Bullet Train (2022)

Bullet Train (2022)

  1. ,
  2. ,
  3. 126 Minuten

Filmkritik: Koffertammi!

75° Festival del film Locarno 2022
Brad Pitt unter Zugzwang
Brad Pitt unter Zugzwang © Sony Pictures Releasing Switzerland GmbH

Ladybug (Brad Pitt) hat der Gewalt den Rücken gekehrt. Blöd nur, dass er diese in seinem Beruf als Auftragskiller regelmässig braucht. Doch sein aktueller Auftrag scheint einfach: Im Shinkansen-Zug von Tokio nach Kyoto soll er einen wertvollen Aktenkoffer stehlen. Zwar ist sein Codename ein Glücksbringer, ihn verfolgt aber seit jeher das grosse Pech. Denn in diesem Zug befinden sich nicht nur reguläre Passagiere, sondern eine Handvoll anderer Killer, die ebenfalls Interesse am Koffer haben.

Knives Out - on a train!
Knives Out - on a train! © Sony Pictures Releasing Switzerland GmbH

Zuoberst auf der Interessenliste sind Lemon (Brian Tyree Henry) und Tangerine (Aaron Taylor-Johnson), denen der Koffer gehört. Sie haben den Auftrag, den Koffer sowie den Sohn (Logan Lerman) ihres Auftraggebers sicher nach Hause zu bringen. Kimura (Andrew Koji) will eigentlich nur seinen Sohn retten und findet sich schnell in den Händen der verzogenen Prince (Joey King), die es ebenfalls auf den Koffer abgesehen hat. Zu guter Letzt gesellt sich der Mexikaner Wolf (Benito Antonio Martínez Ocasio aka Bad Bunny) zu dieser illustren Runde. Dieser hat's aber primär auf Ladybug abgesehen…

David Leitch inszeniert die logische Weiterführung seiner zwei Vorwerke. Ein Portion Atomic-Blonde-Farbe, ein Stück Deadpool-2-Humor und ein Actionmix der beiden - et voilà, fertig ist Bullet Train. Zwar verliert er immer wieder die Balance zwischen clever und konstruiert und kippt auch mal von cool zu cringe. Trotzdem ist dieser Thriller temporeich, kurzweilig und voll mit guten Action-Setpieces.

1975 gab es bereits einen Film namens Bullet Train, ein japanischer Thriller. Mit diesem Film ist dieser Bullet Train theoretisch nicht verwandt. Jedoch hat er knapp zwanzig Jahre später Speed stark inspiriert. In Speed spielte eine gewisse Sandra Bullock mit - die wiederum in Bullet Train mitmacht. So schliesst sich der Kreis! Ansonsten haben die beiden Namensvettern herzlich wenig miteinander zu tun. Denn Bullet Train ist mehr oder weniger das Lovechild von Regisseur David Leitchs zwei Vorgängerwerken.

Denn hier trifft die Farbpalette aus Atomic Blonde auf den Witz von Deadpool 2, die Action befindet sich irgendwo dazwischen. Daraus entsteht ein äusserst kurzweiliger, bunter Actionthriller, der aber mit ein paar Problemen zu kämpfen hat. Bullet Train wagt zwei Gratwanderungen gleichzeitig: Die zwischen cool und cringe sowie die zwischen clever und konstruiert. Dabei kippt er in beiden Fällen immer wieder, am Ende überwiegen aber die positiven Eigenschaften. Zwar hat der Film ein rechtes Arsenal an Figuren, balanciert diese aber gut, sodass man den Überblick nicht verliert - was auch ohne den ständigen Drang des Films, das Publikum an den Kontext für jeden Callback zu erinnern, geklappt hätte. Aber alle haben einen Heidenspass.

Brad Pitt gibt seinen besten Ryan Reynolds, einfach mit weniger Sarkasmus und popkulturellen Anspielungen, und das funktioniert richtig gut. Auch das Duo Taylor-Johnson und Henry fruchtet, mitunter weil die beiden sehr viel Screentime kriegen. Zu viel Screentime kriegt Joey King, die in ihrer Rolle als verzogene Göre primär nervt. Dafür gibts ein paar witzige Cameos. Allgemein ist Bullet Train witzig. Bereits das Buch von Kotaro Isaka setzte auf mehr Humor als das Cover zuerst vermuten lässt. Jedoch nicht nur mit den Sprüchen des Casts und den gelegentlichen Einspielern, sondern auch den überzeichneten Actionszenen.

Diese sind zwar gut, aber oftmals unter der Qualität, die man von einem David Leitch erwartet. Und für einen Film, der auch als «Bullet Rain» missverstanden werden kann, halten sich die Schiessereien in Grenzen. Zumindest bis zur letzten halben Stunde. Das ist aber auch der Punkt, an dem er sich zu ziehen beginnt. Da hätte gut an einem Halt früher Endstation sein dürfen. Immerhin sieht die Action dank der schönen Lichtgestaltung gut aus. Das gilt auch für die ruhigen und emotionalen Szenen, die nach so vielen Witzeleien und Klamauk jedoch überhaupt nicht ziehen und eher vor den Kopf stossen - vor allem, wenn sie Minuten später wieder zurückrudern. Eine etwas geradlinigere Inszenierung hätte Bullet Train gut getan. So ist er einfach «nur» gute, temporeiche Unterhaltung.

Nicolas Nater [nna]

Nicolas schreibt seit 2013 für OutNow. Er moderiert seit 2017 zusammen mit Marco Albini den OutCast. Ausser für Geisterbahn-Horrorfilme, überlange Dramen und Souls-Games ist er filmisch wie spielerisch für ziemlich alles zu haben. Ihm wird aber regelmässig vorgeworfen, er hätte nichts gesehen.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. E-Mail
  4. Twitter
  5. Instagram
  6. Letterboxd

Kommentare Total: 2

muri

Gute Unterhaltung, etwas gehetzt und mit einigen Unterschieden zum Buch. Gefällt aber mit viel Komik und einem wunderbar aufgelegten Cast (Lemon und Tangerine sind eine Wucht).

Passt für einen schönen Sommerabend.

nna

Filmkritik: Koffertammi!

Kommentar schreiben