Filmkritik: Die Last, eine (bulgarische) Frau zu sein

74e Festival de Cannes 2021
Probleme, so weit das Auge reicht
Probleme, so weit das Auge reicht © Studio / Produzent

Fünf Frauen, fünf Schickale: Lora (Ralitsa Stoyanova) arbeitet auf der Baustelle. Dort ist sie, als einzige Frau, dauernd den sexistischen Äusserungen ihrer männlichen Kollegen ausgesetzt, kämpft darum, als kompetente, junge Bauführerin akzeptiert zu werden. Sonja (Maria Bakalova) , Loras Schwester, erhält eine niederschmetternde Diagnose: Durch ihre Affäre mit einem verheirateten Mann hat sie sich mit dem HIV-Virus angesteckt. Das gesellschaftliche Stigma ist riesig, ausser ihrer Familie steht ihr in dieser schwierigen Zeit kaum jemand bei.

Die Mutter der beiden jungen Frauen, Ana (Katia Kazakova), steht zwischen Tradition und Moderne, hält sich wacker gegen die konservativen Ansichten ihres Vaters. Veronica (Bilyana Kazakova), Loras und Sonjas Tante, hat ein neugeborenes Kind und einen Mann, der nie zu Hause ist, was sie zunehmend überfordert und an den Rand des Erträglichen bringt. Die andere Tante, Yoana (Vesela Kazakova), ist lesbisch und hat gesellschaftlich damit zu kämpfen.

Women do cry ist ein aufwühlendes Drama, das sich die patriarchisch geprägte Gesellschaft Bulgariens vorknöpft und sie ganz offen anklagt. Mit einfühlsamen Dialogen und Bildern zeigen die Regisseurinnen Vesela Kazakova und Mina Mileva, wie sich die Frauen durch ihre unterschiedlichen Leben schlagen und doch alle ähnliche Probleme haben. Das wirkt äusserst authentisch und realitätsnah. Der Film überzeugt, ohne künstlich auf die Tränendrüse zu drücken, und geht dabei hart ins Gericht mit einem Land und seinen Gepflogenheiten.

Das bulgarische Drama zeigt eindrücklich, dass die Gesellschaft des Landes für diverse Themen noch nicht bereit ist und welche Folgen dies für die Bevölkerung oder zumindest Teile davon hat. Gnadenlos zeigen die beiden Regiseurinnen Vesela Kazakova und Mina Mileva das Leben und somit die Probleme von unterschiedlichen Frauen in Bulgarien. Hier, wo noch immer Männer das Sagen haben und die Zeit stillgestanden zu sein scheint.

Die beiden Regisseurinnen porträtieren fünf Frauen unterschiedlicher Generationen und deren Schwierigkeiten im Leben, mit gesellschaftlichen Strukturen, die noch immer stark patriarchalisch geprägt sind. Das Drama überzeugt mit hohem Grad an Realitätsnähe, die Kamera fängt intimste Momente ein, was einen beinahe dokumentarischen Eindruck hinterlässt. Schon zu Beginn sehen wir eine Auseinandersetzung der beiden Schwestern und werden eingestimmt auf das, was die nächsten 107 Minuten kommen wird: viel Dialog, zwischenmenschliche Auseinandersetzungen, Trauer, Leid, Wut. Aber auch schöne, erfüllende Momente, welche die Charaktere zusammen erleben und einen leisen Hoffnungsschimmer am dunklen Horizont bilden.

Dabei kommt Bulgarien mit seinem Umgang mit Frauen nicht gut weg. Women Do Cry ist eine klare Anklage an das Land, in dem Frauen systematisch unterdrückt werden und uralt-eingesessene Strukturen noch immer nicht aufgeweicht und überdacht werden. Die Familie ist das zentrale Thema, der Film zeigt einen starken Zusammenhalt der Frauen untereinander. Dabei kommt es zum Crash zwischen Tradition und Moderne, zwischen Glaube und Weltlichkeit: Weshalb die uralte Tradition nicht gebrochen werden darf, dass die heiligen Objekte beim Prozessionsmarsch nur durch Jungen oder Männer getragen werden dürfen, hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack, glaubt Sonja doch mit letzter Hoffnung daran, so eine Erlösung ihres Schicksals zu bewirken. Dieser Film bewegt, rüttelt auf und macht ratlos.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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