Call Jane (2022)

Call Jane (2022)

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  2. 121 Minuten

Filmkritik: Made in Chicago

38th Sundance Film Festival
«Mamma, was hast du heute gemacht?»
«Mamma, was hast du heute gemacht?» © Courtesy of Sundance Institute

Chicago, 1968: Die Hausfrau Joy (Elizabeth Banks) erwartet mit ihrem Ehemann Will (Chris Messina) und der 15-jährigen Tochter Charlotte (Grace Edwards) ihr zweites Kind. Als Joy jedoch eines Tages in der eigenen Küche ohnmächtig umfällt, diagnostizieren die Ärzte bei ihr ein Herzleiden. Die Chancen stehen 50/50, dass im Falle von Komplikationen bei der Geburt Joy ihr Leben verlieren könnte. Da Abtreibungen illegal sind, muss ein Gremium entscheiden, ob ein «therapeutischer Abbruch» in Joys Fall infrage kommt. Die reine Männerrunde entscheidet jedoch laut eigenen Worten zu Gunsten des Kindes - Joy wird eine Abtreibung verwehrt.

«Das ist schon das Herren-WC, oder?»
«Das ist schon das Herren-WC, oder?» © Courtesy of Sundance Institute

Wenig später erfährt Joy zufällig von einer Organisation, die Frauen im Geheimen Abtreibungen ermöglicht. Joy nimmt Kontakt zu den sogenannten «Janes» auf und tatsächlich können diese ihr helfen. Da die Janes selbst immer wieder auf Unterstützung angewiesen sind, bittet Leiterin Virginia (Sigourney Weaver) Joy um Hilfe. Joy sagt zu und wird schnell zu einem wichtigen Teil der Janes.

Call Jane erzählt von mutigen und starken Frauen, die in den Sechzigern für Schwangere da waren, als niemand diesen helfen wollte. Regisseurin Phyllis Nagy erzählt diesen schwer klingenden Plot mit einer guten Portion Feel-Good und gut aufgelegten Darstellerinnen, welche dem Thema die Schwere nehmen. So wird der Film zum sehenswerten Crowdpleaser, der so im Idealfall viele Leute erreichen wird, die dann hoffentlich auch denken, dass die gezeigte Rechtslage - die in den USA ein trauriges Comeback erhält - eine Katastrophe ist.

Das Thema Schwangerschaftsabbrüche wird in den USA mal wieder (leider) heiss diskutiert, nachdem im Bundesstaat Texas ein krasses Abtreibungsgesetz verabschiedet wurde, welches im Dezember 2021 auch nicht vom US-Supreme Court gekippt wurde. Schaut man sich Call Jane an, in der es eine Szene gibt, in der eine Gruppe von Männern in den 1960ern über das Leben einer Frau entscheidet, kann dies nicht einfach mit «Ja, so war das früher, aber jetzt sind wir viel weiter» abgetan werden. So wütend dieser Umstand macht, so überrascht es doch, wie locker und leicht der von Hayley Schore und Roshan Sethi geschriebene und von Phyllis Nagy inszenierte Film geworden ist.

Denn Call Jane ist in erster Linie nicht ein niederschmetterndes Zeugnis einer himmeltraurigen Situation, in der Frauen nicht über ihren eigenen Körper bestimmen können. Stattdessen wird eine Gruppe von Frauen gefeiert, die trotz aller Widrigkeiten vielen geholfen hat. Den ganzen Film hindurch zieht sich eine optimistische «We Can Do It»-Attitüde, bei der auch Scherze und Strip-Poker erlaubt sind.

Call Jane erinnert da an andere «Eigentlich ist das Thema traurig, aber wir haben trotzdem eine gute Zeit»-Filme wie Made in Dagenham, wo es um Lohngleichheit ging. Das soll aber nicht heissen, dass Abtreibungen im Film nicht ernstgenommen werden. Nagy geht mit genügend Respekt an die Sache heran, arbeitet dabei aber nicht mit drastischen Bildern. Stattdessen gibt es Szenen, in denen wir in Dialogform erfahren, weshalb in einzelnen Fällen Abtreibungen gewünscht/benötigt werden.

Aber auch hier behält sich der Film mit dem Zusammenspiel der starken Frauen seine Leichtigkeit. Es wäre nicht schwer gewesen, diese zu opfern. Immerhin mussten die echten Janes ständig in Angst leben, von den Behörden geschnappt und ins Gefängnis geworfen zu werden. Doch nicht nur mit dem Staat legte sich die Organisation an, sondern auch mit der Kirche und sogar der Mafia. Doch solche Sachen interessieren Nagy und die Drehbuchautorinnen nur am Rande. Ihnen geht es um die kleinen Geschichten, den Zusammenhalt unter den Frauen und gesunde Positivität. So ist Call Jane letzten Endes zwar nicht gerade spannend - und hat einen Subplot mit Kate Mara zu viel -, trotzdem bleibt bei so viel starker Frauenpower ein zufriedener Gesamteindruck.

Chris Schelb [crs]

Chris arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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