The Killing of a Journalist (2022)

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  2. 100 Minuten

Filmkritik: Bratislava, Mafia, heigah!

18. Zurich Film Festival 2022
«All in!»
«All in!» © Final Cut For Real

Der Investigativjournalist Ján Kuciak macht sich in der slowakischen Teppichetage keineswegs nur Freunde. Er deckt bis in die oberen Ämter betrügerische Strukturen auf und bringt sogar Verwicklungen slowakischer Unternehmer mit der mächtigsten Mafia Italiens, der 'Ndrangheta, ans Tageslicht. Dann werden er und seine Verlobte Martina Kušnírová am 21. Februar 2018 in ihrem Haus ermordet.

The rest is silence
The rest is silence © Final Cut For Real

«Anstelle einer Hochzeit hatten wir ein Begräbnis», blicken mehrere Jahre später Jáns Eltern auf jene Zeit zurück. Die Ereignisse haben sie seither nicht losgelassen. Denn die Ermordung ihres Sohnes und dessen Lebensgefährtin hat eine Untersuchung angestossen, die die noch junge Demokratie in ihren Grundfesten erschüttert. Ins Visier der Justiz gerät bald Marián Kočner, ein rundum gefürchteter Unternehmer, über dessen Machenschaften und Verwicklungen Kuciak berichtet hatte. Doch damit nicht genug, denn die Spuren führen die Ermittler bald auch zum Polizeichef Tibor Gašpar, dem slowakischen Innenminister Robert Kaliňák sowie Robert Fico, dem Ministerpräsidenten der Slowakei.

Es ist starker Tobak, was hier aus Zentraleuropa berichtet wird. In einem Land, das man gemeinhin wenig auf dem Radar hat, spielte sich Beunruhigendes ab, und diese Beklemmung lässt einen auch nach dem Schauen dieses dokumentarischen Realkrimis nicht los. Denn durch die Authentizität des Materials und die gute Sortierung der Ereignisse wird dieser komplexe Mordfall nah und fassbar, fast schon unheimlich nah und fassbar.

Es sind eine Menge Namen und Gesichter, mit denen hier jongliert wird. Spannend und gut nachvollziehbar bleibt das Ganze dennoch, und das ist wohl im Grossen und Ganzen das Hauptverdienst dieses Films: dass er und seine Protagonisten es schaffen, die Ereignisse zu sortieren und einem breiten Publikum zugänglich zu machen; einem Publikum auch, das sich bislang nicht sonderlich für den jungen Staat interessiert hat.

Denn die Dokumentation schaut sich wie ein Krimi. Überwachungsmaterial, Beweisfotos, Statements werden immer wieder eingespielt - und man ist bei den Ermittlungsarbeiten und den Verhören fast schon live dabei. Die Authentizität der Bilder erzeugt so viel mehr Spannung als fingierte Szenen um einen einsamen, heldenhaften Kommissar, den es hier ohnehin nicht gibt. Die Verfilmung gibt den kruden Geschehnissen Gesichter; macht sie fassbar, alltäglich - und das verstört.

Bei aller Erleichterung darüber, dass zwar Unrecht vergolten wurde, kommt das ungute Gefühl auf, dass auch andere Staaten der demokratischen EU von solchen mafiösen Strukturen durchzogen sein könnten. Die Welt in diesem Film ist so alltäglich, so normal und vertraut, dass man sich plötzlich beim Gedanken ertappt, ob nicht auch wir - quasi der (nicht nur) selbsternannte Musterschüler unter den Demokratien und Rechtsstaaten - von solchen Machenschaften betroffen sein könnten.

Gewisse Skandale um Baukredite, Umweltzerstörungen oder die Vergaben von hochdotierten Posten, wie sie bisweilen von Rechercheteams oder Whistleblowern aufgedeckt werden, können durchaus darauf hindeuten. Diese Dokumentation führt uns so auch die Wichtigkeit redlich agierender Medien für einen funktionierende Demokratie vor Augen. «Ein Angriff auf einen Journalisten ist ein Angriff auf uns alle!» zeigte ein Plakat auf einer Demo nach der Ermordung Kuciaks. Es ist an der Zeit, dass sich auch bei uns das Volk und die Journalistinnen und Journalisten wieder näher kommen.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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