Dear Memories - Eine Reise mit dem Magnum-Fotografen Thomas Hoepker (2022)

Dear Memories - Eine Reise mit dem Magnum-Fotografen Thomas Hoepker (2022)

  1. ,
  2. 95 Minuten

Filmkritik: Mit Kamera und Alzheimer im Gepäck quer durch die USA

Under the Bridge - hat jemand Red Hot Chili Peppers gesagt?
Under the Bridge - hat jemand Red Hot Chili Peppers gesagt? © DCM

«H, O, E, P, K, E, R», buchstabiert der alte Mann seinen Namen, der in einem schummrigen Hotelzimmer mit halboffenen Jalousien sitzt. Er schaut durch den Sucher seiner Kamera, die er gegen das eintretende Licht gerichtet hat. Schnitt. Derselbe Mann sitzt, wegen Corona maskiert, auf einem Stuhl in einem Ärztezimmer und muss die Worte «Apfel», «Tisch» und «Penny» wiederholen. Doch er vergisst sie sogleich. «Blah Blah Blah» ziert seine Maske, die er hochhebt, um seine Zunge rauszustrecken. Seinen Humor hat er nicht verloren, doch die Diagnose sitzt: Alzheimer.

Der augenverdeckende Handgriff eines Profis
Der augenverdeckende Handgriff eines Profis © DCM

Das Wichtigste für ihn ist, dass seine Augen funktionieren - und seine Kamera. Klick. Und dann ist's gut. Thomas Hoepker ist Fotojournalist der alten Garde und zählt zur Crème de la Crème seines Schlags. Seine nicht arrangierten Schnappschüsse werden dafür gelobt, dass sie wundervoll das Wesentliche aus der Realität herausschälen, ohne respektlos oder aufdringlich zu wirken. Nun begibt sich der demente 84-jährige Autodidakt auf einen Roadtrip von der Ost- an die Westküste mit einem Wohnwagen, gesteuert von seiner zweiten Frau, Christine Kruchen. Sie hilft ihm auch, Erinnerungslücken zu füllen - jeden Tag aufs Neue.

Dear Memories ist sowohl ein Porträt, das uns die Person Thomas Hoepker und dessen Schaffen subtil näherbringt, als auch eine empfindsame Bestandsaufnahme der USA. Teilweise sind die Übergänge zwischen den beiden Erzählsträngen von informativem Kompilationsfilm und berührendem Roadmovie zu kantig. Dennoch, Anschauen lohnt sich - nicht nur für Fotografiebegeisterte.

«Ein Bild sagt mehr als Tausend Worte.» Dieser Sinnspruch lässt sich durchaus für bare Münze nehmen, wenn es um den Magnum-Fotografen Thomas Hoepker geht. Er arbeitete für renommierte Zeitschriften wie Stern oder Geo. Seine erfolgreichsten Serien zeigen Muhammad Ali, die DDR, Burma, New York oder die amerikanische Provinz, die er 1963 während drei Monaten mit dem Auto von Berufs wegen bereiste. Genau dieser letztere Streifzug wird im Dokumentarfilm Dear Memories 2020 wiederholt.

Wir begleiten die an Alzheimer erkrankte Koryphäe und deren Gattin auf einer selbsternannten «Klapperkisten»-Fahrt. Der Roadtrip von New York nach San Francisco ist aber nur einer von zwei Handlungssträngen, die alternierend ineinander verflochten werden und sich teils zu abrupt abwechseln. Der andere gibt uns einen spannenden Eindruck von der passionierten Persönlichkeit Thomas Hoepkers und seinem Schaffen. Dazu verhilft eine stimmige Montage aus Reportagefotografien, vergangenen Interviews und eingesprochenen Passagen aus seinen Essays.

Auch der Roadtrip ist in sich vielschichtig. Der demente Hoepker wird von seiner jüngeren Lebensgefährtin gepuscht und umsorgt, um trotz Krankheit seiner Berufung zu frönen, was einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Mit etwas kribbeligen Sätzen wie «Thomas, komm mal her!», «Thomas, schau mal, hast du gesehen?» oder «Thomas, halt schon einmal die Äpfelchen!» dominiert sie sogar gefühlt den Film.

Wenn der Fotograf auf Besuch bei Verwandten ist, kommentiert kein Erzähler, sondern der Film selbst. So zum Beispiel, als Hoepker bei seinem Sohn sitzt, der ihm versichert, dass er unter seiner ständigen Abwesenheit in der Kindheit nicht gelitten habe. Die Kamera verweilt noch ein paar Sekunden auf einen stummen, nachdenklinken Sohn. Die nächste Einstellung zeigt uns eine karge Landschaft im Death-Valley-Nationalpark. So viel zu pointierter Filmsprache.

Davon gibt es noch mehr! Denn der Film ist nicht nur eine berührende Hommage an einen Künstler, der sich selbst nicht als solchen sieht, sondern auch ein Stimmungsbild. Es fängt den Zeitgeist der USA in turbulenten Zeiten der Pandemie und Präsidentschaftswahl ein und gibt Einblicke in die Zerrissenheit des Landes. Exemplarisch dafür ist die Sequenz, als die Kamera Einstellung um Einstellung auf baufälligen Häusern ruht und wir in der darauffolgenden Einstellung sehen, wie Wolken am Himmel ziehen. Musik beruhigt die Atmosphäre: Einmal ist es eine schmissige Blues-Darbietung, die den beiden Reisenden spontan den Tag versüsst, ein anderes Mal ein Country-Ständchen. Ein auf mehreren Stufen sehenswertes Porträt!

Lorenzo Berardelli [lbe]

Nach einem erfolgreichen Fernseh- und Serienentzug verfiel Lorenzo dem Reiz von DVD-Raritäten und ruinierte sein Portemonnaie. Heute beschwört er das Filmeschauen im Kino als höchstes der Gefühle und beim Rattern eines 35mm-Projektors wird ihm ganz warm ums Herz. Seit 2022 schreibt er für OutNow.

  1. Artikel
  2. Profil