La montagne (2022)

La montagne (2022)

Filmkritik: Der Mann, der nicht mehr ins Tal will

75e Festival de Cannes 2022
Wenn's obe schifft…
Wenn's obe schifft… © Sister Distribution

Pierre (Thomas Salvador) ist erfolgreicher Ingenieur. Als es ihn für die Präsentation eines Roboters in die Alpen verschlägt, litzt es ihm beim Anblick der Felswände den Ärmel rein. Er kehrt nicht mehr nach Paris zurück, kauft sich stattdessen eine Wander-Ausrüstung und fängt an zu biwakieren im ewigen Schnee. Sein einziger Kontakt zur Aussenwelt sind fortan nur noch andere Wanderer.

Alpine Marvel: Das innere Leuchten.
Alpine Marvel: Das innere Leuchten. © Sister Distribution

Die pressant angereiste Familie tobt, weil sie nicht verstehen kann, wie Pierre seinen Lebensunterhalt verdienen will. Dafür nimmt Léa (Louise Bourgoin), die Chefin des Restaurants einer Bergstation, Interesse auf. Sie besorgt ihm einige Einkäufe und hilft zur Not. Denn selbst wenn es um sein Überleben und seine Gesundheit geht, ist Pierre entschlossen, nicht wieder ins Tal zu steigen. Doch dann entdeckt Pierre im Fels mysteriöse Lichter.

In die Berge fahren zum Regenerieren bekommt eine ganz neue Bedeutung im zweiten Film des Franzosen Thomas Salvador. Als Hauptdarsteller und Regisseur setzt er zur Flucht ins Hochgebirge an und stolpert dabei zwar nicht ins Tobel, sondern eher über einen allzu «Gschpürschmi»-haften Esoterik-Humbug zum Filmende, der fürs Budget erstaunlich schick aussieht, aber deplatziert wirkt.

Morgendliche Nebelschwaden, Postkarten-Idylle, einsame Stille. Wandern im Hochgebirge hat seine Vorteile, und ist nicht von ungefähr ein Hobby im Trend. Auch unser Held Pierre hat auf 4000 Metern über Meer niemanden zum Reden beim Frieren, fühlt sich aber trotzdem viel lebendiger als in der Hauptstadt. Bergfreundinnen und -freunde sind aber vielleicht doch nicht die Zielgrupppe von La Montagne. Denn ungefähr in der Hälfte des Films driftet das alles etwas ins Mystische ab. Und damit ist nicht unbedingt alpine Folklore gemeint.

Ohne zu viel zu verraten, nimmt die Filmhandlung eine Wendung, die eher zu Captain Marvel passt als zu Le otto montagne. Das gibt dem Film einen spirituellen Spin, der ungewohnt ist und weiter weg von der Konzentration auf das Wesentliche, die La montagne zuerst propagiert. Das Abwerfen von zivilisatorischem Ballast wie Kreditkarte, Kugelschreiber und Kaffeekocher ist noch einigermassen verständlich. Und für den Alpinisten in uns erstrebenswert. Die CGI-Tricks, mit denen der Film aufwartet, erschliessen sich einem da schon weniger.

Thomas Salvador muss man aber loben als Alles-selber-Macher. Nicht nur für Regie und Hauptrolle in Personalunion. Auch die Dreharbeiten an sich scheinen für so ein Projekt alles andere als mühelos. Filmemachen ist z'Berg wirklich noch ein Abenteuer. Und so erstaunt es nicht, dass Salvador, der selber Alpinist werden wollte, 20 Jahre an dem Projekt arbeitete. Herausgekommen ist ein Plädoyer für die Entschleunigung und die Einsamkeit als positive Entscheidung. Wenn da nur das spirituelle Pfunzeln zum Schluss nicht alles verblenden würde.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom blue TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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