Radical (2023)

Radical (2023)

  1. 122 Minuten

Filmkritik: Carpe días!

39th Sundance Film Festival
Statt seinen Namen kann man auch unser Sonnensystem tanzen.
Statt seinen Namen kann man auch unser Sonnensystem tanzen. © Courtesy of Sundance Institute

Als Sergio Juárez Correa (Eugenio Derbez) in der US-mexikanischen Grenzstadt Matamoros als Lehrer beginnt, ist der Lehrplan auf Gehorsam und Frontalunterricht ausgerichtet. Die Kids vor Ort haben einen schweren Stand. Drogenbanden machen sich breit und der Primarschule fehlt es an Mitteln. Internetanschluss ist nicht. Die Schulbibliothek darf nur auf Voranmeldung besucht werden. Und der Schulleiter (Daniel Haddad) hat praktisch schon aufgegeben.

Schulmobiliar ist überbewertet.
Schulmobiliar ist überbewertet. © Courtesy of Sundance Institute

In Sergios Klasse befinden sich Nico (Danilo Guardiola), den sein grosser Bruder zum Schmuggler machten möchte, Paloma (Jennifer Trejo), deren Vater ein Lumpensammler ist und Lupe (Mia Fernanda Solis), deren Eltern es lieber hätten, sie würde sich um die kleineren Geschwister kümmern, als zur Schule gehen. Dem neuen Lehrer gelingt es mit unkonventionellen Methoden, allen dreien Optionen zu geben, die sie sich nie erträumt hätten: Philosophische Fragen, mathematische Brillanz und Erfolg beim heimlichen Schwarm. Und vielleicht schafft es die Klasse sogar endlich beim ENLACE, dem nationalen Eignungstest am Ende jedes Schuljahres, ordentlich zu punkten.

Basierend auf einem Artikel aus der Internet-Bibel «Wired», wandert diese mexikanische Variante vom überengagierten Pädagogen zwar auf oft erzählten Pfaden. Dank glaubwürdigen Kinderdarstellern und einem nicht allzu übermütigen Eugenio Derbez (Coda) trifft die wahre Geschichte von Sergio Juárez Correa aber zielgenau ins Herz des Publikums. Trotz ein paar überdramatischen Plot-Kapriolen und einer sehr schablonenhaften Handlung. Ausgerechnet für einen Charakterkopf wie Juárez Correa, der sich bis heute gegen alles Normative sträubt.

Vom Club der Toten Dichter bis Les Choristes: Unter den Lehrerfilmen gibt es viele Publikumslieblinge. Radical stellt die mexikanische Variante davon dar, und macht sich seine Herkunft geschickt zu eigen. Bandenbrutalität, Armut und eine gewisse Rückständigkeit sind der Nährboden für den ins US-mexikanische Grenzland verpflanzten Storystandard. Dabei schreibt hier das Leben die besten Geschichten. Denn der Primarlehrer Sergio Juárez Correa existiert wirklich.

Der mexikanische Superstar Eugenio Derbez (Overboard) hat nach Coda ein weiteres Vehikel gefunden, um sich mit ernsteren Rollen einem grösseren Publikum ausserhalb von Lateinamerika zu zeigen. Aber es sind die Kinder, welche den Film über sich hinauswachsen lassen. Wie hier moralische Dilemmata von Mia Fernanda Solis alias Lupe abgehandelt werden, ohne neunmalklug zu wirken, ist erfrischend. Eine Nebenhandlung über eine wirtschaftlich abgehängte Familie, die auch der nächsten Generation keine Hoffnung geben kann, wirkt nur auf den ersten Blick wie ein überkonstruierter Groschenroman.

Wunderkinder gibt's anscheinend auch an Orten, wo man sie am wenigsten erwartet. Vor allem die Geschichte von Paloma Noyola ist eigentlich zu schön, um wahr zu sein - und doch hat es sich oft genau so abgespielt. Der Journalist Joshua Davis hat die Protagonisten für einen Wired-Artikel über innovative Lernmethoden entdeckt. Und was der Film als edukative Praktiken zeigt, ergibt durchaus Sinn.

Dem Publikumserfolg zuliebe überlädt der Regisseur Christopher Zalla, der sonst eine sehr nüchterne Bildsprache wählt, das Ganze etwas mit dramaturgischen Kniffs. Ein Telenovela-mässiger Kitsch hält deshalb im dritten Drittel Einzug. Was aber hingegen auch wieder zum Latino-Setting passt, das sich Radical auf die Fahne schreibt. Nur warum der Filmtitel ist, wie er ist, bleibt unklar. Radikal anders als andere Paukerfilme ist er nämlich überhaupt nicht.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom blue TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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