You Hurt My Feelings (2023)

  1. 93 Minuten

Filmkritik: Die Stadtneurotiker - jetzt erst recht!

39th Sundance Film Festival
Alkohol ist auch keine Lösung: Beth an der Bar.
Alkohol ist auch keine Lösung: Beth an der Bar. © Courtesy of Sundance Institute

Beth (Julia Louis-Dreyfus) und Don (Tobias Menzies) leben das wohlbehütete Leben der oberen Mittelschicht von Manhattan. Sie ist Autorin und arbeitet an ihrem zweiten Roman. Er hat eine psychotherapeutische Praxis. Der gemeinsame Sohn (Owen Teague) managt einen Laden für Weed und findet seine Eltern vor allem deshalb doof, weil sie ständig ihr Essen teilen. Alles könnte supi sein.

Doch als Beth per Zufall überhört, dass Don ihr neues Buch überhaupt nicht gut findet, bricht für sie eine Welt zusammen. Lügt er sie vielleicht auch in anderen Dingen an? Auch Don hat Selbstzweifel, weil er sich nicht mehr richtig für seine Patienten interessiert und manchmal sogar Fälle durcheinander bringt. Werden sich Beth und Don je wieder einkriegen?

Etwaige Gefühle sind nicht wirklich in Gefahr beim Schauen von You Hurt My Feelings. Julia Louis-Dreyfus lässt ihr komödiantisches Talent zwar gekonnt aufblitzen, aber leider nur für eine langfädige Geschichte um Selbstszweifel und Notlügen. Möglicherweise war das als Satire über First World-Probleme geplant, aber man wird das üble Gefühl nicht los, das hier alles ernst gemeint ist.

Im letzten Drittel des Film geschieht ein kleiner Raubüberfall. Zwei Bewaffnete überfallen den Headshop des Sohnes der Familie. Willkommene Action in einem Film, der sonst die meiste Zeit dahinplätschert wie ein 20-Uhr-15-Drama im TV. In dieser Szene blitzt Louis-Dreyfus' komödiantisches Können auf, wenn sie sich wie eine Löwenmutter in Ausbildung schützend auf ihren Sohn wirft. Ausserdem wird ein zu Beginn des Films eingeführter Gag über einen untauglichen Wachmann wieder aufgenommen. Der fragliche Typ hat nun nämlich genauso viel Angst wie die alle anderen Angestellten im Laden.

Exemplarisch dabei: Seinfeld-Veteranin Julia Louis-Dreyfus hat Comedy nicht verlernt. Und Nicole Holofcener kann Drehbücher vorbildlich strukturieren. Es scheitert bei You Hurt My Feelings bei der Themenwahl und Figurenausprägung. Dem Film liegt eine gewisse Weinerlichkeit inne. Notlügen gehören bei einer funktionierenden Beziehung nun mal dazu, das sollte sich auch in Manhattan rumgesprochen haben. Und wenn das nun jemand noch nicht begriffen haben sollte, ist das für ein Drama nicht abendfüllend.

Oder sollte dieser Film vielleicht satirisch gemeint sein? All das neurotische Personal, mit Prestige-Jobs, die sie nur so mittelmässig beherrschen. Das Gutmenschentum, wenn sie wöchentlich den Obdachlosen Altkleider vertickern - oft sogar mit Farbauswahl und Beratung. Oder die kleine Tupperware-Obsession, die immer wieder für Gags hinhalten muss. Wer eine Schwäche hat für schön gerahmte Bilder an der Wand oder Lampen mit Dimmlicht, bekommt hier so einiges aus der Sparte «Schöner Wohnen» zu sehen,.

Doch spätestens wenn man sich dabei ertappt, dass man denkt «Ach ja, diese Figur gibt's ja auch noch!», wird einem vollends klar, dass es sich allesamt um Langweiler handelt. Gut beobachtete Filmfiguren zwar in edlen Restaurants und noch schickeren Wohnungen. Aber sie suhlen sich allesamt in ihren selbstgeschaffenen Problemchen. Dafür wurde der Begriff First-World-Problems quasi erfunden.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom blue TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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