Incroyable mais vrai (2022)

Incroyable mais vrai (2022)

  1. 74 Minuten

Filmkritik: The Hole in the Ground

72. Internationale Filmfestspiele Berlin 2022
«Guck! Loch!»
«Guck! Loch!» © Praesens Film

Alain (Alain Chabat) und Marie (Léa Drucker) sind auf Häusersuche und freuen sich über ein kleines Bijou mit Garten in einem stillen Villenviertel. Noch wundersamer wird es, als ihnen der Makler den Keller zeigt. Dort befindet sich ein Loch, in das man rein gehen kann, um danach wieder im Dachstock des Hauses hervorzukriechen. Damit der physikalischen Rätsel nicht genug. Steigt man nämlich dort hindurch, wird man jünger: Jedes Mal um drei Tage.

Alain und Marie kaufen und das Haus und wollen das Geheimnis für sich behalten. Vor allem Marie ist aber äussert fasziniert von den Methoden der Verjüngung. Der ewigen Jugend wegen - und weil sie in jungen Jahren sowieso mal Mannequin werden wollte - steigert sie sich in eine regelrechte Sucht hinein, und verschwindet mehrmals täglich in der Versenkung im Keller. Alain beobachtet die Sache mit Sorge.

Die bizarren Einfälle des französischen Exzentrikers Quentin Dupieux (Mandibules) nehmen kein Ende. Sein unermüdlicher Output an kurzweiligen Filmen findet mit Incroyable mais vrai eine Fortsetzung. Satirisch überspitzt widmet er sich menschlichen Obsessionen - Schönheit bei den Frauen, Potenz bei den Männern - und bringt dabei Leute beiderlei Geschlechts zum Lachen.

Unglaublich, aber wahr: Schon wieder ein Film von Quentin Dupieux! Der Franzose schreibt das Drehbuch, führt Regie und Kamera und schneidet seine Filme selbst. Und er macht das gerne oft und viel. In den letzten Jahren kamen neben diesem Film mit Mandibules, Le Daim und Fumer fait tousser fast jedes Jahr Filme heraus, die es auch an A-Festivals wie Cannes, Venedig oder die Berlinale schafften. Bald wird man also schon fast komplett vergessen, dass der Franzose in den 90ern mal als Mr. Oizo die Hitparaden unsicher machte.

Seine Gedankenwelt ist hoch konzeptuell, die Machart seiner Filme hingegen eher rudimentär. Prägnante Bilder muss man bei ihm nicht erwarten, dafür Witz und eine spielfreudige Darstellerriege. Alle geben sich dem Spass hin, und sei er noch so absurd. Neben dem Loch im Keller gibt es nämlich auch noch einen Handlungsstrang um einen iPenis, eine elektronische Pimmelprothese, die sich Alains bester Freund und Chef (Benoît Magimel) einbauen lässt. Selbstverständlich mit all den «erektylen Disfunktionen» mechanischer Art, die solch ein Robo-Dick so mit sich bringt.

Begleitet wird die absurde Handlung, die allesamt bitterernst - und erstaunlicherweise auch sehr glaubhaft - vorgetragen wird, durch die erhabene Musik von Barockmeister Johann Sebastian Bach. Auch da aber mit dem Twist, dass es sich um Synthie-Versionen von Jon Santo (alias Musikwissenschaftler Andreas E. Beurmann) aus den Siebzigern handelt.

Natürlich geht mit dieser Handlung nicht immer alles auf. Wie in Zeitreise-Filmen üblich, ist die sogenannte «suspension of disbelief» integraler Bestandteil beim Zuschauen. Wie bei Dupieux aber immer öfter zu erkennen, geht ihm meist auch der Schnauf aus über volle 90 Minuten. Es scheint manchmal, als hätte er nach einer wirren Idee schon wieder Lust, seinen nächsten Einfall zu verfilmen, ehe er die letzte bereits umgesetzt hat.

In Incroyable mais vrai ergibt sich aus diesem gehetzt wirkenden Schaffen aber eine Spiegelung der Story in der Filmform. Die Zeit, welche die Figuren im Loch im Haus verlieren, findet gegen Ende des Films eine Entsprechung im gerafften Erzählstrang einer Montage. Wie bei einem Kind, das plötzlich die Lust verliert, lässt einen Dupieux fast schon ein bisschen im Stich. Uns und ihm kann's aber egal sein. Weil er sowieso alles selber macht, wird uns wohl schon bald wieder eines seiner Werke beglücken.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom blue TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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Teaser Französisch, mit deutschen Untertitel, 00:45