Moonage Daydream (2022)

Moonage Daydream (2022)

  1. ,
  2. ,
  3. 140 Minuten

Filmkritik: Ground Control to Major David

75e Festival de Cannes 2022
Wer hat Angst vorm pinken Mann?
Wer hat Angst vorm pinken Mann? © Studio / Produzent

David Bowie gehört zu den gefeiertsten und ungewöhnlichsten Künstlern, welche die Musikszene je hervorgebracht hat. Dank seinem Style, seiner Musik und seiner unvergleichlichen Art wurde er von seinen Fans vergöttert. Doch David Robert Jones, wie er mit bürgerlichen Namen hiess, war nicht nur einfach Sänger, sondern auch Künstler und Filmstar, der in Werken wie The Man Who Fell to Earth und Merry Christmas, Mr. Lawrence mitwirkte. Im Januar 2016 verstarb Bowie an Leberkrebs.

Ich glaube, ich seh doppelt: 14 David Bowies!
Ich glaube, ich seh doppelt: 14 David Bowies! © Studio / Produzent

In seinem Dokumentarfilm beleuchtet Brett Morgen nun das Leben von Bowie. Dafür arbeitet der Regisseur lediglich mit Archivmaterial wie von Konzerten oder Interviews. Viele der Bilder sind in dieser Doku überhaupt zum ersten Mal zu sehen. Eine wilde Reise durch mehrere Jahrzehnte, in denen sich Bowie immer wieder neu erfunden hat, dabei aber nie an Faszination eingebüsst hat.

Moonage Daydream ist ein Porträt eines Künstlers, der sein Leben in vollen Zügen gelebt hat, dessen Musik unsterblich ist, der aber über die Jahre für viele ein Rätsel geblieben ist. Regisseur Brett Morgen respektiert das und bietet in seinem Dokumentarfilm eine rauschhafte Bildershow, die weniger an Bowies Werdegang interessiert ist, sondern mehr an seinen Gedanken. Für einige wird das frustrierend sein. Bowie war aber während seiner Karriere nie wirklich greifbar und eigentlich immer in Bewegung. Deshalb ist dies für seine Fans wohl der perfekte Film über ihr Idol.

Wie wird man einer Person wie David Bowie gerecht? Der in London geborene Künstler hat sich in seiner über 50-jährigen Karriere dermassen oft selbst neu erfunden, dass er selbst für Kritikerinnen und Kritiker immer auch ein Rätsel blieb. Aber genau das machte auch seine Faszination aus. Bowie war anders, wild und immer wieder unberechenbar. Regisseur Brett Morgen, der schon über Kurt Cubain mit Montage of Heck ein ziemlich gutes Porträt eines vergötterten Musikers geschaffen hat, versucht gar nicht, Bowie irgendwie greifbar zu machen. Stattdessen vermittelt er das Gefühl, das man mit dem Musiker in Verbindung bringt. Entstanden ist ein Dokumentarfilm so experimentell wie das Schaffen Bowies, der wie des Künstlers Major Tom in «Space Oddity» immer in der Schwebe zu sein scheint.

Das wird nicht allen gefallen. Wer die Standard-Doku mit Talking Heads von Wegbegleitern sehen möchte, ist hier völlig falsch. Morgen arbeitete hier wirklich nur mit bestehendem Archivmaterial - ganz ähnlich wie dies Asif Kapadia unter anderem mit seinem mitreissenden Dokumentarfilm über Diego Maradona gemacht hat. So ist es eigentlich nur Bowie selbst, der über David Bowie spricht. Seine Ansichten zu Kunst, Musik, unser aller Zusammenleben, Liebe und so weiter werden wiedergegeben, wobei es Morgen nicht immer so genau mit der Chronologie nimmt. Der Film besteht eigentlich fast nur aus Montagen und Bildcollagen. Bowie war ein Künstler, der Chaos und und ständige Veränderungen liebte. Moonage Daydream wird dem gerecht, denn der Film wirkt zuweilen etwas gar chaotisch und mixt dabei auch Szenen aus gefühlt 100 Filmen hinein wie Metropolis, 8 1/2 und sogar dem Keanu-Reeves-Sci-Fi-Kracher Johnny Mnemonic.

Unterlegt ist das Ganze natürlich mit der Musik Bowies, sodass dann fast schon ein rauschhaftes Seherlebnis entsteht, das seine Fans sicher am besten goutieren werden. Andere, welche die Musiklegende nur von Songs aus dem Radio her kennen, werden sich nach einer halben Stunde fragen, ob das mit der Bilderflut nun noch 100 Minuten so weitergehen wird. Die Antwort lautet ja.

Es ist ein Film, auf den man sich komplett einlassen muss. Alle, die Bowie nie live bei einem Konzert sehen konnten, werden ein Gefühl erhalten, wie das gewesen sein muss. Das kann - auch wegen der langen Laufzeit - durchaus erschlagen, ist aber trotz allem äusserst faszinierend. Wie bei Bowie kann man nicht wegsehen. Ein hypnotisierendes Seherlebnis.

Chris Schelb [crs]

Chris arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. E-Mail
  4. Twitter
  5. Instagram
  6. Letterboxd