Ramona (2022)

Ramona (2022)

  1. 80 Minuten

Filmkritik: Leben und lieben in Madrid

18. Zurich Film Festival 2022
Atomic blonde
Atomic blonde © Zurich Film Festival

Ramona (Lourdes Hernández) ist Anfang 30 und wohnt mit ihrem Freund Nico (Francesco Carril) in Madrid. Sie hatten mehrere Jahre im Ausland verbracht, nun sind sie zurück in ihre Heimatstadt gezogen. Nico arbeitet als Koch, Ramona hält sich mit mehreren kleinen Jobs über Wasser und träumt davon, Schauspielerin zu werden. Auf dem Weg zu einem Vorsprechen trifft sie in einem Café ganz in der Nähe des Castings auf den älteren, aber sehr charmanten Bruno (Bruno Lastra). Sie beginnen sich zu unterhalten, trinken erst gemeinsam Kaffee und später Bier, diskutieren über Recycling und das spanische politische System. Die Zeit vergeht wie im Flug, die Chemie zwischen den beiden stimmt, doch wird es Ramona dann doch zu viel.

Wenn sie dir gefällt, musst du nach rechts swipen!
Wenn sie dir gefällt, musst du nach rechts swipen! © Zurich Film Festival

Am nächsten Tag geht Ramona erneut zu einem Vorsprechen für eine Rolle und trifft dort unverhofft wieder auf Bruno. Dieser ist nämlich der Regisseur des Filmes, bei dem Ramona für die Rolle der Hauptperson vorspricht. Bruno will sie unbedingt als Hauptcharakter besetzen. Sie wimmelt ihn jedoch ab und erzählt Nico zu Hause, dass sie die Rolle ausgeschlagen habe. Dieser fordert sie auf, nochmals darüber nachzudenken. So beginnt Ramona, ihr bisheriges eingespieltes Leben und ihre Beziehung mit Nico zu hinterfragen.

Diese romantische Komödie trägt das Herz am rechten Fleck. Als Anekdote und Liebeserklärung an die Stadt Madrid und in Schwarz-Weiss gefilmt, zeigt Andrea Bagney mit Ramona eine auf Zufälligkeiten basierende Liebesgeschichte. Oder war es am Ende doch gar Schicksal? Die Story kommt leichtfüssig daher und zeichnet das Bild einer Frau, die fest im Leben steht und erst durch eine Begegnung mit einem Mann ihr eigenes Dasein zu hinterfragen beginnt. Ein schöner Film, aber der Geschichte fehlen schlussendlich ein wenig der Realitätsbezug und der Tiefgang.

Es gibt einige feine Parallelen zwischen Andrea Bagneys Film und Noah Baumbachs wundervollem Frances Ha. Die offensichtlichste ist dabei die Machart: Beide Filme sind in Schwarz-Weiss gehalten, wobei Ramona zwischendurch auch Farbe verwendet. Analog gefilmt, rauscht das Bild über die Leinwand und vermittelt ein nostalgisch anmutendes Flair. Einzig diejenigen Szenen, in denen Ramona vor der Kamera steht, wurden in Farbe gedreht; wobei die pinke Strickjacke und die blonde Perücke stark an Paris, Texas erinnern. Inhaltlich gleichen sich die beiden Filme durch das Abbild eines Lebensgefühls einer jungen Frau und ihres Lebens in einem urbanen Umfeld.

Die Grundatmosphäre in Ramona funktioniert wunderbar und fängt die unterschiedlichen Stimmungslagen der Protagonistin ein. Durch die zufällige Begegnung beginnt sie, ihr altes Leben, ihre bisherige Existenz, ihre Träume und Ziele im Leben zu hinterfragen, gar daran zu zweifeln. Dabei erscheinen diese Zweifel nicht schwermütig. Sie kommen ebenfalls mit einer Leichtigkeit aus, die man sich für sich selbst nur wünschen würde. Mehr Tiefe und etwas Schwere hätte den Konflikten und den sich verändernden Lebensumständen allerdings nicht geschadet, so scheint alles etwas gar leger und einfach.

Die Dialoge trumpfen mit viel Wortwitz und Charme auf, die Chemie zwischen den beiden Menschen stimmt. Sogleich besteht diese starke Anziehungskraft, der sich beide nur schwer entziehen können. In der zweiten Filmhälfte geht die Liebe zum Detail, sowohl in Bezug auf die Charaktere als auch auf die Stadt, etwas verloren. Denn da beschäftigt sich der Film mehr mit Castings, Vorsprechen und Filmaufnahmen und setzt sich mit dem Filmemachen an und für sich auseinander.

Die Rom-Com versteht sich als Hommage an die Stadt Madrid, fängt verwegene Winkel und Gebäude mit schönen, stimmungsvollen Bildern ein, hält inne und lässt die Kamera über den urbanen Raum schwenken. Bagney gliedert Ramona in sechs Kapitel und einen Epilog, die durch hübsche Texttafeln angekündigt werden und durch den Titel etwas über die jeweilige Handlung verraten. Der Film bietet leichte Unterhaltung mit Witz und Charme, lässt aber die Tiefe und Ernsthaftigkeit des realen Lebens und im Umgang mit Problemen ein wenig vermissen.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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