Sick of Myself (2022)

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  2. 95 Minuten

Filmkritik: Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage …

75e Festival de Cannes 2022
Viele viele bunte Smarties
Viele viele bunte Smarties © Oslo Pictures

So richtig entspannt ist die Beziehung zwischen Signe (Kristine Kujath Thorp) und Thomas (Eirik Sæther) nicht. Denn sie beide sind Narzissten. Er ist ein Künstler, dessen Projekte darin bestehen, dass er teure Objekte stiehlt: eine sündhaft teure Flasche Wein aus dem Restaurant beispielsweise, oder Designer-Möbelstücke, aus denen er dann Kunstinstallationen kreiert. Signe, die in einem Café arbeitet, ist eifersüchtig auf die Zuwendung, die Thomas erhält und täuscht während eines Essens mit Freunden auch schon mal einen allergischen Anfall vor, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Solange das Smartphone läuft, ist der Rest egal.
Solange das Smartphone läuft, ist der Rest egal. © Oslo Pictures

Doch als Thomas' Erfolg zunimmt und er es sogar aufs Cover einer renommierten Zeitschrift schafft, reicht das Signe nicht mehr. Jetzt muss so ein richtiger Knaller her; etwas, das sie wieder in den Mittelpunkt katapultiert. Als sie eines Tages im Internet von einem russischen Medikament liest, das böse Hautausschläge verursachen soll, organisiert sie sich davon gleich eine Familienpackung und pfeift sich eine ordentliche Schippe von den Pillen rein. Ihr Plan funktioniert, nimmt allerdings bald eine Eigendynamik an, die sie nicht mehr kontrollieren kann.

Risiken und Nebenwirkungen? Ja, bitte gern! Die schwarze Komödie von Kristoffer Borgli überzeugt durch ihren lakonischen Humor genauso wie durch seine Hauptdarstellerin - nach Ninjababy eine weitere Top-Rolle für Kristine Kujath Thorp. Sick of Myself ist ein kleiner Geheimtipp.

So amüsant der Film ist, er hat doch einen ernsten Hintergrund. Schliesslich porträtiert er eine Narzisstin, die alles tut, damit sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht - auch wenn das bedeutet, den eigenen Körper zu verunstalten. In dieser Hinsicht kann man Sick of Myself durchaus als bissigen Kommentar auf den Selbstinszenierungswahn der «Generation Instagram» verstehen. Gleichzeitig nimmt der Film aber auch all jene aufs Korn, deren Bemühungen für Diversity und Inklusion absurde Ausmasse annehmen.

Mit seinem schwarzen Humor erinnert der Film des Norwegers Kristoffer Borgli ein wenig an die Werke von Ruben Östlund (The Square, Triangle of Sadness). Genauso wie sein schwedischer Kollege mokiert er sich mit Genuss über die Auswüchse der Wohlstandsgesellschaft. Eine weitere Gemeinsamkeit: der Cringe-Faktor. Einige Szenen sind nämlich genau wie bei Östlund zum Fremdschämen peinlich.

Für das Publikum ist das vergnüglich - zumindest wenn man den etwas lakonischen, schwarzen Humor mag. Wobei sich dieser immer haarscharf an der Grenze zu «Darüber darf man ja eigentlich nicht lachen!» bewegt. Selbst wenn der Film gegen Ende leicht abgibt und sich ein wenig zu repetieren beginnt, so ist er mit seinen lediglich 95 Minuten doch unterhaltsam genug, um nicht langfädig zu werden. Witzig sind dabei insbesondere die immer wieder eingestreuten Fantasiesequenzen, in denen sich die Protagonistin ihre Wunschwelt ausmalt.

In der Hauptrolle überzeugt die Schauspielerin, die schon die unfreiwillig werdende Mutter in Ninjababy verkörpert hat: Kristine Kujath Thorp stellt dabei eine erstaunliche Wandlungsfähigkeit unter Beweis. Einerseits im Hinblick auf die sehr unterschiedlichen Charaktere, andererseits auch äusserlich. Dabei zeigt sie auch Mut zur Hässlichkeit, denn - wen wundert's - die medikamentöse Selbstzerstümmelung ihrer Figur ist auf Dauer ungesund. Dem Publikum ists egal. Sick of Myself beweist, dass auch Filme über Krankheiten lustig sein können.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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