Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush (2022)

Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush (2022)

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  2. 119 Minuten

Filmkritik: Mamma muss es richten

72. Internationale Filmfestspiele Berlin 2022
Aufmarsch in D.C.: Rabiye Kurnaz mit Anwalt Scheer auf dem Weg zum Lincoln Memorial.
Aufmarsch in D.C.: Rabiye Kurnaz mit Anwalt Scheer auf dem Weg zum Lincoln Memorial. © Pandora Film

Rabiye (Meltem Kaptan) will in Bremen gerade ihren Sohn zum Essen aus dem Zimmer klopfen, als er sich telefonisch vom Frankfurter Flughafen meldet, und sich nach Pakistan verabschiedet. Der junge Mann möchte seinen Glauben stärken, gerät dabei aber ins Visier der US-Amerikaner. Im Nachgang zum 11. September inhaftieren sie den Deutsch-Türken ohne Anklage im Gefangenenlager Guantanamo.

Rabiye ist von der Unschuld ihres Sohnes überzeugt und muss bald die Boulevard-Reporter vor ihrer Haustür abwehren, bald seine beiden kleinen Brüder trösten. Obwohl Rabiye die Folterkammer auf Kuba vorerst nicht komplett versteht, setzt sie alles daran, dass ihr Sohn bald nach Deutschland zurückkehren kann. Der Menschenrechts-Anwalt Alexander Scheer (Bernhard Docke) soll sie dabei unterstützen. Ein jahrelanger Kampf um Gerechtigkeit beginnt, der die türkische Mamma bis nach Washington bringen soll.

Das Wagnis, die wahre Geschichte des über Jahre in Guantanamo gefolterten Deutsch-Türken Murat Kurnaz aus der Sicht seiner Mutter zu erzählen, gelingt Andreas Dresen nur bedingt. Ein wichtiges Kapitel deutsch-amerikanischer Geschichte schwimmt im Mainstream zwar zu mehr Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, die systemkritischen Anspielungen gehen aber wegen der flotten Komik der Hauptdarstellerin Meltem Kaptan fast unter.

Obwohl Murat Kurnaz' Leidensweg schon mal als Film erzählt wurde (Fünf Jahre Leben), ist die Geschichte einer grösseren Öffentlichkeit noch viel zu unbekannt. Der Justiz-Irrtums-Klassiker von der falschen Person am falschen Ort bekam mit Kurnaz im US-Gefangenenlager von Guantanamo eine bestürzende Fallhöhe, die durch dreiste Aktivitäten sowohl der deutschen als auch der türkischen Behörden über die Jahre immer schlimmer wurde.

Statt die trockene Juristerei beziehungsweise die menschenunwürdige Folterei ins Zentrum ihrer Geschichte zu stellen, nehmen Regisseur Andreas Dresen und seine Drehbuchautorin Laila Stieler den Humor zur Hand, um die Story zu «sugarcoaten», wie der Amerikaner das nennt. Starker Tobak wird quasi geschmeidig verzuckert, um ihm seine Bitterkeit zu nehmen.

Dies geht dank der Figur der Mutter Kurnaz'. Von Minute eins an spielt die deutsche Komikerin Meltem Kaptan diese Rabiye als lebenslustige, warmherzige Person, die man sogleich ins Herz schliesst. Schlagfertig, tatkräftig und furchtlos gegenüber Respektspersonen und Blechpolizisten gibt sie dem Film Witz und gehörig Tempo. Als Kontrapunkt der impulsiven Mamma wirkt der sachliche Jurist Docke - ein aus Filmen wie Erin Brockovich oder Philomena bewährtes Antagonisten-Tandem.

Das funktioniert soweit, wie es auch für eine komische deutsche Vorabendserie rund laufen würde. Gerät aber spätestens dann etwas aus der Bahn, als sich die Handlung nach Washington verlegt. Dort ist das Milieu weniger stimmig eingefangen und der Film verliert sich etwas im allzu Didaktischen. Die Belehrungen, auch wenn noch so subtil eingebaut, sind Dresen und seinen Protagonisten aber ebenso wichtig wie der Spass-Faktor. Deshalb kann man dem Film genauso wenig böse sein wie der wunderbaren Rabiye. Denn auch wenn eine Parabel noch so drollig ist, ohne Lerneffekt wäre es nur eine witzige Geschichte.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom blue TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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