Cascadeuses (2022)

Cascadeuses (2022)

Stuntfrauen
  1. 84 Minuten

Filmkritik: Frauen, die sich trauen

18. Zurich Film Festival 2022
From Zero to Iro
From Zero to Iro © Zurich Film Festival

Petra Sprecher lebt den Traum: Die Baslerin hat in Los Angeles Fuss gefasst und ist als Stuntfrau bei Grossproduktionen wie Westworld oder Loki tätig. Gerne würde sie ihre Karriere aber noch erweitern und für Schauspielrollen vorsprechen. Ihre Mutter, die lieber eine richtige «Heidi» als Tochter gehabt hätte, versteht nicht viel von dem Ganzen und beobachtet die Laufbahn ihrer Tochter aus der Ferne.

Weight a minute
Weight a minute © Zurich Film Festival

Estelle steht derweil noch ganz am Anfang und besucht in der Nähe von Paris eine der weltbesten Stuntschulen. Virginie wiederum ist bereits eine «alte Häsin» im Stuntgeschäft. Obwohl sie immer noch selbst gefährliche Stunts wagt, arbeitet sie oft auch als Koordinatorin und plant ausgeklügelte Actionsequenzen für grosse Produktionen. Wie Petra kommt aus sie ursprünglich vom Zirkus, bevor sich ihr der Weg ins TV- und Filmbusiness ebnete. Die drei Frauen riskieren täglich ihren Körper, und doch pushen sie sich selbst immer wieder noch weiter.

Cascadeuses versucht, nebst den Porträts seiner drei Protagonistinnen noch diverse Nebenthemen zu behandeln. Dabei verliert sich der Film schlussendlich und wirkt überfrachtet. So enttäuscht er auf mehreren Ebenen, da er weder viele spannende Blicke hinter die Kulissen eines Stunt-Drehs bietet, noch seine genderpolitische Botschaft genauer beleuchtet.

Wird es den grossen Stars zu gefährlich, springen mutige Stuntpersonen ein. Die Berühmtheit einer Zoë Bell (Grindhouse - Death Proof) erreicht dabei selten jemand. Regieneuling Elena Avdija verzichtet in ihrer ersten Langdokumentation auf direkte Interviews und lässt die Protagonistinnen mit anderen Menschen im Dialog die Themen anschneiden, die ihr wichtig sind. Dies merkt man aber etwas zu offensichtlich, und es wirkt, als stehe die Regisseurin mit Stichwortkarten im Off, da die Konversationen oft etwas unnatürlich wirken.

Die Figuren sind gut gewählt, da sie in verschiedenen Phasen ihrer Karrieren stehen. Bestimmt wäre es spannend und stimmig gewesen, hätten sich die drei Frauen im Film getroffen, um ihre verschiedenen Perspektiven auf die Arbeit als Stuntfrauen zusammenzubringen. Allgemein verzichtet der Film auf eine griffige Struktur und eine klare Linie und wechselt relativ beliebig zwischen den drei Frauen. Auf spannende Punkte wie die beiläufig diskriminierende Bemerkung von Petras Mutter wird plötzlich nicht mehr eingegangen, und bereits in der nächsten Szene ist sie wieder das «lustige Mami», das Westworld nicht kennt.

Einen Blick auf die tatsächliche Arbeit am Set gibt es nur selten. Und obwohl eine der Protagonistinnen in Los Angeles lebt, bleibt die Kamera so fest an ihr kleben, dass von der Umgebung beinahe nichts zu sehen ist. Stunts selbst werden vornehmlich im Training gezeigt. Der Fokus wechselt dann kurz auf die Darstellung von Gewalt an Frauen in TV, Film und auch der Realität. Auch diesen Ansatz gibt der Film jedoch schnell wieder auf. Damit ist Cascadeuses weder ein spannender Blick auf den Job und die Menschen selbst, noch eine Untersuchung der Machtdynamiken im Filmbusiness, sondern von allem ein bisschen. Und dies alles in nur 85 Minuten.

Marco Albini [ma]

2003 verfasste Marco seine erste Kritik auf OutNow und ist heute vor allem als Co-Moderator des OutCast tätig. Der leidenschaftliche «Star Wars»-Fan aus Basel gräbt gerne obskure Genrefilme aus, aber Komödien sind ihm ein Gräuel.

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