Good Luck to You, Leo Grande (2022)

Good Luck to You, Leo Grande (2022)

  1. ,
  2. ,
  3. 97 Minuten

Filmkritik: Let's talk about sex, baby. Let's talk about you and me.

38th Sundance Film Festival
«Should I stay or should i go?»
«Should I stay or should i go?» © Courtesy of Sundance Institute | photo by Nick Wall

Nach dem Tod ihres Ehegattens wünscht sich die 55-jährige Lehrerin Nancy Stokes (Emma Thompson) nur eines: endlich mal guten Sex zu haben. Denn solchen hat sie in ihren vielen Ehejahren nie wirklich bekommen, einen Orgasmus hatte sie noch gar nicht in ihrem Leben. Um Verpasstes nachzuholen, nimmt die etwas verschlossene Nancy allen Mut zusammen, organisiert ein Hotelzimmer und bestellt dort den Callboy Leo Grande (Daryl McCormack) hin.

Der äusserst charmante junge Mann scheint ein Profi auf seinem Gebiet zu sein, doch ist es seine Aufgabe erstmal, Nancy die Zweifel zu nehmen. Denn während ihres ersten Meetings möchte diese gleich mehrmals einen Rückzieher machen und redet in Zusammenhang mit diesem Treffen immer wieder von einem Fehler. So verbringen die beiden vornehmlich Zeit mit Reden anstatt mit Beischlaf. Nach und nach öffnet sich Nancy und erzählt von ihren Sorgen und Ängsten. Und auch Leo Grande hat einiges von seinem Leben zu berichten.

Good Luck to You, Leo Grande ist ein mit Leichtigkeit vorgetragener Two-hander über Sex und alles, was dazugehört (gemeint sind dabei hauptsächlich die Emotionen und nicht irgendwelche Spielzeuge). Das ist unverblümt ehrlich, toll geschrieben und von den beiden Leads Emma Thompson und Daryl McCormack vorzüglich und äusserst charmant vorgetragen. Ein klasse Feel-Good-Movie und ein echter Geheimtipp!

Ob die britische Komikerin Katy Brand zum Verfassen des Drehbuchs von Good Luck to You, Leo Grande den Salt-n-Pepa-Hit «Let's Talk About Sex» gehört hat? Es wäre naheliegend, geht es hier doch um Sex - aber eben auch um die Sorgen und Nöte zweier Personen, wozu der zweite Satz des Refrains perfekt passt: «Let's talk about you and me.»

Alle, die hier eine pubertäre Sex-Komödie à la American Pie - quasi mit Emma Thompson in der Rolle einer MILF erwarten - werden wohl enttäuscht. Ja, in diesem Film gibt es zwar durchaus einiges zu lachen, doch eben keine Peinlichkeiten. Good Luck to You, Leo Grande ist in erster Linie eine ungleich charmanter Two-hander, ein Stück, in welcher sich die Handlung auf zwei Personen konzentriert. Aktuelle Vergleichstitel sind The Lighthouse und Malcolm & Marie.

Die Gefahr ist dabei immer, dass man sich zuweilen eher an ein Theaterstück erinnert fühlt als an einen Film. Dieser Vorwurf muss sich auch Good Luck to You, Leo Grande gefallen lassen, denn rein von der Inszenierung her ist der Film zurückhaltend, visuelle Mätzchen gibt es keine. Dies hätte aber auch gar nicht gepasst, geht es im Film ja genau darum, sich zu entblössen - tschüss Kleider, tschüss emotionale Schutzwalle und tschüss Ablenkungen aller Art. So dringen Katy Brand und Regisseurin Sophie Hyde dann auch spielend leicht zu den essentiellen Dingen durch. Es ist ein äusserst intimer Film über Verlangen, Fantasien, Selbstliebe und die unterschiedlichen Vorstellungen, die man von sexverwandten Themen hat.

Vorgetragen ist dies exzellent von Emma Thompson und Daryl McCormack. Zwar ist Thompsons Figur der Lehrerin, die einen Stock im Allerwertesten hat, schon recht nahe am Klischee, aber die Oscarpreisträgerin spielt dies mit so viel Feingefühl und arbeitet Nancys Verletzlichkeit dermassen gut heraus, dass ein dreidimensionaler Charakter entsteht. McCormack dürfte derweil mit seiner Performance einen ernsthaften Anspruch auf den Titel «charmantester Callboy der Filmgeschichte» haben. Wie ruhig und besonnen er seinen Leo Grande gibt, ist zum Dahinschmelzen, wobei seine Figur fast schon etwas von einem Therapeuten hat.

Dank ihnen und den geschliffenen Dialogen wird Good Luck to You, Leo Grande zum echten Feelgood-Movie, das man durchaus der eigenen Mutter empfehlen kann. Ob man dann aber mit ihr zusammen im Kino sitzen möchte … naja. Es wäre sicherlich ein bisschen schräg, aber dass man über Sex einfach ganz normal und natürlich reden sollte, davon handelt ja genau dieses lüpfige Filmerlebnis, dem wohl würzigsten Beitrag zum Thema seit Salt-n-Pepa darüber gesungen hat.

Chris Schelb [crs]

Chris arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. E-Mail
  4. Twitter
  5. Instagram
  6. Letterboxd