Valeria Is Getting Married - Valeria Mithatenet (2022)

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  2. 76 Minuten

Filmkritik: Käufliche Ehe

18. Zurich Film Festival 2022
Spieglein, Spieglein an der Wand…
Spieglein, Spieglein an der Wand… © Lama Films

Valeria (Dasha Tvoronovich), eine junge Ukrainerin, reist auf die Initiative ihrer älteren Schwester Christina (Lena Fraifeld) zu dieser nach Israel. Christina lebt seit mehreren Jahren dort und hat selbst einen israelischen Mann geheiratet. Nun hat Christina für Valeria dieselben Pläne: Valeria soll Eitan (Avraham Shalom Levi), ebenfalls ein Israeli, heiraten und zu ihm ziehen. In der Wohnung von Christina und ihrem Mann soll dabei das erste physische Treffen zwischen Valeria und Eitan stattfinden. Bisher sahen sie sich lediglich über Skype.

Glück und Leid liegen so nahe beieinander
Glück und Leid liegen so nahe beieinander © Lama Films

Die Situation ist angespannt, Valeria wirkt nicht wirklich glücklich mit der bereits für sie arrangierten Ehe. Als Eitan endlich eintrifft, verschlechtert sich die Grundstimmung zusätzlich. Er wirkt sehr nervös, verhält sich sogleich besitzergreifend und überfordert Valeria mit Plänen und Geschenken. Das ist zu viel für sie, weshalb sie sich in das Badezimmer zurückzieht und niemandem mehr die Türe öffnet. Eines ist für sie klar: Sie möchte keinesfalls mit Eitan nach Hause gehen. Eine schwierige Situation, welche alle Beteiligten gleichermassen herausfordert.

Wenn es in der eigenen Heimat keine Zukunft mehr gibt, ist der einzige Ausweg oft nur noch eine arrangierte Ehe in einem anderen Land. Michal Vinik inszeniert eine solche in Valeria Is Getting Married als stimmungsvolles Drama, das sich hauptsächlich in einer Location abspielt. Die Dialoge und Diskussionen wirken dabei sehr realistisch, durch die kurze Laufzeit erhalten die Charaktere jedoch zu wenig Zeit für ihre Entwicklungen.

In Valeria Is Getting Married von Michal Vinik geht es um arrangierte Ehen und deren Auswirkungen auf die Direktbetroffenen. Der Zweitling der israelischen Regisseurin zeichnet zudem nebenbei ein Bild der politischen Situation in den Herkunftsländern der beinahe zwangsverheirateten Frauen. Denn diese kennen ihre zukünftigen Ehemänner nur durch Videocalls oder Textnachrichten und werden durch Agenturen und Vermittler unter Druck gesetzt, einer solchen Ehe zuzustimmen. Und dies nur, um noch miserableren Zuständen in ihren Heimatländern zu entkommen - eine unvorstellbare Bürde.

Der Film ist inszeniert als beengendes Kammerspiel, das sich die meiste Zeit in der Wohnung von Christina und deren Mann abspielt. Nur wenige Szenen zeigen die Welt ausserhalb dieser vier Wände. Doch nicht das Appartement, vielmehr die angespannte Grundstimmung ist es, die dem Publikum langsam die Luft abschnürt. Denn es scheint klar, dass die Situation unweigerlich in einem Fiasko enden muss.

So spitzt sich die Situation zu, je näher Valeria und Eitan dem Ende des Treffens kommen. Der aufkommende Widerstand, die Zweifel, die Ausweglosigkeit, doch auch die Schuldgefühle Christinas, deren Mann und Eitan gegenüber sind enorm. Sie erhalten durch Gespräche zwischen Valeria und Christina Raum, nur hätten sie mehr Laufzeit des Filmes in Anspruch nehmen dürfen, sind sie doch die zentrale Aussage des Filmes.

Die Dialoge zwischen den Charakteren sind pointiert und intelligent. Und doch schockieren Aussagen wie diejenige von Eitan, der wegen seiner Ausgaben für die Ehevermittlung das Gefühl hat, ein Anrecht auf Valeria zu haben. Der Film übt so auch auch Kritik am patriarchisch dominierten System.

Schauspielerisch überzeugt Dasha Tvoronovich als verunsicherte und überforderte Valeria, die einen riesigen inneren Konflikt auszutragen hat und sich schlussendlich zwischen der Rückkehr der in die Perspektivlosigkeit oder einer für sie unerträglichen arrangierten Ehe zu entscheiden hat. Kritikpunkte müssen angebracht werden für einige seltsame Entscheidungen am Schluss, die der Intensität der vorgängigen Geschichte nicht wirklich gerecht werden. Zudem bietet die kurze Laufzeit von lediglich 75 Minuten zu wenig Platz für die Darstellung der Konflikte und davon, wie sie gelöst werden.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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Kommentare Total: 2

yab

Filmkritik: Käufliche Ehe

chr

Ein unaufgeregtes 75minütiges Drama, das gut anzuschauen und dank schöner Musik auch gut anzuhören war.

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