Fremont (2023)

  1. 91 Minuten

Filmkritik: Das Glück liegt im Innern der Kekse

39th Sundance Film Festival
Donya hat Insomnia.
Donya hat Insomnia. © Courtesy of Sundance Institute

Donya (Anaita Wali Zada) leidet an Schläfstörungen. Die Afghanin, die einst in ihrer Heimat für die Amerikaner übersetzte, lebt heute in Fremont und arbeitet in einer Glückskeks-Fabrik. Sie isst meist alleine Znacht und schaut dabei Soaps. Sie kennt aber auch den einen oder anderen Afghanen in ihrer Siedlung im kalifornischen Fremont.

Zwischen Stuhl und Käfer: Donya auf ihrem Roadtrip.
Zwischen Stuhl und Käfer: Donya auf ihrem Roadtrip. © Courtesy of Sundance Institute

Einer davon verschafft ihr einen Termin beim Psychiater Dr. Anthony (Gregg Turkington), der ihr Schlaftabletten verschreiben soll. Statt Medizin gibt es aber zuerst einmal längere Dispute und Ratschläge für Donya. Als auf der Arbeit die Frau stirbt, welche die Glückskeks-Texte schreibt, wird Donya befördert. Sie nutzt die neue Stelle, um ihre ganz eigenen Sprüchlein für die Kekse zu schreiben.

Wäre das absonderlich kurlige Flüchtlingsgdrama des iranstämmigen Regisseurs Babak Jalali wirklich ein Glückskeks, würde es beim Krümeln das eine oder andere witzige Brösmeli hinterlassen. Richtig nahrhaft ist es natürlich nicht, aber innen drin hat's den einen oder anderen gut formulierten Ratschlag, den zumindest für eine gewisse Dauer zum Sinnieren anregt.

Der iranstämmige Babak Jalali ist ein Locarno-Veteran. Sein Film Frontier Blues über Männer an der Grenze zu Turkmenistan lief im internationalen Wettbewerb. Schon damals hatte er ein Flair für kaurismäkische Lakonie. Dies zeigt sich auch in seinem englischsprachigen Überraschung Fremont.

In Schwarz-weiss und im 4:3-Format lässt er Anaita Wali Zada, selber afghanische Flüchtlingsfrau, allerlei seltsame Abenteuer erleben. Zada, deren Muttersprache genauso wenig Englisch ist wie bei vielen anderen Laiendarstellern im Film, hat ihre Texte quasi 1:1 auswendig gelernt und performt sie mit charmanter Ausdruckslosigkeit. Die Glückskeks-Fabrik bietet den entsprechenden Hintergrund für halbtiefsinnigen Small-Talk zwischen Arbeitskolleginnen oder mit ihrem chinesischen Boss. Und so monochron sieht das ziemlich schick aus.

Manchmal zündet ein Witz via Bildsprache innert Sekunden (ein plötzlicher Tod an der Computer-Tastatur), oder er kommt langsam via Dialog zum Vorschein (wenn der Psychiater sich ebenfalls als Glückskeks-Autor versucht). Nicht alles im Drehbuch führt irgendwo hin. Doch wie es eine Protagonistin im Film über die ständig gezeigte Soap sagt, ist man sich nicht sicher, ob man sich amüsiert, weil's aufregend ist, oder weil das eigene Leben eben nicht genug aufregend ist.

Gegen Ende hat sogar noch der Golden-Globe-Gewinner Jeremy Allen White aus der Disney+-Serie The Bear einen Auftritt als einsamer Automech. Ein weiterer Glücksmoment in einem an gelungenen Momenten reichen Film, der so ganz anders daherkommt als das handelsübliche Flüchtlingsdrama.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom blue TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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