Vortex (2021)

Vortex (2021)

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Filmkritik: The Mother

74e Festival de Cannes 2021
«Guguseli!»
«Guguseli!» © Xenix Filmdistribution GmbH

Ein altes Ehepaar lebt in der gemeinsamen Wohnung, das es seit Ewigkeiten besitzt. Die Wohnung, ein klaustrophobisch anmutendes Labyrinth, wird für die Frau (Françoise Lebrun) immer mehr zur Herausforderung. Sie ist an Demenz erkrankt und versucht, bestmöglich zu verheimlichen, dass sie zunehmend die Orientierung verliert und hilflos in der Wohnung und im Quartier herumirrt. Ihr Mann (Dario Argento) ist dabei, ein Drehbuch für einen Film zu schreiben. Nebenbei versucht er sich - so gut es geht - um seine Frau zu kümmern, was ihn zunehmend überfordert. Ihr Sohn (Alex Lutz) hat mit eigenen Problemen zu kämpfen, sucht jedoch die beste Lösung für seine Eltern.

Der neue Film von Gaspar Noé nimmt sich eines Themas an, das in The Father erst gerade gefühlvoll aufbereitet und durch Anthony Hopkins dargestellt worden ist. Es geht um den Umgang mit einer Demenz-Erkrankung. Der Regisseur hält sich stark zurück und erschafft ein äusserst authentisches Bild des Zustandes eines betroffenen Menschen. Vortex ist kein gemütlicher Film, nimmt sich aber zu viel Zeit, den Stoff zu erzählen.

Er ist Skandalregisseur und Provokateur seinesgleichen: Die Rede ist vom argentinischen Enfant Terrible Gaspar Noé. Seine Filme sind geprägt von schmutzigen Szenerien, heftigen, uferlosen Exzessen und einem pessimistischen Menschenbild. Beste Beispiele dafür sind Seul contre tous und Irréversible, seine frühsten Werke. Ungeschliffen, absolut nicht verherrlichend, erzählt Noé seine Geschichten, bei denen man sich fragt, aus welchen menschlichen Abgründen der Psyche diese entstammen mögen.

Vortex ist nun Noés zahmster Film bisher. Er verzichtet auf ausgefallene Stilmittel, pulsierende Atmosphäre, überdrehte Farbigkeit. Das prägende Stilmittel setzt direkt nach der Intro-Sequenz ein: In typischer Noé-Manier beginnt der Film mit dem Abspann. Der Regisseur ist dafür bekannt, mit Konventionen zu brechen. Nach kurzen Intermezzi folgt dann das entscheidende Stilmerkmal: Der Bildschirm teilt sich, wird zum Splitscreen. Fortan sehen wir teilweise die beiden Hauptcharaktere bei ihren Tätigkeiten, phasenweise überschneiden sich diese und beide sind auf beiden Screen-Teilen zu sehen, aus unterschiedlicher Perspektive. So entsteht eine Multiperspektivität, die dann doch wieder durchbrochen wird. Zum Ende hin erfüllt dieser Splitscreen dann noch eine weitere Aufgabe, die hier nicht verraten werden soll.

Dabei führt die Story sanft und sachte an das Schicksal der an Demenz erkrankten Frau und der daraus resultierenden Lebensumstände hin. Im Gegensatz zu The Father zeigt Vortex ein etwas anderes Bild der Erkrankung, die Frau zieht sich zunehmend zurück, versucht, ihre Desorientierung zu kaschieren.

Die Atmosphäre wird geprägt durch die klaustrophobisch wirkende Wohnung der beiden, in der sich die Frau mehr und mehr zu verlieren scheint. Unterstützt wird dies durch weitere Locations, die diese Verloren- und Hilflosigkeit überzeugend darstellen. Sowieso, Vortex zeigt hyperrealistisch, wie ein solcher Krankheitsverlauf vor sich gehen könnte. Aber genau dies wird dem Film mit der Zeit zum Verhängnis: Die langsamen Einstellungen geben nach einer Zeit nicht mehr viel Neues her. Die Irrgänge der Frau und die mühseligen Versuche des Mannes, alles im Auge zu behalten und am gemeinsamen Leben in der gemeinsamen Wohnung mit all deren Erinnerungen festzuhalten, wirken so authentisch, was sie teilweise fast unerträglich macht. Das gemächliche Erzähltempo und die ständige Änderung der Perspektive, ausgelöst durch Jump-Cuts, sind charakteristisch für den Film, machen ihn aber unangenehm-aufrüttelnd.

Mit 142 Minuten Laufzeit ist Vortex zu lange geraten, die Quintessenz ist bereits erzählt, die möglichen Wendungen und Storyzweige werden werden nicht konsequent verfolgt. Wenn man sich auf das Tempo von des Films einlassen kann, berührt die Darstellung und die Realitätsnähe, ansonsten sollte man besser die Finger davon lassen.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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Der Film wird Openair aufgeführt, das nächste Mal am 8. August 2021.