Schultze gets the Blues: Das Interview mit Regisseur Schorr und Produzent Körner

OutNow hat Regisseur und Autor Michael Schorr des originellen Erstlingswerkes und den Produzenten Jens Körner in Zürich getroffen

OutNow: Ich möchte euch zu Beginn zu diesem tollen Film gratulieren und die langweilige Frage stellen, wie es zu dem Projekt kam.

Michael Schorr: Ja, zum einen ist es schon ein Projekt, das wirklich schon lange in der Schublade lag. Fast über 10 Jahre gab's das Drehbuch. Und Ausgangspunkt war damals, dass ich Anfang 90er in den USA war. Ich bin dort auch mit dem Grayhound tourimässig durch Südstaaten. Und kann halt auch ein Bisschen an ähnliche Orte, wie sie im Film zu sehen sind wo am Wochenende bei den Tanzveranstaltungen mit Livemusik so richtig der Bär tobte. Und wo halt auch alle Generationen, gerade auch ältere Leute, wirklich stundenlang getanzt haben. Und das war so eine Energie, die ich von solchen Leuten aus Deutschland bisher nicht kannte. Das war ziemlich beeindruckend.
Als ich zurück war habe ich dann ein Jahr in Saarbrücken gewohnt, was ja auch ein deutsches Stahlbau- und Kohlenbergwerkgebiet ist oder eher war. Damals war es gerade in der Krise, wo halt auch ganz, ganz viele Leute das mitgemacht haben, was jetzt Schultze im Film mitmacht. Die haben sie nämlich mit Abfindungen dann in den Vorruhestand geschickt. Und das war sozusagen der Ausgangspunkt, wo diese beiden Dinge zusammenkamen: Diese Saarland-Minenbergarbeitergeschichte und dieses Erlebnis mit den älteren Leuten in den USA. Da kam dann diese Idee.

Jens Körner: Es war dann einfach noch zu gross. Als er mit dem Regiestudium fertig war sind wir dann zusammengekommen und haben das nach Sachsen-Anhalt verlegt, weil die Saarlandgeschichte schon durch war und das mit der Industrie dort relevanter und aktueller war. Und zweiter, praktischer Grund war halt, dass die Filmförderung in Sachsen stärker ist als im Saarland. Wir haben dann Projektunterstützung bekommen, es ging dann aber 2 Jahre, bis wir einen Fernsehsender gefunden haben. Das war die Bedingung: Du kriegst Filmförderung, wenn da ein Fernsehsender drin ist. Und das war auf Grund der langsamen Erzählweise ein bisschen schwierig.

ON: Wo habt ihr all die Dorfbewohner gefunden?

JK: Die wohnten dort.

MS: Die waren alle im Dorf und hatten nichts zu tun. Das war auch von Anfang an klar, dass wir die Leute dort unten in den Film integrieren. Zum einen damit die halt auch bescheid wissen, was hier überhaupt gemacht wird. Und zum anderen weil ich immer denke man sieht's. An den Gesichtern und der Kleidung, dass diese Leute echt sind und nicht durch irgendeine Agentur gecastet wurden. Das war absolut entscheidend und wäre schwierige gewesen, wenn die alle keine Lust gehabt hätten. Auch in Amerika haben wir mit Laien gearbeitet, aus demselben Grund der Authentizität.

ON: Was bedeuten euch die vielen Festivalpreise, die ihr mit diesem Film gewonnen habt?

MS: Man muss die abstauben immer zu Hause...

JK: Nee, ist halt schön, wenn das auf beiden Ebenen funktioniert. Also wenn das ein kulturorientiertes Publikum ist, den Film künstlerisch und ästhetisch toll findet. Und genau so wichtig ist halt die Marktfunktion. Wir haben beiden Ebenen bedient.

MS: Es erregt natürlich Aufmerksamkeit und man wird für Folgeprojekte auch schneller unterstützt. Die Ironie dabei ist, dass wir in Schweden vier Preise gewonnen haben und trotzdem keinen Verleiher gefunden haben. Also insofern ist es nicht ein Automatismus, dass bei einem Preis die Verleiher Schlange stehen.

JK: Aber der USA-Deal kam dann schon nach dem Regiepreis zu Stande. Die wurden nach dem Regiepreis ganz schnell konkret. So ein Preis hat also schon eine finanzielle Relevanz.

