En attendant Bojangles (2022)

En attendant Bojangles (2022)

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  2. 124 Minuten

Filmkritik: Nur die Wahrheit tut weh

Mr. & Mrs. Bojangles
Mr. & Mrs. Bojangles © Pathé Films

An der französischen Riviera treffen sich die Reichen und Schönen. Auf den Partys in edlen Hotels bewegt sich auch George (Romain Duris). Dort erzählt von seinen Erfolgen im Beruf, seinen berühmten Vorfahren und seinen spannenden Abenteuern rund um den Globus. Allerdings ist George auch ein Lügner. Weder ist er der Nachfahre von Graf Dracula noch spricht er fünf verschiedene Sprachen. Das hält ihn allerdings nicht davon ab, sich dort Hals über Kopf in Camille (Virginie Efira) zu verlieben. Gemeinsam verfallen sie ihrer Fantasie und bauen ein Luftschloss nach dem anderen.

Die dreisten Drei
Die dreisten Drei © Pathé Films

Neun Jahre später findet sich die nun dreiköpfige Familie in Paris wieder. Sohnemann Gary (Solan Machado Graner) eifert im Alltag seinen kreativen Eltern nach. In der Schule erzählt er vom afrikanischen Vogel, der bei ihnen im Apartment lebt, und den aussergewöhnlichen Partys, die dort gefeiert werden. Die Grenze zwischen Lüge und Realität verschwimmt auch hier leicht. Ein gern gesehener Gast ist dabei der Politiker Charles (Grégory Gadebois), der oft wie der einzige Erwachsene scheint. Doch irgendwann steht die Realität vor der Tür.

En attendant Bojangles ist ein Familiendrama mit viel Herz und noch grösserem Herzschmerz. Wenn Tanz und Humor der Realität weichen, glänzt aus dem Ensemble nur noch Virginie Efira. Wie seine Figuren wäre man gerne noch etwas länger in der Traumwelt geblieben. So wartet man lange auf die scheinbar unausweichliche Wahrheit.

Rechnungen bezahlen, pünktlich Termine wahrnehmen und sich an alle gesellschaftlichen Regeln halten, der Alltagstrott kann manchmal sehr dröge sein. Wäre es nicht besser, jeden Abend eine Dinnerparty für seine guten Freunde und Freundinnen zu veranstalten, keine Steuererklärung auszufüllen und sämtliche Post von der Aussenwelt auf einem grossen Haufen neben der Tür zu lagern, wo sie niemandem etwas tun können?

Die Traumwelt von George und Camille in En attendant Bojangles sieht auch auf den zweiten Blick sehr verlockend aus. Zwei schöne Menschen, die es erfolgreich geschafft haben, der Realität zu entfliehen und doch einige ihrer Fantasien zu materialisieren. Die ganz grosse Liebesgeschichte ist es dabei nur im Prolog im Jahr 1958. Auch die grössten Tagträumer müssen etwas Spontanität und Lust aufgeben, wenn ein Kind dazustösst. Der Fokus verschiebt sich damit hin zur Mutter-Kind-Beziehung, bei der George oft nur als stiller Manager am Seitenrand steht.

Während der Film damit an Intensität einbüsst, bleibt Camille sich in ihren Stimmungsschwankungen treu. Auf ein herzhaftes Lachen Folgen bittere Tränen allein auf der Tanzfläche. Virginie Efira spielt den Wahnsinn hier todernst und fast schon beängstigend überzeugend. Die Aussetzer werden dabei immer grösser, bis selbst George sie nicht mehr vor sich selbst schützen kann. Das ernste Thema Depression wird immer seltener durch die kindliche Naivität von Vater und Sohn aufgelockert. Es sind Momente des Schocks, in denen einem das Lachen im Hals stecken bleiben soll. Unterlegt mit Efiras emotionslosen Gesicht voller Tränen.

Und so ist die zweite Filmhälfte eine andere Flucht vor der Realität. Die Absurditäten werden weniger und die dramatischen Momente häufen sich. Man kann erahnen, worauf das Familienabenteuer zusteuert, und sehnt sich dabei genau wie George und Gary nach der guten alten Zeit zurück. In der veränderten Familiendynamik gibt es keinen Platz mehr für Witze und Tanz. Ein trauriger Junge und ein desillusionierter Vater haben wenig zu besprechen.

Ohne seine immense Fantasie, seine kreativen Dialoge und sein Tempo ist En attendant Bojangles leider nur noch ein mittelmässiges Familiendrama, welches allerdings emotional tiefer schneidet als ähnliche Filme. Dazu kommen noch der äusserst charmante Cast und ein eindringlicher Score.

Sven Martens [sma]

Sven schreibt seit 2015 als Freelancer bei OutNow. Seine Sehnsucht nach Amerika reicht von Martin Scorseses New York über die weiten Steppen von John Ford bis hin zu Howard Hawks' Traumfabrik in Hollywood. In seiner Freizeit guckt er gerne Filme von Éric Rohmer.

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