Filmkritik: Kalorien, Knete und Koran

18. Zurich Film Festival 2022
Kein Korn da, um die Flinte reinzuwerfen.
Kein Korn da, um die Flinte reinzuwerfen. © Zurich Film Festival

Die «Snikkelsnurre» war einst die grosse Spezialität des Hauses - eine mastige Köstlichkeit mit reichlich Fett und Zucker. Doch die Zeiten haben sich geändert; heute sind solche Kalorienbomben verpönt, und die altehrwürdige Kuchenfabrik von Niels (Nicolas Bro) und seiner Frau Else Agger (Tina Gylling Mortensen) steht vor dem Ruin. Da müssen neue Ideen her! Ihre Tochter June (Emma Sehested Hoeg), frisch der Managerschule entsprungen und giggerig darauf, das Geschäft der Eltern zu übernehmen, hat da einige innovative Ideen. Anstatt ungesunder Süssigkeiten soll die Fabrik umsatteln auf gesunde Diät-Gebäcke.

Was für ein süsses Tierchen! Und der Hund daneben ist auch ganz nett.
Was für ein süsses Tierchen! Und der Hund daneben ist auch ganz nett. © Zurich Film Festival

Für Papa Niels hingegen geht das alles ein bisschen zu schnell. Der depressive und übergewichtige Mittfünfziger ist dermassen überfordert von den ambitionierten Businessplänen der Junggeneration, dass er eines Tages im Büro versucht, sich umzubringen. Er überlebt nur dank der Putzfrau Zeinab (Bahar Pars), die ihn rechtzeitig rettet. Und nicht nur dies: Die attraktive Muslima verdreht ihm regelrecht den Kopf und erweckt in ihm seine Lebensgeister. Als er eines Tages von ihrem selbstgemachten Gebäck kosten darf, kommt ihm eine grandiose Idee.

Zuckersüss sind die Kuchenspezialitäten in diesem Film, bittersüss ist dessen Grundstimmung. Und das ist doch einigermassen erstaunlich, denn The Cake Dynasty ist eigentlich als Gesellschaftssatire aufgezogen. Doch trotz aller abstrusen Wendungen bleibt der Film immer nahe bei seinen Charakteren. Der lakonische Humor kaschiert dabei locker einige Hänger im Drehbuch. Der gelernte Dramatiker Christian Lollike hat für sein Kinodebüt eine gute Backmischung gefunden. Nyd dit måltid!

Würde The Cake Dynasty in der Schweiz statt in Dänemark spielen, führte der Protagonist wohl eine Confiserie, und statt der «Snikkelsnurre» - was für ein schönes Wort für eine süsse Leckerei! - ginge es um Schoggi-Hasen oder Pralinés. Ansonsten gleicht die Bäckerei der Familie Agger aber durchaus einem hiesigen Traditionsbetrieb, einem Familienunternehmen, das über Jahre verlässlich Gewinne einfuhr und sich nun plötzlich in seiner Existenz bedroht sieht, weil sich die Gewohnheiten der Kundschaft geändert haben.

Dieses durchaus realistische Dilemma vieler KMU nimmt Regisseur Christian Lollike als Ausgangslage für eine schwarze Komödie, die immer groteskere Züge annimmt. Er nimmt dabei nicht nur den Öko-Food-Trend aufs Korn, sondern thematisiert gleichzeitig den Culture-Clash zwischen der dänischen Bevölkerung und muslimischen Immigrantinnen und Immigranten. Diese thematische Mischung ist durchaus nicht ohne Risiko. Denn bei dem politisch aufgeladenen Thema braucht es nicht viel, um sich im Ton zu vergreifen; oder Applaus von der falschen Seite zu ernten.

Diese Klippen umschifft der Film, indem er die Sympathien gleichmässig verteilt. Oder besser gesagt, die Un-Sympathien. Der tapsig-hilflose Protagonist Niels erweckt in erster Linie Mitleid. Putzfrau Zeinab, potenzielle Sympathieträgerin eigentlich, wird im Laufe des Films immer fordernder, Tochter June wiederum ist eine Parodie auf die hohle Welt der Management-Karriereschmieden. Noch am ehesten als Identifikationsfigur taugt Tina Gylling Mortensen in der Rolle der Ehefrau und Mutter Else. Sozusagen das Verbindungsglied zwischen den zwei Kulturen, ist sie der interessanteste Charakter des Filmes.

Und gerade dies zeigt, dass dem Film seine Charaktere trotz all ihrer Unzulänglichkeiten eben doch am Herzen liegen. Bei allem Humor schwingt dabei auch eine tragikomische Komponente mit, was ihn von Nur-Satiren wie Don't Look Up unterscheidet. Diese Nähe zu den Charakteren geht vor allem im Mittelteil ein wenig auf Kosten der Story, die den Spagat zwischen pointierter Überspitzung und Glaubwürdigkeit nicht immer sauber hinkriegt.

The Cake Dynasty wartet jedenfalls nicht mit brüllenden Pointen auf, sondern wirkt zuweilen gar melancholisch, zumindest bis zum etwas überhasteten Ende. Gelungen ist er dennoch; nicht zuletzt auch deswegen, weil er die Verlogenheit entlarvt, mit der viele Unternehmen gerne auf gesellschaftlich-politischen Trends surfen und sich modern und aufgeschlossen geben - aber selbstverständlich nur, solange dadurch die Kassen klingeln.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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Kommentare Total: 2

ebe

Filmkritik: Kalorien, Knete und Koran

chr

Unterhaltsam, aber jetzt nicht zum Brüllen komisch. Ein netter kleiner dänischer Film.

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