ON: War es schon beim Schreiben des Drehbuchs klar, dass der Film in dieser langsamen Erzählweise inszeniert werden würde?

MS: Ziemlich, ja. Ich hab vorher schon Sachen in der Stilrichtung mit dem gleichen Kameramann gedreht, die teilweise noch extremer waren mit der fixierten Kamera. Bei Schultze haben wir ja schon ein paar Schwenks und eine Kamerafahrt. Aber es war klar, dass auch die Landschaft und die Räume eine Rolle spielen sollten und die Figuren in diesen Räumen. Und vor allem war klar, dass wir das alles aus der Distanz, also in Totalen beobachten würden. Und dann gibt es die Momente, wo es wichtig ist, dass man näher dran ist. In der Szene wo Schultze am Radio die Musik entdeckt war klar, dass wir dichter ran mussten. Aber solche Einstellungen waren dann eben reserviert für solche Momente, die dadurch dann auch eine gewisse Wirkung haben.

ON: Ist Schultze eine Art Held für euch?

JK: Also ein Held würde ich jetzt nicht gerade sagen. Sicher ein positives Beispiel, wie man noch etwas draus machen kann. Wer das schafft ist schon ein Vorbild.

MS: Schultze ist ja eher so der Antiheld. Er ist nicht jung, er ist nicht schön, er ist nicht reich und auch ein relativ einfacher Typ, der für sich selbst einfach einen grossen Schritt macht. Es war aber auch wichtig, dass auch seine Freunde sich kümmern. Er ist durchaus auf sie angewiesen und sagt nicht einfach "Ich zieh jetzt mein Ding durch".

ON: Angenommen jemand möchte ein Remake des Filmes machen?

JK: Wenn das eine schöne Idee ist und man sich finanziell und künstlerisch einigt, warum nicht?

MS: Wir hatten ja schon ein paar kleine Gags gemacht. Man könnte ja von Schultze gets the Rock'n Roll, Schultze gets the Funk bis zu Schultze gets the Tango. Aber die Geschichte ist eigentlich schon abgeschlossen.

ON: Der "Blues" im Titel hat mich ein wenig irritiert. Denn traditionellen Blues gibt es im Film keinen zu hören...

JK: Ja, es ist eher als Zustandsbeschreibung, Melancholie gemeint

MS: Aber der Unterschied zwischen der Polka und der Zydeko ist natürlich, dass der Blues reinkommt. Insofern hat der Blues auch seine musikalische Rolle.

ON: Im gesamten Film herrscht schlechtes Wetter. Zufall?

MS: Wir hatten nicht das Budget um auf das Wetter eingehen zu können. Aber wir haben gestaunt, dass das Wetter immer so war wie wir es wollten. Ich hab es mir immer so vorgestellt. Es gibt nur zwei Szenen in der Sonne, dort konnten wir nicht auf die Bewölkung warten. Aber ansonsten war es mir sehr lieb, dass es so bewölkt war.

JK: Der Schultze durchbricht ja die Wolkendecke, reisst sie auseinander... [lacht]

ON: Wie beurteilt ihr das deutsche Independent-Kino im internationalen Vergleich?

JK: Es kommt wieder. Auf sämtlichen grossen Festivals hat ein deutscher Film gewonnen. Ich find' schon, dass eine neue Generation kommt, die international etwas zu sagen hat. Das ist auch eine Rückbesinnung auf die Kant-Themen. Man beschäftigt sich mit der jetzigen Realität und versucht nicht einfach irgendwelche Ami-Stile zu kopieren, was einfach scheisse aussieht, wenn es ein Deutscher macht. Das wird glaube ich schon wahrgenommen.

ON: Wie sieht es mit Zukunftsplänen aus?

MS: Ich hab ein Drehbuch in der Schublade aber ich konnte mich noch nicht darauf konzentrieren, da wir nun erst mal mit der Schultze-Vermarktung beschäftigt sind.

JK: Alle Energie muss nun in die Promotour gesteckt werden, bevor wir das Folgeprojekt in Angriff nehmen.

ON: Vielen Dank fürs Gespräch und weiterhin viel Erfolg mit Schultze gets the Blues

Quelle: OutNow.CH

08.04.2004 00:00 / ma


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