Frère et soeur (2022)

Frère et soeur (2022)

  1. 108 Minuten

Filmkritik: Geschwister-Geschwafel

75e Festival de Cannes 2022
Au Backe!
Au Backe! © Xenix Filmdistribution GmbH

«Wenn die kommt, bin ich raus!»: Der Schriftsteller Louis (Melvil Poupaud) und seine Schwester, die Schauspielerin Alice (Marion Cotillard), sind sich seit Jahren spinnefeind. Einziges Verbindungsglied ist ihr jüngster Bruder Fidèle (Benjamin Siksou), der es aber auch nicht schafft, den Frieden zwischen den beiden wieder zurechtzubiegen. Louis führt zusammen mit seiner Frau Faunia (Golshifteh Farahani) ein Aussteigerleben in einer abgelegenen Berghütte und feiert mit wütenden Enthüllungsromanen über seine Schwester grosse Erfolge. Diese wiederum ist eine gefeierte Bühnendarstellerin und weigert sich, über die «Schmutzromane» ihres Bruders öffentlich zu sprechen.

Zwei Kopfmenschen
Zwei Kopfmenschen © Xenix Filmdistribution GmbH

Doch dann erschüttert ein tragisches Ereignis die Familie: Bei einem Unfall werden beide Eltern der Geschwister schwer verletzt und landen im Koma. So ist auch Louis gezwungen, nach Lille zurückzukehren, wo der Rest der Familie wohnt. Und auch wenn sowohl Bruder als auch Schwester alles versuchen, damit sie sich im Spital nicht über den Weg laufen, so ist doch die Konfrontation der beiden früher oder später unvermeidlich.

Geschwister kann man sich bekanntlich nicht aussuchen. Frère et soeur ist sozusagen die Verfilmung dieses Bonmots. Leider stellt sich Arnauld Desplechins Film durch seine unfokussierte Erzählweise selbst ein Bein. Und trotz der spielfreudigen Schauspielerinnen und Schauspieler wirkt er zuweilen überdreht oder sogar unfreiwillig komisch. Ein Must-see ist das nicht - und mit der Familie chifeln kann man ja auch im richtigen Leben.

Wer den Unterschied zwischen Dramatik und Dramaturgie nicht kennt, kann die Begriffe entweder auf Wikipedia nachschlagen - oder einfach Frère et soeur schauen. Denn der Film bietet üppig Dramatik, aber wenig Dramaturgie. Heisst konkret: Die Handlung mäandriert in diversen verschiedenen Sublots hin und her, es fehlen ein roter Faden und ein Spannungsbogen.

Das ist nicht untypisch für die Filme von Arnaud Desplechin. Vor allem an Un conte de Noël erinnert sein neustes Werk immer wieder; und dies nicht nur im Hinblick auf die ähnliche Erzählweise, sondern auch im Hinblick auf die Geschichte einer dysfunktionalen Familie, in der sich zwei Geschwister bis aufs Blut hassen und sich nie mehr sehen wollen.

Und zu guter Letzt war damals auch schon Melvin Poupaud mit von der Partie. Hier gibt er den Konterpart seiner Filmschwester Marion Cotillard. Die beiden französischen Stars sind gut aufgelegt und geniessen ihre neurotischen Rollen sichtlich, geben sie ihnen doch zahlreiche Möglichkeiten, so richtig auszuflippen. Allerdings sind ihre Charaktere dermassen überzeichnet, dass der Film zuweilen eher wie eine Satire auf Familiendramen denn wie ein Familiendrama wirkt. Diese Unsicherheit bleibt bis zum Ende bestehen, auch wenn der Verdacht bleibt, dass der Regisseur das durchaus ernst meint.

Dafür müssten aber nicht nur die Haupt- sondern auch die Nebenfiguren etwas mehr Konturen mitbringen. Das ist leider nicht der Fall. Schade ist das insbesondere für die iranische Schauspielerin Golshifteh Farahani, die das erste Mal mit Desplechin zusammenarbeitet, in ihrer Rolle der Faunia aber offensichtlich unterbeschäftigt ist. Doch irgendwie ist dieses mangelnde Interesse an den Figuren auch typisch für diesen fahrigen Film, der nie richtig beim Thema bleiben kann.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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