Emily (2022)

  1. ,
  2. ,
  3. 130 Minuten

Filmkritik: Wulthering Heights and Lows

47th Toronto International Film Festival
Out on the wily windy moors…
Out on the wily windy moors… © Courtesy of TIFF

England im 19. Jahrhundert: die junge Emily (Emma Mackey) weiss nicht, was sie mit ihrem Leben machen soll. Am liebsten schreibt sie Gedichte und Romane - eine Tätigkeit, die von ihrer Schwester Charlotte (Alexandra Dowling) als kindisch kritisiert wird. Eigentlich sollte sie ihr Geld als Gouvernante verdienen, leidet aber unter sozialen Ängsten, so dass sie bei ihren Arbeitsgebern öfters aneckt oder gar prompt wieder zum strengen Pfarrersvater (Adrian Dunbar) nach Hause geschickt wird. Isoliert und gelangweilt schmeisst sie so den Haushalt des Vaters, bis ihr ebenso richtungsloser Bruder Branwell (Fionn Whitehead) ebenfalls nach Hause geschickt wird, entlassen von einer Lehrerposition.

Blüemlisalp ire Summernacht
Blüemlisalp ire Summernacht © Courtesy of TIFF

Der geliebte Bruder stellt den monotonen Alltag ganz schön auf den Kopf: Er versumpft regelmässig im Pub, wo Emily ihn dann abholen muss (und natürlich selber mit Alkohol experimentiert), bandelt mit verheirateten Nachbarinnen an und lässt sein Opium offen in seinem Zimmer rumliegen - was sie natürlich auch untersuchen muss. Der Spass droht ein Ende zu nehmen, als ihr Vater einen neuen Kuraten (Oliver Jackson-Cohen) einstellt, der Emily Nachhilfe in Französisch geben soll. Doch Emily kann den geradlinigen Gottesmann nicht ausstehen. Der Konflikt ist vorprogrammiert.

Emily ist ein intimes Porträt über eine missverstandene junge Frau, die ihren Platz in einer Welt sucht, in der sie nur schwer einen Raum findet, um ihre vielen Talente zu entfalten. Das feinfühlige und zwischendurch äusserst amüsante Drehbuch und eine starke Darbietung von Emma Mackey machen den Film nicht nur für eingefleischte Fans der Brontë-Schwestern sehenswert.

Der Name «Brontë» ist von keinem Englischunterrichtslehrplan wegzudenken. Die drei Schwestern Charlotte, Emily und Anne gelten als Titaninnen der Weltliteratur - trotz ihrer kurzen Lebensdauer und dem verhältnismässig niedrigen Output (im Vergleich zu Zeitgenossen wie Charles Dickens, Elizabeth Gaskell oder George Eliot). Sogar Literaturmuffeln dürften «Jane Eyre» (geschrieben von Charlotte) und «Wulthering Heights» («Sturmhöhe» zu Deutsch - geschrieben von Emily) ein Begriff sein. Doch trotz ihrer Bekanntheit ist vom Leben der Schwestern leider nur sehr wenig überliefert geblieben. So soll zum Beispiel Charlotte nach Emilys Tod sehr viele Briefe, Tagebücher und literarische Werke verbrannt haben. Emily galt zu Lebzeiten als sehr eigen - es kann gut sein, dass Charlotte dies zum Schutz der Familie und der Erinnerung an ihre Schwester getan hat.

Die resultierenden Löcher in Emilys Lebenslauf hätten manche davon abgehalten, über die Autorin zu schreiben, geschweige denn, einen Film über ihr Leben zu machen. Nicht so Schauspielerin Frances O'Connor: Die Kostümdrama-Veteranin sich für ihr erstes Regiewerk genau deswegen Emilys Leben ausgesucht. Dass man nur wenig über sie weiss, sei eher eine Chance, die mehr kreative Freiheit erlaubt, so O'Connor.

Daraus resultiert eine spannende Mischung aus realen Ereignissen, fiktiven Szenarien und Charakteren sowie Elementen aus Emilys Werken (so gibt es zum Beispiel einen Nachbarn, der «Linton» heisst). Brontë-Puristinnen und -Puristen dürften zwischendurch die Stirne runzeln, aber trotzdem Freude an den vielen Insider-Jokes und Literaturreferenzen haben. Dazu kommt, dass O'Connors leichtfüssiges und doch einfühlsames Drehbuch und Emma Mackey in der Rolle der Emily so charmant sind, dass man gerne Anachronismen und historische Unkorrektheiten vergibt.

O'Connor zitiert als Einflüsse auf ihr Handwerk als Regisseurin Grössen wie Jacques Audiard und Alejandro González Iñárritu. Dies spürt man vor allem in den vielen Close-ups, die dank Emma Mackeys ausdrucksvollem Gesicht den Eindruck eines intimen Einblicks in Emilys Gefühlswelt geben. Handgeführte Kameraeinstellungen und der intensive Instrumentalscore sind zusätzlich stilistische Elemente, die man selten in Kostümdramas so sieht und hört.

Am Ende des Tages ist Emily ein moderner Film, der die aktuelle Popularität von Kostümdramen, die im 19.Jahrhundert spielen, geschickt ausnützt. Er setzt sich dabei aber sorgfältiger mit dem Quellenmaterial auseinander als andere Filme in derselben Subgenre-Nische (man denke zum Beispiel an Netflix' neueste Jane-Austen-Adaption Persuasion). O'Connor zeigt eine sympathische Heldin, die mit dem Patriarchat, gesellschaftlichen Normen und ihren eigenen Dämonen zu kämpfen hat - Probleme, mit denen sich ein modernes Publikum sehr gut identifizieren können wird.

Linda Mullan [ljm]

Wollte wegen Indiana Jones eigentlich Archäologin werden, gräbt heute aber vor allem Perlen (manchmal auch Relikte) an Filmfestivals aus. Mag religiöse Filme von Alderaan, Hogwarts und Mittelerde und fand Jane-Austen-Adaptionen schon vor «Bridgerton» cool. Macht gerne zu Geschichtsdokus Nickerchen.

  1. Artikel
  2. Profil