geschrieben, und wollte Gabriel spielen und das irgendwer anders die Regie macht. Aber wir haben damals, Mitte der 90er Jahre, keinen passenden Regisseur gefunden. Bis ich dann angefangen hab, Kurzfilme zu machen. Und für mich gedacht habe, irgendwann möchte ich das auch mal richtig machen. Schwingel hat dann gesagt: "Mach doch das jetzt." Und das war die richtige Entscheidung.

ON: Man merkt es noch heute in Deinen Filmen. Ich gratuliere noch einmal zum Goldenen Bären in Berlin und danke für das Interview.

Quelle: OutNow.CH

21.04.2004 00:00 / rm


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