Bones and All (2022)

Bones and All (2022)

  1. , ,
  2. ,
  3. 130 Minuten

Filmkritik: Zum Fressen gern

79. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2022
Ich fühl mich mich hier so fehl am Platz und geh lieber zurück auf den Wüstenplaneten.
Ich fühl mich mich hier so fehl am Platz und geh lieber zurück auf den Wüstenplaneten. © 2022 Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc. All Rights Reserved.

Maren (Taylor Russell) ist mit ihrem Vater (André Holland) in den USA von Stadt zu Stadt gezogen und tut sich schwer damit, irgendwo Zugehörigkeit zu finden. Ihre Mutter hat die beiden verlassen, als sie noch ein kleines Kind war. Die Aussenseiterin fühlt sich anders als ihre Mitmenschen und verspürt ein unerklärliches, unersättliches Hungergefühl. Weil ihr Verhalten sie regelmässig in grosse Schwierigkeiten bringt und ihr Vater mit der Situation nicht mehr umgehen kann, entscheidet auch er sich, sie ihrem eigenen Schicksal zu überlassen.

Hast du vielleicht einen Hosenblätz für meine löchrige Jeans?
Hast du vielleicht einen Hosenblätz für meine löchrige Jeans? © 2022 Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc. All Rights Reserved.

Auf sich allein gestellt, reist Maren mit dem Bus nach Columbia und erkennt schon bald, dass es doch Menschen gibt, die ähnlich empfinden wie sie. Von dem mysteriösen älteren Mann Sully (Mark Rylance) lernt sie, dass sie ihresgleichen an deren Gerüchen erkennt. Doch erst als sie dem rebellischen Lee (Timothée Chalamet) begegnet, fühlt sie sich einem anderen Menschen zum ersten Mal richtig nahe.

Nach dem Remake des Klassikers Suspiria begibt sich Luca Guadagnino mit seinem neuen Film erneut in den Bereich des Horrors. Im Kern erzählt Bones and All aber eine aussergewöhnliche Liebesgeschichte zweier Aussenseiter, die sich in der Gesellschaft nicht richtig zurechtfinden und sich gegenseitig helfen. Das Resultat ist bemerkenswert. Die Horror-Lovestory mit Roadmovie-Charakter ist atmosphärisch dicht, erreicht in seinen stärksten Momenten eine ungemeine Intensität und hat in einigen Szenen eine richtig verstörende Wirkung. Achtung Chalamet-Fans: Nichts für empfindliche Gemüter.

Nach Call Me by Your Name spannt der italienische Regisseur Luca Guadagnino erneut mit dem Shootingstar Timothée Chalamet zusammen. Ihre erste Zusammenarbeit hat dem Wunderjungen zum endgültigen Durchbruch als gefragter Schauspieler verholfen und ihn zum Weltstar gemacht.

Chalamet ist die ideale Besetzung für die Rolle des Lee. Mit rot gefärbten Strähnen in den Haaren, zerrissenen Jeans und ausgefallenen Shirts hat der schmächtige, charismatische Darsteller einen punkigen Look und wirkt überzeugend als junger, wilder Rebell. Und auch Hauptdarstellerin Taylor Russell, bekannt aus dem Drama Waves und Escape Room sowie aus der Netflix-Serie Lost in Space, spielt herausragend als verlorene, aber tapfere Teenagerin, die auf sich allein gestellt ist. Mit Chalamet harmoniert sie wunderbar, und die beiden geben ein hübsches authentisches Paar ab. Die grosse Überraschungsperformance gelingt hingegen einem Nebenakteur. Mark Rylance in der Rolle des geheimnisvollen, gruseligen und angsteinflössenden Sully ist schlichtweg phänomenal.

Guadagnino ist ein Meister darin, seinen Filmen eine bestimmte Atmosphäre zu verschaffen. In A Bigger Splash und Call Me by Your Name beispielsweise war jeweils das sommerliche Ambiente regelrecht spürbar. Und in Suspiria kreierte er eine beklemmende, mysteriöse Stimmung. In Bones and All geht er ebenfalls in eine düstere Richtung, überrascht und schockiert oftmals, schafft es aber gleichzeitig auch, die Intensität der Liebesbeziehung nicht zu vernachlässigen.

In seiner Erzählweise - der Film beruht übrigens auf einem Roman von Camille DeAngelis - lässt Guadagnino viel Spielraum für Interpretation offen. Er hat eine Faszination für Aussenseiter, für anders- oder einzigartige Menschen und für spezielle Charaktere. Die Art und Weise, wie er diese in Bones and All darstellt, ist jedoch sehr provokant und mutig und dürfte auch für Kontroversen sorgen.

Gianluca Izzo [gli]

Gianluca ist seit 2013 als Freelancer für OutNow tätig. Er liebt es, verborgene Perlen an Filmfestivals zu entdecken, insbesondere in Venedig. Neben seinem Faible für italienische und skandinavische Filme bewundert er die Werke von Scorsese, Lynch, Villeneuve und Chazelle sowie die Bond-Klassiker.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. facebook
  4. Instagram