Zinder (2021)

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Filmkritik: Spirale aus Gewalt

52. Visions du Réel 2021
Wer ist der Stärkste?
Wer ist der Stärkste? © Visions du Réel 2021

Zinder ist die zweitgrösste Stadt in Niger. Hier leben einige Menschen in der Illegalität, nur weil sie im falschen Stadtteil geboren wurden. Der Distrikt Kara-Kara galt lange als Heimat der Leprakranken, heute herrschen verschiedene Gangs über den Ort. Immer noch gelten die Menschen hier als Aussätzige und haben kaum eine Chance am wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben der Stadt und des Landes teilzunehmen. Siniya, Bawo und Ramsess versuchen auf ihre Weise, am Leben zu bleiben.

Ramsess besorgt Benzin für alle.
Ramsess besorgt Benzin für alle. © Visions du Réel 2021

Um Geld zu verdienen, verkauft Siniya Benzin, das Bawo für sein Motorradtaxi kauft und damit Ramsess aus Nigeria über die Grenzen schmuggelt. Auf diese Weise kann Siniya seine Freundin und das noch ungeborene Kind ernähren. Bawo sichert sich den Ausstieg aus der Gang und Ramsess verschafft sich Respekt in einer ansonsten von Männern dominierte Welt. Dass die Gangs miteinander nicht zimperlich umgehen, bestätigen die Worte der Protagonisten, die Täter und Opfer zugleich sind.

Aïcha Macky, die selbst aus Zinder stammt, hat sich mit ihrem Dokumentarfilm in eine für eine Frau im Grunde verschlossene und durchaus feindselige Domäne gewagt. Den Alltag ihrer Protagonisten fängt sie suggestiv und eindrücklich ein, und schafft damit einen Film, der so spannend ist wie eine Kriminalgeschichte. Zinder begleitet den Zuschauer über eine lange Zeit hinweg wegen seiner Empathie, aber auch des Gefühls der Ohnmacht, das er auslöst.

Den «Palais», den Mitglieder der Gangs von Kara-Kara, dient ihr Hauptquartier, das den Namen «Hitler» trägt, als Rückzugsort. Im «Hitler» trainieren Kinder, die Drogen nehmen oder in Drogengeschäfte verwickelt sind, ihre Körper, um stark und gesund auszusehen. Das Bild, das man von ihnen bekommt, ist zwiespältig. Auf der einen Seite scheinen sie dem Nichtstun zu frönen, protzen mit ihren Muskeln und andererseits wird klar, wie verloren diese jungen Männer sein müssen.

Aus der Arbeitslosigkeit führen nur wenige Wege, allenfalls einige illegale. Und dieser Körperkult, dem sie nachgehen, steht in einem direkten Zusammenhang mit der Geschichte ihres Quartiers. Dort, wohin man dereinst Leprakranke verbannt hat, muss man von blossem Auge gesund aussehen. Langsam fährt die Kamera über ihre Narben, die sie wie Trophäen tragen, denn sie zeugen von gewonnen Kämpfen. Diese finden weitgehend hinter der Kamera statt. Die Regisseurin sucht nicht die Konfrontation um jeden Preis, sie hört genau hin und gibt vor allem dem Ungesagten eine Bedeutung.

Zinder konzentriert sich auf drei erwachsene Protagonisten, die deshalb so eindrücklich sind, weil sie ganz offensichtlich ihre Lage differenziert reflektieren. Ramsess bezeichnet sich selbst als halb Frau, halb Mann, sie ein ein Hermaphrodit. Und dadurch hat sie einen Sonderstatus. Sie riskiert ihr Leben beim Schmuggel mit Benzin, wovon sehr viele junge Männer in Kara-Kara profitieren. Sie ist deren Ernährerin und hat zugleich deren Geschäft im Griff. Wie die Regisseurin selbst bewegt sie sich sicher in einem Kosmos, der sonst Frauen zu marginalisieren scheint.

Die anderen Frauen, die im Film vorkommen, sind Prostituierte. Sie sprechen davon, wie sie konstanter Gewalt ausgesetzt sind und scheinen sich physisch abzusondern. Zu den markantesten Szenen in Zinder kommt es, als die Regisseurin Bawo gegenübersteht. Gefasst erzählt er ihr von seiner Vergangenheit in den Gangs und wie er und seine «Brüder» systematisch Frauen vergewaltigten. Die Frauen hätten keine Chance gehabt, zu entkommen; oft wurden sie von mehreren Männern nacheinander und für Stunden und über Tage vergewaltigt. Die Ruhe in der Stimme des Erzählers macht den Inhalt der Worte besonders gewichtig. Hier wird einmal mehr klar, in welchem Teufelskreis aus Gewalt sich die Menschen vor Ort bewegen.

Merkwürdig stösst auch die Tatsache auf, dass das Hauptquartier von Sinyias Gang den Namen «Hitler» trägt. Erst recht, als feststeht, dass wohl keiner die genaue Identität des ursprünglichen Namenträgers kennt. Sinyia erklärt zum Beispiel stolz, dass Hitler so ein Typ aus den USA sei, ein unbesiegbarer Kämpfer. Gehört man zu den Ausgestossenen der Gesellschaft, sucht man sich vermutlich automatisch eine vermeintlich siegreiche Identifikationsfigur. Zinder lässt nicht viel Optimismus zu und endet auf gewisse Weise symbolisch mit dem Bild einer leergefegten Strasse nach einer Polizeirazzia, die den zahlreichen illegalen Benzinständen den «Stoff» konfisziert hat.

Teresa Vena [ter]

Alles begann bei Teresa damit, dass sie, noch viel zu jung dafür, ihren Vater überzeugen konnte, «Gremlins» im Fernsehen schauen zu dürfen. Seitdem gehört absurder Humor und Spannung zu jedem guten Film dazu. Kino aus Asien und Lateinamerika, aber auch aus der Schweiz sind ihre Steckenpferde.

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