Little Richard: I Am Everything (2023)

Little Richard: I Am Everything (2023)

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  2. 98 Minuten

Filmkritik: Rock'n'Rolla

39th Sundance Film Festival
Er hat die Haare schön.
Er hat die Haare schön. © Courtesy of Sundance Institute

Sein «Womp-bomp-a-loom-op-a-womp-bam-boom» ist inzwischen legendär: Mit seiner wilden, ungezügelten Musik und den anzüglichen Texten wurde Richard Wayne Penniman aus Macon (Giorgia), besser bekannt als Little Richard, weltbekannt. Hits wie «Tutti Frutti», «Lucille», «Good Golly Miss Molly» oder «Long Tall Sally» trafen den Nerv der Jugend und beeinflussten ab Ende der 1950er-Jahre zahlreiche andere Künstler wie beispielsweise auch einen gewissen Elvis Presley und prägten die frühen Jahre des Rock'n'Roll.

Zwei Arme und zwei Beine gibt KlaVIER.
Zwei Arme und zwei Beine gibt KlaVIER. © Courtesy of Sundance Institute

Doch trotz seiner grossen Bedeutung für die Rockgeschichte des 20. Jahrhunderts und seiner vielen Fans kämpfte der schrille Paradiesvogel während seines ganzen Lebens darum, auch als Künstler ernstgenommen zu werden. Seine Hautfarbe, aber auch seine Homosexualität waren mit ein Grund, dass er lange im Schatten jener Stars stand, die von ihm beeinflusst wurden. Es brauchte mehrere Jahrzehnte, bis der «King of Rock'n'Roll» endlich die Anerkennung erhielt, die er verdiente.

Little Richard war einer der grossen Musiker des 20. Jahrhunderts. Diese biographische Dokumentation rockt hingegen nur mässig. Sie scheitert im Spagat, die von ihm ausgehende Faszination einem jungen Publikum näherzubringen und gleichzeitig seine soziokulturelle Bedeutung auszuleuchten. Viele Szenen scheinen willkürlich zusammengeschnitten, was den Film trotz nur 90 Minuten Länge teilweise repetitiv macht. Sehenswert ist er aber nur schon deswegen, weil er dem Sänger die verdiente Aufmerksamkeit gibt. Fehlt jetzt eigentlich nur noch das grosse Hollywood-Biopic.

Auch im letztjährigen Elvis-Biopic hatte Little Richard seinen Auftritt; in einer kleinen Nebenrolle, gespielt von Alton Mason. Das ist wohl ein wenig bezeichnend; denn eine Nebenrolle spielte der Sänger jahrelang auch auf der Rock'n'Roll-Bühne, obwohl er diesen Musikstil doch sozusagen begründet hat. In seiner unbescheidenen Art wurde er selbst nicht müde, diesen Fakt immer wieder zu betonen, doch bestätigten dies auch zahlreiche Zeitgenossen. So hängten beispielsweise sowohl die Beatles als auch die Stones in ihren frühen Jahren mit ihm ab, bevor sie selbst zu übergrossen Stars wurden.

Little Richard: I Am Everything ist somit auch eine Doku über die nordamerikanische Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts; einer Zeit, in der Homosexuelle und Afroamerikaner auf verschiedensten Ebenen diskriminiert wurden, so auch in der Musik. Zum Weltstar wurde Elvis, nicht Little Richard - nicht zuletzt wegen seiner Hautfarbe.

Die Doku von Lisa Cortes, selbst eine Afroamerikanerin, versucht so zwei Aspekte zu verbinden: einerseits Little Richard zu porträtieren, andererseits aber auch ein Schlaglicht zu werfen auf die Diskriminierung, der dunkelhäutige Künstlerinnen und Künstler oft ausgesetzt waren. Sie arbeitet dabei mit vielen Archiv-Interviews, von Mick Jagger über David Bowie bis hin zum 2020 verstorbenen Little Richard selbst. Daneben hat sie auch neue Interviews geführt, mit noch lebenden Zeitzeuginnen und -zeugen wie auch mit jungen, queeren Menschen, für die der Künstler heute noch ein Vorbild ist.

Leider geht diese Mischung nicht ganz auf. Da die Regisseurin - mit wenigen Ausnahmen - darauf verzichtet, die einzelnen Archivinterviews zu datieren, fällt es dem Publikum schwer, diese Aussagen richtig einzuordnen. Wenn der Film auch ziemlich chronologisch erzählt ist, weiss man nie genau, in welcher Zeit man sich gerade befindet und es fehlt der Kontext, in dem eine Aussage getätigt worden ist. Nur schwer greifbar wird auch Little Richards Charakter, wobei dies wohl auch seiner Persönlichkeit geschuldet ist.

Natürlich geht ein Musiker-Biopic nicht ohne Musik. Little Richard: I Am Everything schafft es zumindest ansatzweise, die Energie wiederzugeben, mit welcher der Künstler sein Publikum damals begeisterte. Das ist vor allem für alle die wertvoll, die den Künstler nie live erleben durften - und das dürfte im Jahr 2023 wohl der grösste Teil der Musikfans sein. Mehr solche Musikszenen hätten für die fehlende Struktur entschädigt, doch schneidet sich dies wiederum mit der Ambition der Regisseurin, mehr zu bieten als eben «nur» eine Musiker-Biographie. So ist diese Doku letztendlich leider weder Fisch noch Vogel. Beziehungsweise: weder «Molly» noch «Sally».

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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