Everything Everywhere All at Once (2022)

Everything Everywhere All at Once (2022)

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  2. 139 Minuten

Filmkritik: Evelyn Wang in the Multiverse of Awesomeness

Die Auserwählte.
Die Auserwählte. © Filmcoopi

Für die Waschsalonbesitzerin Evelyn Wang (Michelle Yeoh) ist im Moment einfach alles zu viel. Die Streitereien mit ihrer Tochter Joy (Stephanie Hsu), der Besuch ihres strengen Vaters Gong Gong (James Hong), ihr nicht durchsetzungsfähiger Ehemann Waymond (Ke Huy Quan) und die nervigen Kunden bringen Evelyn an ihre Grenzen. Zudem muss sie jetzt auch noch bei der Steuerbehörde antraben, weil die zuständige Prüferin Deirdre Beaubeirdre (Jamie Lee Curtis) überhaupt nicht zufrieden ist mit den eingereichten Dokumenten und Belegen.

Neulich beim Bewerbungsprozess zu «Familienduell».
Neulich beim Bewerbungsprozess zu «Familienduell». © Filmcoopi

Doch alles rückt in den Hintergrund, als Waymond auf dem Weg zur Steuerprüferin enthüllt, dass er gar nicht Evelyns Ehemann ist, sondern nur kurz dessen Körper übernommen hat. Er komme aus einem Paralleluniversum, von denen es ganz viele gibt und die alle in Gefahr schweben. Nur Evelyn hat die Macht, das Multiversum zu retten, und dafür muss sie innert kürzester Zeit lernen, wie sie auf die Fähigkeiten anderer Versionen ihrer selbst zugreifen kann. Ehe sich die Waschsalonbesitzerin versieht, findet sie sich in einem wilden und epischen Kampf gegen mächtige Feinde wieder.

So etwas wie Everything Everywhere All at Once habt ihr wohl noch selten gesehen: wild, verrückt, unvergesslich, unvergleichlich, überbordend, aber nie überladen. Mit einem halsbrecherischen Tempo rast der Film durch Multiversen und Genres, zieht dem Publikum regelmässig den Boden unter den Füssen weg und macht mit seiner fiebertraummässigen Energie dermassen viel Spass, dass man einfach mitgerissen wird und selbst ab den blödesten Dingen zu lachen beginnt. Einer der besten Filme des Jahres, der volle Hahne flasht.

Es gibt da einen Hit
Die ganze US-Nation kennt den schon
Alle singen mit - EEAA-O- EEAA-O
Ganz laut im Chor, das geht ins Ohr
Keiner kriegt davon genug, alle halten ihn für cool.
Hoffentlich springen wir mit auf den Zug.
Denn diese Zeit ist ganz und gar nicht geklaut - EEAA-O-EEAA-O

«Was ist denn das für ein ohrwurmartiger und seltsamer Einstieg in eine Kritik?», werden sich vielleicht nun einige fragen. Nun, es ist unser Versuch, diesem Film irgendwie gerecht zu werden. Denn Everything Everywhere All at Once - oder insidermässig abgekürzt: «EEAAO» - ist alles andere als Standard und passt weder in ein Schema noch in ein Genre. Eine regelrechte Kreativitätsexplosion, die man selbst sehen, erleben und spüren muss.

Der Film vermittelt perfekt das durch die ständige Informationsflut ausgelöste Gefühl, dass alles jederzeit passieren kann, wir immer auf der Hut sein müssen und es keine Pausen gibt. Doch egal wie wild und laut der Film bei dieser Darstellung wird, erinnert er uns auch daran, was eigentlich wichtig wäre - ohne kitschig oder moralisierend zu wirken. Everything Everywhere All at Once anerkennt, wie chaotisch wir Menschen mit unseren durch Unsicherheit ausgelösten Handlungen sein können und thematisiert auch gleich noch Generationenkonflikte. Auf ihrem Weg durch das schräge Multiversum und dabei stellvertretend durch die menschliche Psyche finden Dan Kwan und Daniel Scheinert auch sehr viel Schönheit in der Absurdität.

Und Mann, ist Everything Everywhere All at Once an vielen Stellen extrem absurd - es stehen ja immerhin die kreativen Vögel von Swiss Army Man hinter dem Projekt. Mit ihrem Ideenreichtum überwältigen sie das Publikum ähnlich wie ihre Protagonistin, die von Michelle Yeoh in allen erdenklichen Facetten grossartig gespielt wird. Denn Yeoh spielt nicht nur eine Waschsalonbesitzerin, sondern auch viele weitere Versionen ihrer Evelyn - das Ganze funktioniert ähnlich wie das Konzept des Sci-Fi-Drama-Geheimtipps Mr. Nobody. Da unter diesen Versionen auch eine Martial-Arts-Spezialistin ist, mischen die Regisseure so problemlos Sci-Fi, Kampffilm, Familendrama und Komödie und unterlegen das auch noch mit einem Son-Lux-Score irgendwo zwischen Matrix und Toy Story.

So geht dann in schwindelerregender Manier die Post ab. Verspielte Kampfszenen wechseln sich mit verrückten Spässen ab, von denen ein paar den guten Geschmack ausklammern. Dieses durchgeknallte Programm zieht der Film durch - selbst in emotionalen Szenen. Dort wird zwar die Wirkung auf der Gefühlsebene etwas untergraben, doch mag man diesem Film dafür nicht wirklich böse sein. Für das ist er einfach zu sehr ein Unikat und geht letzten Endes doch noch zu Herzen.

Es ist zweifelsohne ein fast schon wahnsinniger Drahtseitakt, den die Daniels hier bei einer Windgeschwindigkeit von 120 Kilometer pro Stunde vollführen - und sie bringen das Ganze durch alle Multiversen hindurch sicher und dank viel Liebe für ihre Figuren wohlbehütend auf die andere Seite. Es gibt noch so viel Lobendes zu erwähnen wie die fantastischen Performances von Stephanie Hsu, Jamie Lee Curtis und von Schauspiel-Rückkehrer Ke Huy Quan, der in den Achtzigern als Short Round in Indiana Jones and the Temple of Doom grosse Bekanntschaft erlangte. Doch würde dies zum einen den Rahmen sprengen und zum anderen sollte man diesen Film mit so wenig Infos wie nur möglich sehen. Am Ende werdet ihr auf jeden Fall wissen, wie sich Kleidung in der Waschmaschine nach dem Schleudermodus fühlen müssen. Unbedingt anschauen!

EEAA-O, EEAA-O - EEAA-O!

Chris Schelb [crs]

Chris arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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Kommentare Total: 8

chr

Es geht um… Beschreibung unmöglich. Muss man gesehen haben. So viele kreative Ideen, so viele absurde Einfälle, noch nie gesehen. Sicher einer, wenn nicht der Film des Jahres 2022.

Mit einer ganz tollen Stephanie Hsu in der Nebenrolle der Tochter, Jamie Lee Curtis als verrückte Steuerkommissärin. In der letzten Stunde dann etwas gar gewollt versucht dem ganzen einen (emotionalen) Sinn zu geben.

philm

Extrem anspruchsvoll in seiner Genialität.
Definitiv kein Popcorn-Kino.

ma

Ich versteh den Hype auch nicht Screamy, aber Piraten noch weniger.

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