Missing (2023)

Missing (2023)

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  2. 111 Minuten

Filmkritik: Wenn Mama nicht auf Anrufe reagiert

Doppelt sucht es sich besser.
Doppelt sucht es sich besser. © Sony Pictures Releasing Switzerland GmbH

Endlich sturmfrei! Darauf hat das Teenager-Mädchen June (Storm Reid) lange warten müssen. Da ihre Mutter Grace (Nia Long) nun aber nach Jahren mal wieder einen festen Freund (Ken Leung) hat und die beiden Verliebten jetzt in die ersten gemeinsamen Ferien nach Kolumbien fliegen, nimmt dies June zum Anlass, Zuhause eine fette Party zu schmeissen. Doch nach der grossen Sause kommt der noch grössere Schock: Mama taucht nach den Ferien nicht am Flughafen auf und ist weder über das Smartphone noch im Hotel in Kolumbien zu erreichen.

Der wahre Horror: ein Anruf!
Der wahre Horror: ein Anruf! © Sony Pictures Releasing Switzerland GmbH

In ihrer Verzweiflung beginnt June über das Internet eigene Nachforschungen anzustellen und versucht unter anderem über öffentliche Webcams und den Google-Account ihrer Mutter, den letzten Aufenthaltsort von Grace zu ermitteln. Als June tiefer gräbt, stösst sie auf mehr Fragen als Antworten - und stellt fest, dass sie ihre Mutter eigentlich gar nicht richtig kennt.

Für die Generationen Y und Z ist es völlig normal, nicht ans Telefon zu gehen. Aber wenn die eigene Mutter nicht auf Anrufe reagiert, dann herrscht Panik. Diese Panik und die damit verbundene Ungewissheit transportiert der clevere Thriller Missing überzeugend und spannend. Der sich komplett an Bildschirmen abspielende Film ist wie Searching ein kleiner Geheimtipp, der zwar ein bisschen überkonstruiert ist, sich aber so auch lange seine Unvorhersehbarkeit bewahrt.

Die Tatsache, wie unvorsichtig viele von uns im World Wide Web unterwegs sind, spielt einem Film wie Missing glorios in die Hände. Denn wenn nur eine wichtige Person in dem Thriller eine Multi-Faktor-Authentifizierung eingerichtet hätte, würden die Ermittlungen von Teenager June ziemlich sicher und schnell zum Stillstand kommen. Da dies jedoch nicht der Fall ist, wird fröhlich/verzweifelt in fremde Google-Konten eingeloggt, als wäre es das einfachste der Welt - IT-Sicherheitsexpert:innen sollten Beruhigungstabletten griffbereit haben.

Missing ist der Nachfolger des Überraschungs-Hits Searching, der aber von der Handlung her nichts mit dem Vorgänger zu tun hat. Mit dem Konzept, dass sich eine ganze Handlung an Bildschirmen (Laptops, Smartphones und mehr) abspielt, wird hier eine neue Geschichte erzählt. Dabei fällt auf, wie deutlich rasanter es hier zu und her geht. Denn im Gegensatz zu John Chos Vater im ersten Teil klickt sich hier mit Storm Reids June eine durchs Netz, die damit aufgewachsen ist, und so viel schneller zwischen Apps und Portalen hin- und herwechselt und so zügiger vorwärtszukommen scheint - sich aber auch in mehr Sackgassen manövriert. Reid spielt den auf seiner Suche immer mehr verzweifelnden Teenager stark.

Wie schon Searching hält einem dabei auch Missing einen Spiegel vor, wie wir uns im Netz bewegen und was wir dort von uns preisgeben. Der Film der beim ersten Teil am Schnitt beteiligten Regisseure Nicholas D. Johnson und Will Merrick, die mit Sev Ohanian auch am Drehbuch mitgeschrieben haben, gefällt da besonders auch aufgrund einer genauen Beobachtungsgabe, ohne jedoch zu moralisierend rüberzukommen. Auch der Tatsache, dass wir gerne auch mal einen Anruf absichtlich ignorieren, wird hier Rechnung getragen und als Spannungsschraube verwendet.

Des Rätsels Lösung ist dabei erneut nur schwer hervorzusehen, was man dem Film durchaus zugutehalten muss. Man kann es jedoch auch so sehen, dass es etwas konstruiert wirkt, was Johnson, Merrick und Ohanian da zusammengeschrieben haben. Aber das Miträtseln macht zuvor einfach zu grossen Spass, sodass man dann auch das etwas abfallende Finale zu verzeihen mag. Ob sich nach diesem Film mehr Leute die Einrichtung der Multi-Faktor-Authentifizierung überlegen, wird sich zeigen.

Chris Schelb [crs]

Chris arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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