Notre-Dame brûle (2022)

Notre-Dame brûle (2022)

Notre-Dame in Flammen
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  3. 110 Minuten

Filmkritik: Als den Galliern der Kirchenhimmel auf den Kopf fiel

Ja, me weiss, was cha passiere, we me nid ufpasst mit Füür.
Ja, me weiss, was cha passiere, we me nid ufpasst mit Füür. © Pathé Films

Es herrscht Hochbetrieb auf der Ile de la Cité an diesem heiteren Frühlingsmontag, der sich in das kollektve Gedächtnis der französischen Nation einbrennen wird. Am Abend des 15. April 2019 schrillen bei einem Pariser Sicherheitsdienst die Sirenen: «Feuer im Dachstuhl der Notre-Dame!» Die barocke Kathedrale mit ihren unermesslichen historischen, kulturellen und wirtschaftlichen Schätzen brennen zu sehen, wäre für die Grande Nation ein Horrorszenario. Sogleich wird vor Ort ein Augenschein genommen, doch kein Brandherd ist auszumachen. Wohl ein weiterer Fehlalarm, denkt man sich und verflucht das veraltete Warnsystem.

«Das sollten wir besser nicht an die grosse Glocke hängen.»
«Das sollten wir besser nicht an die grosse Glocke hängen.» © Pathé Films

Die evakuierten BesucherInnen dürfen sich wieder in die heiligen Hallen begeben, der Gottesdienst wird wiederaufgenommen. Sie bekommen nicht mit, dass bereits dichter Qualm über dem Dach aufsteigt. AugenzeugInnen zücken das Smartphone und versenden die Fotos um den Globus. Als diese den Weg auch zu den Schutzleuten in Frankreichs Hauptstadt finden, runzeln diese die Stirne und tun es als Photoshop-Fake ab. Doch dann laufen die Leitungen zur Pariser Feuerwehr immer heisser, denn das Wahrzeichen der Stadt stehe tatsächlich in Flammen.

Es gibt nicht den einen Helden, nicht das ganz grosse Desaster und nicht die eine Lehre im Zusammenhang mit dem Grossbrand in der Notre-Dame. Dennoch - oder gerade deswegen - gelingt Jean-Jacques Annaud ein geschickt inszeniertes und spannendes Doku-Drama, das zwar nicht in die Tiefe geht, aber wie nebenbei auch bestimmte Aspekte unserer Gesellschaft aufgreift.

Das Mystische scheint den französischen Regisseur Jean-Jacques Annaud (Der Name der Rose, Sieben Jahre in Tibet) nach wie vor zu beschäftigen, wobei das Inferno im Kirchenhimmel des scheinbar unerschütterlichen Pariser Wahrzeichens das ganze Land buchstäblich in Atem hielt. Letzteres kann auf einen zweiten Blick durchaus eigenartig wirken, scheint doch dieses Gebäude, in dem die vermeintliche Dornenkrone Christi angebetet wird, in dem die Digitalisierung ganz weit weg scheint und in dem noch rege Gottesdienste besucht werden, völlig aus der schnelllebigen Zeit gefallen zu sein.

Auf dieses Spannungsverhältnis legt Annaud szenisch dann auch den Fokus - und das entfaltet eine intensive Wirkung. Indem er die Hektik des Löschbetriebs und das geradezu ruhig tosende Feuer auf die still ins Leere starrenden Statuetten und Wasserspeier der Kirche prallen lässt, und indem er die episodenhaft eingeflochtenen Handlungen schnell zu ihren Höhepunkten führt, trägt er das Geschehen zielsicher von einem Kulminationspunkt zum nächsten. Es sind intensive 110 Minuten an der Seite der Feuerwehrleute, die in Split-Screens, mit eingeflochtenem Archivmaterial - das fast nicht von der Inszenierung zu unterscheiden ist - und Musik zwischen sakralen Orgeltönen und sphärischem Gewummer nur in ganz kurzen Momenten pathetisch oder überspannt daherkommen.

Das liegt auch daran, dass der Fokus dieses Doku-Dramas immer wieder wechselt und so auf die Erzählung einer klassischen Heldengeschichte verzichtet. Vielmehr beschränkt sie sich auf die Nacherzählung der Ereignisse am Abend des 15. April 2019 und bricht somit auch eine Lanze für die namenlosen Feuerwehrleute, die fast alles riskierten, um die Kathedrale und ihre kulturellen Schätze zu erhalten. Da hätte eine Debatte über Sinn und Unsinn des Wiederaufbaus, der kurze Zeit später im Parlament beschlossen wurde, durchaus seinen Platz finden können.

Doch darauf wird verzichtet, wenngleich sich Fragezeichen auch so ausmachen lassen. Die falschen Sicherheiten, mit denen wir uns ausstatten, die Ungläubigkeit mit der man den Bildern der brennenden Kathedrale begegnet und die infarktuöse Verkehrssituation, derenthalber die Feuerwehr auf dem Weg zum Brandherd immer wieder steckenbleibt: Wie unter einem Brennglas schaut man hier fast schon beiläufig auf regelrecht typische Phänomene der heutigen Zeit. Über 800 Jahre alt ist die Notre-Dame - und hat uns offenbar noch immer viel zu sagen.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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