Jihad Rehab (2022)

  1. 108 Minuten

Filmkritik: (K)ein Skandalfilm

18. Zurich Film Festival 2022
Auf dem Weg zurück in die Gesellschaft
Auf dem Weg zurück in die Gesellschaft © Zurich Film Festival

In Saudi-Arabien gibt es ein Deradikalisierungsprogramm für ehemalige Guantanamo-Häftlinge. Der ehemalige Thronfolger Saudi-Arabiens, Mohammed ibn Naif, führte es 2005 ein. Die ehemalige Feuerwehrfrau Meg Smaker begleitet das Programm über längere Zeit und kommt mit einigen Teilnehmern ins Gespräch. Nadir, Ali, Mohammed und Abu Ghanim nehmen Schritt für Schritt den Weg zurück ins soziale Leben. 16 Jahre Haft in Guantanamo haben Spuren hinterlassen. Die Teilnehmer des Programms wurden nie angeklagt oder verurteilt. Trotzdem schauen sie nach vorne und sind dankbar.

Die vier ehemaligen Gefangenen berichten, wie sie auf die schiefe Bahn geraten sind und was sie sich nach der Haft in Guantanamo vom Leben in Freiheit erhoffen. Wenn Meg Smaker kritische Fragen stellt und bei unklaren Antworten nachhakt, kommt es nicht nur einmal vor, dass sie wie ein ertapptes Kind ausweichen und verharmlosen. Zaghaft und mit Fussfessel machen sie erste Gehversuche in Freiheit.

Der Dokumentarfilm gewährt einen spannenden Blick hinter die Kulissen eines saudi-arabischen Deradikalisierungsprogramms für ehemalige Guantanamo-Häftlinge. Die Regisseurin Meg Smaker hat einen Film gedreht, der viele Vorurteile aufbricht. Sie zeigt, dass ehemalige Jihadisten vor allem eines sind: Menschen.

Meg Smaker ist ein Husarenstück gelungen. Als blonde weisse Frau aus den USA hat sie es geschafft, in Saudi-Arabien die Erlaubnis zu bekommen, einem Deradikalisierungsprogramm zu folgen. Dieser Blick hinter die Kulissen zeigt die Menschen, die sich hinter Etiketten wie Terrorist oder Jihadist verbergen. Wie hat Smaker das Vertrauen der ehemaligen Guantanamo-Häftlinge gewonnen? Ihre Vergangenheit als Feuerwehrfrau in Kalifornien hat ihr dabei geholfen. Sie und ihr Team stiessen auf ihren Einsätzen immer wieder auf herzzerreissende Szenen und verarbeiteten ihre traumatischen Erlebnisse mit politisch unkorrektem Humor. Nach dem 11. September 2001 reiste sie nach Afghanistan und Jemen, lernte Arabisch und gab ihr Feuerwehrwissen weiter, bis sie einige Jahre später schliesslich in die USA zurückkehrte und die Filmschule absolvierte.

In ihrem Dokumentarfilm zeigt Smaker die vier Ex-Guantanamo-Häftlinge aus unterschiedlichen Perspektiven. Manchmal begleitet sie die Teilnehmer des Programms und filmt sie einfach. So sehen wir oft, dass die porträtierten Protagonisten gar nicht so unterschiedlich sind wie wir. In unzähligen Gesprächen stellt Smaker auch kritische Fragen und hakt nach, wenn das Gegenüber wie ein Kind ausweicht. Dabei kommen auch überraschende Momente und Fragen auf: Ein ehemaliger Bombenbauer hat viele Menschen auf seinem Gewissen - heute bereut er es und spielt fürsorglich mit seinem Kind. Ist das ein schlechter Mensch?

Noch bevor Jihad Rehab am Sundance Film Festival 2022 gezeigt wurde, sorgte der Dokumentarfilm für einen Skandal. Muslimische Filmemachende monierten, dass der Film aus amerikanischer nicht-muslimischer Perspektive erzählt werde, antimuslimische Stereotype reproduziere und einen reisserischen Titel habe - immerhin wurden die gezeigten Protagonisten weder angeklagt geschweige denn rechtmässig verurteilt. Um dem Shitstorm entgegenzuwirken, erhielt der Film einen neuen Titel: The UnRedacted.

Egal unter welchem Titel der Film zu sehen ist, so ist das Ansinnen der Regisseurin doch immer klar: Die Dokumentarfilmerin gibt den anonymen Häftlingen ein Gesicht. Der Dokumentarfilm zeigt die menschliche Seite der porträtierten Protagonisten und bricht durch den insbesondere dem westlichen Publikum ungewohnten Blickwinkel doch auch Stereotype auf.

Giancarlo Schwendener [gia]

Giancarlo ist James Bond 15 Jahre lang auf Augenhöhe begegnet. Mit dem Abgang von Daniel Craig ist damit vorerst Schluss. Er liebt die grosse Anzahl an tollen Filmen, aber die Fab Five stehen für ihn eine Stufe höher: Sergio Leone, Marlon Brando, Robert De Niro, Sean Connery und Quentin Tarantino.

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