Marlowe (2022)

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Filmkritik: Detective Marlowe jagt Casanova Peterson

18. Zurich Film Festival 2022
selbst Clare ist von Marlowe enttäuscht
selbst Clare ist von Marlowe enttäuscht © Zurich Film Festival

Los Angeles 1939: Detective Marlowes (Liam Neeson) Karriere geht langsam den Bach runter. Bis plötzlich Clare Cavendish (Diane Kruger) im Büro auftaucht. Cavendish, - typische Femme fatale, verheiratet, reich und schön -, bittet Marlowe, ihren verschwundenen Geliebten zu finden. Nico Peterson (François Arnaud), ein Vollzeit-Casanova, scheint ermordet worden zu sein. Der Mord, vom Auto überfahren, spielte sich vor dem Corbata Club ab, einem noblen Lokal mit nicht ganz so noblen «After-Hour-Attraktionen».

Küsst euch doch!
Küsst euch doch! © Zurich Film Festival

Wenig überraschend stellt sich heraus, dass Peterson nicht wirklich tot ist, sondern zwielichtige Geschäfte in Mexiko abwickelt - wer und was steckt also hinter dem vorgetäuschten Tod? Mithilfe seines Polizeikollegen Joe Green ermittelt Marlowe in dem düsteren Sumpf der Korruption. Eine Art Katz-und-Maus-Jagd entsteht, Clares Mutter (Jessica Lange) mischt sich überall ein, die klassische romantische Spannung zwischen Marlowe und Cavendish baut sich auf, und nebenbei ein lapidares Töten von Mitmenschen.

Marlowe bietet nichts Neues. Wer einen guten Film noir will, soll sich Orson-Welles-Filme reinziehen. Das Drehbuch bringt nicht genug Frische, und der Plot, ganz klassisch fast zu kompliziert und verzwickt, ist auch nicht hinterhältig genug. Einige launische Sprüche peppen den Film auf, moderne Ansätze wie das Weglassen der Bestrafung einiger Charaktere heben den Film vom «typischen Film noir» ab. Letztendlich bringt er aber nichts Bewegendes ans Tageslicht.

Vergängliches scheint heutzutage voll im Trend. Der Vokuhila aus den Achtzigern ist wieder total in, jede zweite alternative Mensch besitzt eine analoge Kamera oder trägt Kleidung aus Opas oder Omas Schrank. Wieso nicht ein veraltetes Genre aus den 1930ern, den Film noir, wieder aufnehmen?

Das Potenzial wäre da gewesen. Schade aber, dass aus alten Fehlern nicht gelernt wurde. Der Film ergibt sich all den Vorwürfen, welche der Film noir über sich ergehen lassen musste (die aber auch zu dessen Weiterleben beigetragen haben): die verwirrenden und sich überschneidenden Handlungen mit unerklärlichen Ausschweifungen, undurchschaubare Charaktere, toxische Maskulinität und latenter Rassismus. Das ganze Paket also, obwohl wir doch im 21. Jahrhundert sind. Als Zuschauerin oder Zuschauer bekommt man fast schon das Gefühl, dass Regisseur Neil Jordan mit verschiedenen Ablenkungsmanövern Genre-Kästchen abhaken wolle, ohne wirklich Atmosphäre aufzubauen.

Die Story hat viel zu bieten. Doch Jordan gelingt es in diesem verworrenen Film nicht, Raymond Chandlers bekannte Romanfigur Marlowe wiederzubeleben. Das Genre-Kästchen, das wir Zuschauerinnen und Zuschauer doch so dringend abhaken wollten, ist die sexuelle Chemie zwischen dem Detektiv und der aus dem Nichts auftretenden Femme fatale - hier in Person von Diane Kruger (oder Jessica Lange, je nach Perspektive). Klar, Marlowe selbst sollte zwar unnahbar sein, aber nicht so unbeteiligt, wie er hier erscheint: Die fehlende Chemie zwischen Neesons Privatschnüffler und Krugers Femme fatale sorgt dafür, dass die Beharrlichkeit der beiden in diesem Fall nicht viel Sinn ergibt. «Er muss spüren, dass zwischen uns etwas ist», säuselt Clare nach einer prickelnden Begegnung zwischen Marlowe und ihrem unfähigen Ehemann und wartet einen Moment, bevor sie hinzufügt: «Etwas Sexuelles.» NO SHIT SHERLOCK. Oder eher Marlowe?

Somit ist der Plot schwammig und die Charakterentwicklung bleibt unerklärlich und undurchsichtig. Jedoch macht es Spass, den Cast-Mitgliedern dabei zuzusehen, wie sie aus der Literatur von Geschichten über Marlowe zitieren. Die spitzbübischen Anspielungen brechen die Ebenen, dass Marlowe selbst auf der Erzählebene existiert. Eine getarnte Kopie der Kopie, welche aber nur für Literatur-Fans funktioniert. Auch bringen ironische Sprüche vom Detective wie «I'm too old for this» ein wenig Pfiff ins Ganze. Vielleicht ein gutes Ende: Dieser Film ist zu alt für das alternative Anderssein-Zeitalter.

Moira Frassanito [moi]

Bei Moira dreht sich alles rund ums Kino und Filme. Gerade studiert sie Filmwissenschaften, jobbt nebenbei in einem Kino und füllt ihre freien Stunden mit Kinobesuchen und Popcorn-Essen.

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