Filmkritik: Lebe nicht dein Leben, träume deinen Traum

39th Sundance Film Festival
Excel-Exzess
Excel-Exzess © Courtesy of Sundance Institute

Sie ist Spezialistin für Excel-Listen, mag am liebsten in der Mikrowelle getoastetes Brot mit Hüttenkäse und geht jeden Tag pünktlich 22:15 schlafen. Fran (Daisy Ridley) ist der Inbegriff der grauen Maus. Mit ihren Bürokolleginnen und -kollegen interagiert die schüchterne junge Frau kaum, bereits ein handgeschriebener Gruss in einem Abschiedskärtchen für eine Arbeitskollegin bereitet ihr psychischen Stress. Stattdessen verkriecht sie sich mit Tagträumereien lieber in ihre eigene Welt, wo sie sich sicher und geborgen fühlt.

Ihr zurückgezogenes Leben gerät durcheinander, als sie mit Robert (Dave Merheje) ein neues Bürogspänli erhält. Anfangs verhält sie sich ihm gegenüber zwar wie gewohnt abweisend, doch dem internen Büro-Chat sei dank schafft es Robert doch, auch auf einer persönlichen Ebene zu ihr durchzudringen. Schliesslich verabreden sich die beiden für ein Date im Kino. Der zart aufkeimenden Romanze kommt allerdings bald Frans konsequente Weigerung in den Weg, irgend etwas Persönliches über sich selbst preiszugeben.

Daisy Ridley kann auch leise: In Sometimes I Think About Dying überzeugt die britische Schauspielerin nach dem grossen Blockbuster nun auch in einer kleinen, feinen Indie-Produktion. Trotz der schweren Themen wie Depression und sozialen Ängsten, die Rachel Lamberts Film thematisiert, wirkt er trotzdem niemals schwermütig. Dafür sorgen der feine Humor und die sensible Inszenierung. Eine Art Rom-Com für Introvertierte.

Die meisten Filmemacherinnen und Filmemacher sind wohl per Definition eher extrovertiert; braucht es doch einen gewissen Willen, sich zur Schau zu stellen und die eigenen Gefühle zu offenbaren. Sometimes I Think About Dying thematisiert hingegen das Gegenteil: Die introvertierte Protagonistin Fran leidet an «Social Anxiety» und verschliesst sich ihrem Umfeld.

Der Film basiert dabei auf dem gleichnamigen Kurzfilm von Stefanie Abel Horowitz aus dem Jahr 2019. Regisseurin Rachel Lambert hat das 12-minütige Original zu einem 90-minütigen Spielfilm ausgebaut und mit Daisy Ridley eine Ladung Starpower in das Projekt eingebracht. Die Britin verkörpert hier so etwas wie das Gegenteil ihrer Rey aus der neuesten Star-Wars-Trilogie: schüchterner Bürogummi anstatt mutige und forsche Sternenheldin.

Schauspielerisch ist das durchaus bemerkenswert, zumal der Film - im Unterschied zur Vorlage - auf Voiceovers verzichtet. Das heisst, es ist umso stärker das nuancierte Mienenspiel gefragt, um dem Publikum die Emotionen dieses verschlossenen Charakters zu vermitteln. Und Daisy Ridley erledigt ihre Aufgabe mit Bravour. Sie schafft es, mit einem Blick oder einer Geste mehr auszudrücken, als tausend Worte es tun könnten.

Inszeniert ist der Film als bittersüsse Romanze; die kitschigen Streicher am Anfang und die schnörkelige Schrift im Vorspann scheinen da fast schon ironisch überzeichnet. Und sie kontrastieren mit der eher tristen Atmosphäre in der Kleinstadt irgendwo an der Küste Oregons, wo der Film spielt. Vieles ist in diesem leisen Film nur angedeutet; beispielsweise gewisse Büro-Intrigen und -Zwistigkeiten zwischen Frans Arbeitskolleginnen und -kollegen. Ein wenig wie The Office, aber ungleich subtiler.

So ansprechend der Film inszeniert und so gut gespielt er ist: In der zweiten Hälfte franst er etwas aus, der Story fehlt eine Entwicklung, ein Überraschungsmoment. Der sich anbahnende Konflikt scheint ein wenig gesucht, und das Ende ist wiederum abrupt. Schön ist hingegen, wie sich die Wallung von Frans Gefühlen auch in ihren Tagträumen widerspiegelt: Zuhause auf dem Sofa fühlt sie sich entspannt, unterwegs zum Date wird der Tagtraum jedoch zum Alptraum. So gibt dieses Porträt einen spannenden Einblick in das Gefühlsleben einer Person, die sich eigentlich vehement gegen Gefühle wehrt.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. E-Mail
  4. facebook
  5. Twitter
  6. Instagram
  7. Letterboxd