Alpenland (2022)

  1. 88 Minuten

Filmkritik: Go Tell it on the Mountain

18. Zurich Film Festival 2022
«Ufschlüsse, Kollege!»
«Ufschlüsse, Kollege!» © NGF

Wie ein Fass Branntwein rollt die Kuh den Abhang hinunter. Der Alpbauer verwirft die Hände über dem Kopf. «Sie wurde von einer anderen gestossen!», ruft er seiner Tochter Julia fassungslos zu. Diese soll dereinst seinen Betrieb im Kärntner Mölltal übernehmen, doch dazu zwingen wolle er sie nicht - nach diesem schockierenden Anblick erst recht. Doch wenn sie nicht inskünftig die Heugabel in die Hand nimmt, bedeutet dies das Aus für seinen Hof. Eventuell kommt dieses ohnehin früher als allen lieb ist, denn der Betrieb sollte wachsen, doch hier oben, wo die Ressourcen noch knapper sind als im Tal, sind die Möglichkeiten erschöpft.

Alpine Plastikminen
Alpine Plastikminen © NGF

Zum wirtschaftlichen Druck kommt noch der soziale und klimatische dazu. Im bayrischen Garmisch-Partenkirchen und französischen Méribel bestimmen Touristen und Immobilien-Investoren das Ortsbild, Zermatt ist von portugiesischen Zuwanderern abhängig und das italienische Valle Stura sowie die Bergdörfer der Lombardei werden von ihren Bewohnerinnen und Bewohnern verlassen. Alle? Nein, in Premana haben die Leute eine Balance gefunden, die ihnen zwar nicht unermesslichen Reichtum, dafür Zufriedenheit verspricht - kann das die Lösung sein?

In dieser ehrlichen, von Wehmut durchzogenen Porträtserie kommen Menschen verschiedener Couleur zu Wort, die direkt von den Veränderungen in den Alpen betroffen sind. Der Film bietet einen Einblick in ein weitgehend bekanntes Problem, lässt aber, da er sich vor Lösungsvorschlägen scheut, unbefriedigt zurück.

Um die Veränderungen des menschlichen Lebensraumes «Alpen» zu untersuchen, greift der Österreicher Robert Schabus auf seine bereits in Bauer unser erprobte Erzählstruktur zurück. Er besucht verschiedene Orte, wo unterschiedlich gearbeitet und gelebt wird, und wo anders mit ebendiesen Veränderungen umgegangen wird.

Denn die scheinbar zeitlose Alpenlandschaft wandelt sich, was die Menschen direkt betrifft - und sie selbst verursacht haben. Zu- und Abwanderung, klimatische und meteorologische Transformationen der gebirgigen Lebenswelt zeigt Schabus, ohne grosse Umwege zu gehen. Er lässt die Menschen zu Wort kommen, die davon betroffen sind - und wenngleich sie wohl ihr Anliegen im Kern äusserten, bleibt das Gefühl zurück, dass da noch mehr dringelegen hätte. In diese Kette an Gesprächen flicht er Absurditäten wie eine Skihalle in Zell am See, Quadratmeterpreise von 10'000 Euro und dass der Mensch den Folgen des Energieverbrauchs mit Energieverbrauch begegnet (Stichwort: Schneekanonen). Es ist ein aktueller Blick auf die Alpen als menschliche Nutzfläche, fern aller Verklärung.

Dennoch beleuchtet Schabus das bereits bekannte Problem mit einem melancholisch-wehmütigen Blick in die Vergangenheit. Die Nostalgie, in der wortwörtlich der «Schmerz» steckt, ist in nahezu jeder Minute spürbar. Trotz Kritik an den Verhältnissen unternimmt er leider in Richtung Lösung nur einen halbherzigen Schritt - und das auf ausgetretenen Pfaden. Denn das Motto «Weniger ist mehr» funktioniert in einem System, das sich dem gnadenlosen Wachstumszwang unterworfen hat, leider wenig, und wo Genügsamkeit nichts mehr nützt, da bleibt dem Film nichts mehr übrig, als die fatalistische Hoffnung auszubreiten, die immer wieder in Hoffnungslosigkeit kippt. «Irgendwie haben wir's noch immer geschafft», lautet der Weisheit letzter Schluss der jungen Bergbäuerin Julia - und doch steht man nach diesem 90-minütigen Ausflug in die Alpen da wie ein Esel am Berg.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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