Happy Pills (2022)

Happy Pills (2022)

  1. 94 Minuten

Filmkritik: Ärztlich verschrie(b)enes Glück

58. Solothurner Filmtage 2023
Alles, was das Herz begehrt!
Alles, was das Herz begehrt! © Studio / Produzent

Pillen und chemische Substanzen sollen die Menschheit auf verschiedenste Weise glücklicher machen. Beispielsweise in Form von Antidepressiva, die einem depressiven und schwer suizidgefährdeten Mann die Lebensfreude zurückbringen sollen. In Nigeria werden gegen Übermüdung wegen schwerer körperlicher Arbeit starke, abhängig machende Schmerzmittel verschrieben, damit die Menschen weiterhin ihrer Tätigkeit nachgehen können. ADHS hindert eine Jugendliche in den USA daran, sich in der Schule zu konzentrieren. Medikamentös wird nachgeholfen, dass ihr der Leistungsdruck genommen wird und sie so glücklicher sein kann.

Ich bin so glücklich, ich könnte platzen.
Ich bin so glücklich, ich könnte platzen. © Studio / Produzent

In Israel schützen sich Männer mit einer Pille, welche die Aids-Ansteckung verhindern soll. In Südamerika werden junge Mädchen über die Pille und chemische Verhütungsmethoden aufgeklärt. So soll verhindert werden, dass aus ihnen Teenie-Mütter werden. Und in der Schweiz dürfen Menschen durch legale Freitodbegleitung auf eigenen Wunsch aus dem Leben ausscheiden und können dadurch einer tödlich endenden Krankheit entkommen. Doch ist Glück wirklich chemisch herstellbar?

Wie können die Menschen glücklich sein, auch wenn die äusseren Bedingungen es nicht zulassen? Happy Pills unternimmt einen Anlauf, diese Frage zu beantworten und lässt in sechs Episoden Menschen zu Wort kommen, deren Glück von Tabletten und Spritzen abhängig ist. Die kurzgeratenen Phasen interviewen interessante Personen und verfolgen gute Ansätze, werden diesen jedoch zu wenig gerecht und lassen zu viel ungesagt.

In ihrer Dokumentation Happy Pills gehen Paul Arnaud und Paolo Woods der Frage nach, ob es möglich ist, das Glück synthetisch herzustellen und - durch Einnahme in Pillen- oder Spritzenform - der Menschheit zu einem glücklicheren, befreiteren und sorgloserem Leben zu verhelfen. Bringen uns Pillen und die darin vorkommenden Wirkstoffe mehr Glück und Zufriedenheit?

Dazu muss man sich zuerst einmal mit der Bedeutung von «Glück» auseinandersetzen - was äusserst individuelle Schlüsse und Antworten ergibt. Die Dokumentation geht dieser Frage spärlich und knapp auf den Grund. Sie deutet zwar kurz einen interessanten philosophischen Ansatz an, als sie in der ersten Episode fragt, ob die Pillen den suizidalen Mann effektiv glücklich machen oder nur dafür sorgen, dass er seine Realität etwas besser erträgt. Es wäre spannend gewesen, diesen Ansatz weiter zu verfolgen, dieser verliert sich jedoch schnell wieder.

Stattdessen stellen die kurzen Episoden relativ oberflächlich Menschen vor, die auf andere Pillen angewiesen sind, um ihr Glück zu finden. Dabei gehen die beiden Regisseure kaum in die Tiefe, die Kamera bleibt an den Menschen hängen, die zu wenig Zeit erhalten, ihre Situation zu erläutern. Es erfolgt viel zu wenig Kommentar aus dem Off, der beschreibt, einen Kontext herstellt oder die Episoden zusammenhält. Die grundsätzlich sehr interessante Frage, on das Glück synthetisch hergestellt werden kann, wird kaum beantwortet. Dafür sind die einzelnen Episoden viel zu kurz und zu wenig informativ. Sie wirken einigermassen voyeuristisch und betrachten das Thema - bis auf die erste Episode mit dem suizidalen Mann - distanziert.

Die ausgewählten Orte und Menschen nämlich wären durchaus interessant ausgewählt und hätten sicherlich einiges mehr zu erzählen gehabt. Die kurze Laufzeit von etwas mehr als 80 Minuten erlaubt ihnen dies jedoch leider nicht. Die Episoden wirken unvollendet und fragmentarisch. So zeigt der Film ganz zu Beginn junge Männer, die sich Steroide spritzen und anschliessend ihre gestählten Körper präsentieren. Ganz am Ende der Dokumentation wird einer von ihnen zum Gewinner eines Bodybuilder-Wettbewerbes gekürt, ohne dass diese Männer in der Zwischenzeit erneut thematisiert worden wären. Insgesamt fehlt der thematisch interessanten Dokumentation so leider die Aussagekraft.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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