Guillermo del Toro's Pinocchio (2022)

Guillermo del Toro's Pinocchio (2022)

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  3. 114 Minuten

Filmkritik: Wer ist hier die Marionette?

Jede Lüge wäre wie ein Stich ins Herz.
Jede Lüge wäre wie ein Stich ins Herz. © Netflix

Italien im 20. Jahrhundert: Bei einem Bombenangriff verliert der Holzschnitzer Geppetto (Stimme: David Bradley) seinen Sohn Carlo. In seiner Trauer sucht er in den Folgejahren vor allem Trost im Alkohol - bis er in einer betrunkenen Nacht einen Holzjungen schnitzt, der am Morgen danach lebendig ist und auf den Namen Pinocchio (Stimme: Gregory Mann) hört. Auch wenn Geppetto zuerst nichts mit seiner Schöpfung zu tun haben möchte, nimmt er ihn nach anfänglichen Schwierigkeiten doch unter seine Fittiche.

«Sind wir schon da? Sind wir schon da? Sind wir schon da?»
«Sind wir schon da? Sind wir schon da? Sind wir schon da?» © Netflix

Pinocchio soll dabei von niemandem ausgegrenzt werden, sondern wie ein richtiger Junge auch in die Schule gehen. Stattdessen folgt Pinocchio aber den Lockrufen des Count Volpe (Stimme: Christoph Waltz), der den Holzjungen als Attraktion für seine Marionettenshow haben möchte und im faschistischen Italien Diktator Benito Mussolini beeindrucken soll. Während Pinocchio so auf grosse Italientour geht, versucht Geppetto zusammen mit der Grille Sebastian J. Cricket (Stimme: Ewan McGregor) seinen eigentlich aus gutem Holz geschnitzten Sohn zu finden und wieder nach Hause zu holen.

Guillermo del Toros Adaption der bekannten Holzpuppengeschichte verhandelt Themen wie Verlust, Faschismus und die Bürden, die einem aufgeladen werden. Dabei entfernt sich der Oscarpreisträger immer wieder ganz schön weit weg von der Vorlage. Wie schon bei den anderen Werken del Toros spürt man auch hier anhand der Detailversessenheit und der Liebe zu den Figuren die kindische Freude heraus - selbst in den morbidesten Szenen.

Nachdem sich Disney mit dem ziemlich lieblosen Update seines Animationsfilmklassikers nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat, folgt nun schon die nächste Pinocchio-Version. Man mag es als etwas unglücklich ansehen, dass Guillermo del Toro's Pinocchio nur gerade einmal zwei Monate nach dem Disney+-Vehikel auf Publikumssuche geht. Es passt jedoch, schliesslich war die Produktion schon zuvor nicht gerade mit viel Glück gesegnet. Das Herzensprojekt des mexikanischen Oscarpreisträgers (The Shape of Water) befand sich seit 2008 in ernsthafter Planung, schien jedoch bis zum Produktionsstart im Jahre 2020 immer mal wieder tot zu sein. Doch nun ist der Film so lebendig wie die von Carlo Collodi erdachte titelgebende Holzpuppe - und ist ein wahres Wunder an Stop-Motion-Tricktechnik sowie ein thematisch äusserst interessanter Familienfilm.

Familienfilm deshalb, da man diesen Pinocchio wohl nicht einfach Kindern alleine zumuten möchte. Der Mexikaner del Toro ist vor allem bekannt für seine unheimlichen Märchen und Horrorfilme und dies ist auch hier des Öfteren zu spüren. Wie Pinocchio von Gepetto erschaffen wird, hat mit all den Blitzen und Donnern etwas von del Toros Lieblingsfilm Frankenstein, und wie sich der Junge danach ungelenk durch das Haus bewegt, erinnert an Filme um vom Teufel besessene Protagonisten. Zudem wurden die bekannten Figuren ins faschistische Italien versetzt, wo Pinocchio auf ganz viele Marionetten von Mussolini trifft - es passt, dass auch die meisten menschlichen Figuren von ihrem Aussehen her etwas Holzschnittartiges haben. Wie der Holzjunge in diesem Abschnitt der Geschichte als Propagandawerkzeug eingesetzt wird, hat was von Steve Rogers im ersten Captain-America-Film von Marvel Studios. Es sind wahrlich keine leichten Themen, die hier aufgegriffen werden.

Das soll aber nicht heissen, dass Kinder schreiend davonrennen werden. Denn auch diese Adaption zeichnet sich durch eine Kindlichkeit aus, die selbst in den düstersten Orten durchscheint. Das hat zum einen mit dem sehr naiv und aufgestellten Holzjungen zu tun und zum anderen mit den mit sehr viel Liebe zum Detail umgesetzten Sets. Man merkt da schon, dass die Produktion mit Mark Gustafson (Fantastic Mr. Fox) einen wahren Spezialisten auf dem Gebiet an Bord hatte. Geteilter Meinung kann man über die Musicalszenen sein. Den meisten Songs fehlt es an Schmiss und sie wirken zwischendurch auch etwas deplatziert. Auch, dass ein grosser Wal wieder eine wichtige Rolle spielt, will irgendwie nicht so ganz zum Rest der Geschichte über imperfekte Söhne und Väter passen.

Am besten ist Guillermo del Toro's Pinocchio, wenn eigene Wege gegangen werden und sich nicht an die Vorlage gehalten wird. Eine Sequenz in einem Ausbildungscamp gehört zu den besten des Kinojahres. Hier unterstreicht del Toro wunderbar, dass ein richtiger Junge - und auch ein richtig guter Film - nicht nur einfach ein Herz braucht, sondern auch ein Hirn. Beides ist zur Genüge vorhanden, was dieses Wunder der Stop-Motion-Animationsfilmkunst letzten Endes zu einem Must-see macht.

Chris Schelb [crs]

Chris arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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