Der Nachname (2022)

Der Nachname (2022)

  1. 87 Minuten

Filmkritik: Trouble in Paradise

18. Zurich Film Festival 2022
Immer muss man sich für die Familie verbiegen.
Immer muss man sich für die Familie verbiegen. © Praesens Film

Ein schönes und vor allem harmonisches Familientreffen auf Lanzarote hätte es für die Böttcher-Kinder Thomas (David Florian Fitz) und Elisabeth (Caroline Peters) mit ihren jeweiligen Partnern Anna (Janina Uhse) und Stephan (Christoph Maria Herbst), ihrem Adoptivbruder René (Justus von Dohnányi) und ihrer Mutter Dorothea (Iris Berben) werden sollen. Doch schon alleine die Tatsache, dass René und Dorothea jetzt ein Paar sind, nagt auch Jahre später immer noch an Thomas und Elisabeth.

Ein Baum im Herbst oder ein Herbst im Baum?
Ein Baum im Herbst oder ein Herbst im Baum? © Praesens Film

So wird das mit der Harmonie natürlich schwierig. Eine Verrkündung von René und Dorothea gleich der Ankunft erschwert dies zusätzlich: Die beiden haben nämlich heimlich geheiratet. Während Anna und Stephan eher gelassen darauf reagieren, drehen Dorotheas Kinder nun völlig am Rad. Es dauert nicht lange, bis durch weitere Enthüllungen alle Anwesenden Grund zum Aus-der-Haut-fahren haben.

Auch wenn der Bogen mit den Enthüllungen in der zweiten Filmhälfte etwas überspannt wird, bietet auch Der Nachname dank frechen Dialogen und gut aufgelegtem Cast ganz viel Spass. Zwar fehlt der Fortsetzung zu Der Vorname wegen ein paar zu harmoniesüchtigen Figuren etwas der satirische Biss, aber wann immer Christoph Maria Herbst mit ernster Miene den Mund aufmacht, darf herzhaft gelacht werden.

Jetzt kommen die Stützräder ab! Konnte sich Regisseur Sönke Wortmann bei Der Vorname noch auf das Erfolgsrezept eines französischen Originals verlassen - wie übrigens danach auch bei seinem Le brio-Remake Contra -, ist die naheliegend betitelte Fortsetzung Der Nachname nun gänzlich auf deutschem Mist gewachsen. Das klingt aber despektierlicher, als es das Endergebnis ist. Denn auch das Sequel gefällt dank einem spielfreudigen Cast und einigen lustigen Enthüllungen.

Was Der Nachname jedoch in Gegensatz zu Der Vorname fehlt, ist eine beengende Location. Beim Erstling wirkte das mit Büchern vollgestopfte Haus von Elisabeth und Stephan fast schon klaustrophobisch. Wie bei einem Dampfkochtopf baute jede Provokation immer mehr Druck auf, bis es den Figuren den Deckel lupfte und das Publikum mit Lachen die aufgebaute (An-)Spannung rauslassen konnte. Das sonnendurchflutete Lanzarote-Setting lässt sowas nicht zu. Da zudem die Protagonisten auch immer mal wieder davonlaufen können - und dies auch tun -, wirkt dieses Sequel deutlich entspannter; auch wegen der grösseren Rolle der eher harmoniesüchtigen Figur von Iris Berben. Ein Nachteil davon ist, dass die Wortgefechte nicht mehr so lange dauern und sich die Charaktere fast nie hochwiegeln können.

So müssen die Schauspielerinnen und Schauspieler aus jedem Satz mehr herausholen - und das schaffen sie ohne Probleme. Dabei begeistert erneut Christoph Maria Herbst als Literaturprofessor, der zwar einen Stock im Arsch hat, dessen trockenen Kommentare aber immer ihr Ziel treffen. Herbsts bester Sparringspartner ist erneut Florian David Fitz in der Rolle des nie um einen provozierenden Spruch verlegenen Geschäftsmanns.

Wie schon beim Vorgänger fokussiert Wortmann auf das Wesentliche und hält so die Laufzeit bei angenehmen 87 Minuten. Mehr wäre ohnehin zu viel gewesen. Denn die Enthüllungen werden ab einem gewissen Punkt immer absurder und erinnern fast ein wenig an die Familienverbindungen in der Star-Wars-Saga. Eine weitere Fortsetzung («Der Mittelname», «Die Adresse», «Die Postleitzahl»?) wäre deshalb nicht wirklich ratsam, da es nur noch unglaubwürdiger werden würde. Aber dieser tolle Cast darf mit solch geschliffenen Dialogen gerne für ein anderes Projekt zusammenkommen.

Chris Schelb [crs]

Chris arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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Kommentare Total: 2

muri

Wurde super unterhalten. Der Film hat eine optimale Laufdauer und CM Herbst stiehlt in seinen Szenen die Show. Gute Sache!

crs

Filmkritik: Trouble in Paradise

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