Fairyland (2023)

  1. 114 Minuten

Filmkritik: If you're going to San Francisco…

39th Sundance Film Festival
Sie sagen: «Yay zu Gay!» Die Kleinfamilie als Zaungast an der San Francisco Pride.
Sie sagen: «Yay zu Gay!» Die Kleinfamilie als Zaungast an der San Francisco Pride. © Courtesy of Sundance Institute

Als die Mutter von Alysia (Nessa Dougherty) bei einem Autounfall stirbt, zieht das Mädchen mit seinem Vater Steve (Scoot McNairy) von Atalanta nach San Francisco. Es sind die 1970er, und der alleinerziehende Poet zieht in eine Kommune mit anderen Männern ein, die alle einen etwas eigensinnigen Lebenswandel pflegen. So denkt zumindest Alysias Oma (Geena Davis), die das Treiben aus der alten Heimat etwas argwöhnisch betrachtet. Alysia, welche sich über nackte Männer in Badewanne und Samtfummel zuerst wundert, kommt aber bald über den Tod ihrer Mutter hinweg.

Alyisa in Paris: Schlechte Nachrichten vom anderen Ende der Welt.
Alyisa in Paris: Schlechte Nachrichten vom anderen Ende der Welt. © Courtesy of Sundance Institute

Als Teenager in den 1980ern entfremdet sich Alysia (Emilia Jones) aber etwas von ihrem Vater. Sie besucht die NYU und reist für ein Austauschjahr nach Paris. Dass ihr Vater homosexuell ist, hält sie vor ihren Freundinnen geheim. Erst als ein bisher unbekanntes Virus die Runde macht, beginnt sich Alysia wieder vermehrt um ihren Vater zu kümmern. Infiziert mit den HIV-Virus, kommt Steve in ein Hospiz, und Vater und Tochter beginnen ihre Vergangenheit aufzuarbeiten.

Basierend auf dem gleichnamigen Buch von Alysia Abbott, ist Fairyland ein Streifzug durch die Geschichte der amerikanischen Schwulenbegung während der Siebziger und Achtziger aus weiblicher Sicht und gleichzeitig sentimentales Rührstück. Wer glauben will, dass der Vater einer Halbwaisen offen schwul wurde, weil er nach dem Tod der Mutter keine bessere Frau mehr fand, wie das Emilia Jones als Alysia zumindest ansatzweise tut, könnte am Film etwas mehr Freude haben.

Die Memoiren der Autorin Alysia Abbott beschreiben einerseits die Schwulenbewegung in San Francisco aus Mädchensicht und andererseits eine liebevolle und doch schwierige Vater-Tochter-Beziehung. Newcomerin Nessa Dogherty spielt Abbott als Mädchen mit staunenden Augen und Coda-Star Emilia Jones als junge Frau in einem Film, der den Altersunterschied auch formal akzentuiert. Die Siebziger sind auf 16mm gedreht und mit viel Archivmaterial zur Befreiung der Regenbogen-Familie garniert. Der zweite Teil in den Achtzigern forciert derweil eher den Hochglanz und einige ganz schlimme Frankreich-Klischees von US-Amerikanern.

Historische Gegebenheiten wie Harvey Milks Kampf oder die Aids-Epidemie werden angesprochen. Teils als amüsante Episoden eines an kindlichen Missverständnissen nicht armen Aufwachsens unter schwulen Männern, wenn zum Beispiel plötzlich eine gewisse O-Saft-Marke boykottiert werden muss; teils als regelrechte Tränendrüsendrückerei bei den Aussprachen zwischen Vater und Tochter im Hospiz. Jones, die ähnliche Daddy Issues bereits im Oscargewinner Coda auszutragen hatte, tut ihr Bestes als Gegenpart zum fahrigen Scott McNairy, wirkt aber oft etwas gar abgelöscht - auch wenn sie natürlich den Teen mit Stimmungsschwankungen immer noch bestens drauf hat.

Im von Sofia Coppola produzierten Film stellt sich bald einmal die Frage, ob eine Schwulen-Kommune wirklich der richtige Ort für die Erziehung eines Kindes ist. Der töchterliche Vorwurf der Vernachlässigung steht konkret im Raum, wenn Alysia oft allein zuhause ist. Ihr Vater nennt es aber lieber «Unabhängigkeit beibringen». Fairyland suhlt sich zwar in Queerness - inklusive Gastauftritt von Queen-Sänger Adam Lambert -, hat aber gleichzeitig Hemmungen, dies als die einzig richtige, liberale Lebensweise zu propagieren. So sind die Zweifel, die Abbott wohl hatte, als sie, mittlerweile selber Mutter, Jahre nach dem Tode ihres Vaters die Buchvorlage verfasste, auch im Film spürbar.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom blue TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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