Play with the Devil (2023)

Filmkritik: Teufelskerl

58. Solothurner Filmtage 2023
Groovy, baby!
Groovy, baby! © Studio / Produzent

Der Basler Manuel Gagneux lebt für die Musik. Sie spielt in seinem Leben eine zentrale Rolle: Er produziert selbst Musik und landet auf der Suche nach Inspiration in einem Internet-Forum. Auf einen Social-Media-Post, in dem er die Mitglieder nach zwei unterschiedlichen Musikstilen fragte mit der Absicht, aus diesen einen Genre-Mix zu produzieren, resultiert eine plumpe Provokation: Er solle Black Metal und klassisch-afrikanische Sklavenmusik mischen.

Ein gefragter Mann
Ein gefragter Mann © Studio / Produzent

Die Idee stösst bei Gagneux auf offene Ohren. Er, der sowieso aus dem Metalbereich kommt, liest und hört sich in das ihm wenig bekannte Genre der Slave- oder Chainsongs ein und beginnt mit seinem Projekt «Zeal & Ardor». Eine amerikanische Musikjournalistin stösst auf seine Musik, propagiert diese im Internet und löst damit ein Erdbeben aus, das ungeahnte Konsequenzen nach sich zieht. Bald hat Gagneux 40 bestätigte Live-Shows und steht vor der Frage, wie er diese alleine bewältigen soll, schliesslich besteht Zeal & Ardor lediglich aus ihm und seinem Laptop.

Die Musikdokumentation Play with the Devil nimmt sich des Projekts des Baslers Manuel Gagneux an und verfolgt dieses beinahe von Beginn an und über einen Zeitraum von mehreren Jahren. So entsteht ein äusserst authentisches Abbild von der Band und deren Mitgliedern, die Kamera ist stets mit dabei, ob auf Tour oder bei intimen Momenten des Bandlebens. Demgegenüber steht ein gehasteter Abschluss, der sich zu wenig Zeit nimmt für die Geschehnisse.

Manuel Gagneux erreicht mit seiner innovativen Mixtur zweier vermischter Musikstile eine Marktnische der Musikindustrie. Niemals zuvor war jemand auf die Idee gekommen, Black Metal und Slave-Songs zu mischen. Grösser könnten die Unterschiede der beiden Genres auch kaum sein, Black Metal mit seinen Ursprüngen in Skandinavien und lange in Verbindung gebracht mit Satanismus, brennenden Kirchen und nicht selten auch mit rassistischem Gedankengut, wird schnell und hart gespielt. Die Worksongs afrikanischer Sklaven hingegen sind Zeichen des Widerstandes gegen ihre Unterdrücker, die Stimme der (Feld-)Arbeiter, mit äusserst rhythmischen «Call and Response»-Versen, die später den Blues massgeblich mitgeprägt hatten.

Was als Laptop-Einmannprojekt hinter verschlossenen Türen begann, nimmt schnell ungeahnte Ausmasse an, als Gagneux' Musik im Internet promotet wird und einschlägt wie eine Bombe. Die Dokumentation Play with the Devil begleitet das Projekt, das zu einer Band wurde, von Beginn an. Kein retrospektives Aufarbeiten der Geschehnisse, wie bei vielen Musik-Biopics - die beiden Regisseure Olivier Joliat und Matthias Willi sind von Anfang an dabei und verfolgen mit, wie die Bandmitglieder ihre ersten gemeinsamen Proben durchführen, Skepsis äussern und schliesslich zu einer Band zusammenwachsen. Dies stellt sich als Glücksfall heraus, da so die Ereignisse sehr authentisch und im Moment verankert sind. Ein Zurückblicken auf Geschehnisse hätte diese Erinnerungen möglicherweise verändert oder idealisiert, was hier gänzlich entfällt.

Die Kamera ist nahe am Geschehen und an den Menschen, fängt realitätsnahe Bilder ein, die auf den ersten Blick unspektakulär scheinen mögen: Sie zeigen Gagneux mit Freunden oder wie er an neuer Musik tüftelt. Doch genau diese Bilder entsprechen dem Mann, der nie diese grosse Aufmerksamkeit suchte und den Medienrummel um seine Person als beängstigend bezeichnet. Auch findet die Dokumentation eine gute Mischung aus Backgroundinformationen und Konzertauftritten, die laut und intensiv daherkommen, beinahe so, als sei man als Zuschauerin oder Zuschauer live mit dabei.

Und doch gibt es Themen, welche die Dokumentation nur anspricht und bald wieder fallenlässt oder ihnen nicht genauer nachgeht. Diesen hätte sie mehr Zeit widmen dürfen. In ihrer Laufzeit von 72 Minuten bleibt sie schliesslich recht übersichtlich. Gerade die letzte Episode, in der einiges geschieht, wirkt gehetzt und zu kurz, um Beweggründe richtig ausformulieren zu können. Dabei steht hier das Projekt Zeal & Ardor auf der Kippe. Alles in allem ist Play with the Devil aber eine interessante Doku über den aussergewöhnlichen Werdegang eines Musikprojektes und dessen Köpfe dahinter.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. Letterboxd

Trailer Originalversion, mit deutschen und französischen Untertitel, 01:52