Girl Gang (2022)

Girl Gang (2022)

  1. 98 Minuten

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18. Zurich Film Festival 2022
Das Stativ ist ja der Hama!
Das Stativ ist ja der Hama! © Frenetic Films

Seit sie 13 Jahre alt ist, betreibt die Berlinerin Leonie ihre eigenen Social-Media-Kanäle. Über die Jahre ist ihr Bekanntheitsgrad massiv gewachsen, und schon mit 14 Jahren verdient sie als Influencerin «leoobalys» ganz viel Geld. Unterstützt wird sie dabei von ihren Eltern Andi und Sani, die für ihre Tochter Termine organisieren und Deals mit Einkaufszentren und bekannten Marken wie McDonalds abschliessen. Zu ihren Auftritten kommen Hunderte von Fans, um die auf Facebook, Twitter, Instagram, Snapchat und Tiktok bekannte Leonie live zu sehen.

Doch der grosse Erfolg, dank dem ihre Eltern nun ganztags für ihre Tochter arbeiten können, fordert zunehmend seinen Tribut. Der Druck, immer neuen Content liefern zu müssen, belastet die Beziehung zwischen Leonie und ihren Eltern. Gleichzeitig versuchen Andi und Sani, ihre Tochter vor immer schlimmer werdenden Hassposts zu schützen. Wie lange kann das so noch weitergehen?

Viele wird Girl Gang, die Doku über Influencerinnen und Influencer, wegen des Themas abschrecken. Wieso soll man während 98 Minuten verwöhnten Goofen zuschauen? Man würde dabei aber einen sehenswerten Film verpassen. Regisseurin Susanne Regina Meures lässt Direktinvolvierte und -betroffene unzensiert zu Wort kommen und zeigt so die beunruhigenden Tendenzen dieser bunten Scheinwelt auf. I like! Bitte retweeten und reposten.

Auch wenn Regisseurin Susanne Regina Meures mit märchenartigen Worten beginnt und von Mädchen und ihren schwarzen Spiegeln erzählt, entfernt sie danach alle Farbfilter, mit denen die Influencerinnen und Influencer sonst arbeiten. Stattdessen zeigt sie mit ausgewaschenen Farben und vielen Grautönen, dass ein solches Leben kein Zuckerschlecken ist. Früh werden Leonie und ihre Eltern von einem Social-Media-Manager mit dem Auto abgeholt, der danach am Telefon seine Fahrgäste als «wertvolle Ware» bezeichnet. Seit Firmen das Influencer-Marketing für sich entdeckt haben, verabschieden sich die Social-Media-Stars immer mehr von ihrer Individualität und werden zur Ware.

Die Regisseurin zeigt diese Welt dabei, ohne sie gross zu kommentieren. Das muss sie aber auch gar nicht. Die porträtierten Personen sprechen für sich selbst und sind dabei auch überraschend selbstreflektiert. Sie sind in eine Maschine geraten, die mit grossen Geldbeträgen und Berühmtheit lockt, was aber einen Preis hat. Anhand von «Hatern» und schwarzen Texttafeln zeigt Girl Gang äusserst beunruhigende und deprimierende Entwicklungen in der Gesellschaft. Wie eine weisse Schrift offenbart, wollen gemäss einer Umfrage 86 Prozent der teilnehmenden Teenies Influencerin oder Influencer werden. Das geschaffene Monster Social Media wird also nicht so schnell verhungern.

Doch Girl Gang ist nicht nur eine Doku über die Menschen mit den sechsstelligen Followerzahlen, sondern auch ein Blick auf die Fans, die ihre Idole anhimmeln und sich dabei immer mehr von der Realität entfernen. Wenn leoobalys-Super-Fan Melanie in einem Restaurant den Social-Media-Star erblickt, hat dies üble Stalker-Vibes. Mit «Social» hat das nicht mehr viel zu tun.

Wirklich viel Neues erzählt Meures hier uns nicht, und so dreht sich der Film auch immer wieder etwas im Kreis. Wenn Girl Gang aber etwas schafft, dann Empathie gegenüber den porträtierten Personen zu lehren. Man kann das ganze Influencer-Business danach immer noch blöd finden, vergisst aber danach sicher nicht mehr, dass hinter all den fröhlich scheinenden Posts Menschen stehen.

Chris Schelb [crs]

Chris arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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