Violet (2021/II)

Violet (2021/II)

  1. 92 Minuten

Filmkritik: Eine Frau sieht rot

46th Toronto International Film Festival
«Da haut's mer grad de Nuggi use!»
«Da haut's mer grad de Nuggi use!» © Courtesy of TIFF

Violet Calder (Olivia Munn) arbeitet für eine Filmproduktionsfirma in Los Angeles. Sie ist gut in ihrem Job und hat schon viele lukrative Filmprojekte verantwortet, doch trotzdem hält es ihr Chef Tom Gaines (Dennis Boutsikaris) noch für nötig, sie regelmässig kleinzumachen. Violet wehrt sich nicht, da «The Committee», eine Stimme in ihren Kopf (gesprochen von Justin Theroux), ständig auf das Worst-Case-Szenario aufmerksam macht. Sollte Violet mal auf den Tisch hauen, könnte sie alles verlieren, wofür sie jahrelang gearbeitet hat.

Munn braucht Mumm.
Munn braucht Mumm. © Courtesy of TIFF

Die Stimme macht jedoch nicht nur Violets Berufsleben schwer, sondern auch ihr Privatleben. Eine Beziehung ging deswegen schon zu Bruch und nun hat sie Angst davor, bei ihrem guten Freund Red (Luke Bracey), in den sie heimlich verliebt ist, den ersten Schritt zu machen. Wie lange lässt sich Violet noch von ihren Ängsten steuern? Ist es nicht höchste Zeit, diese blöde innere Stimme zu ignorieren? Doch dies ist leichter gesagt als getan.

Habe keine Angst und ziehe einfach mal instinktiv dein Ding durch. Was gerade so gut auf einem Glückskeks stehen könnte, hat Regisseurin und Drehbuchautorin Justine Bateman mit Violet in einen mitreissenden Film gepackt, der das Publikum auf mehreren Ebenen an der Gefühlswelt der titelgebenden Protagonistin teilnehmen lässt. Die persönliche Bewertung des Filmes wird davon abhängen, wie laut die eigene innere Stimme jeweils tobt, doch neutral gesehen ist dies ein überzeugend inszeniertes Spielfilmdebüt.

Die meisten von uns dürften diese innere Stimme kennen, die uns (über-)vorsichtig agieren lässt und ständig daran erinnert, was alles im schlimmsten Fall passieren könnte. Den Mut aufzubringen, diese Stimme zu ignorieren und trotz der Ängste einfach mal etwas Unsicheres durchzuziehen, schaffen nicht alle. Manchmal hilft es, wenn von aussen etwas Ermunterung kommt - sei es vom näheren Umfeld oder von professioneller Seite. Oder wieso nicht auch von einem Film?

Violet, das Langfilm-Regiedebüt der mehrheitlich in US-TV-Serien aktiven Justine Bateman, versucht sowas wie ein Selbsthilfefilm zu sein. Das mag zwar furchtbar klingen, doch in der Umsetzung ist das dermassen gut gemeint und inszeniert, dass man dem Film nicht wirklich böse sein kann. Sich in die Gefühlswelt der von Olivia Munn toll gespielten Protagonistin hineinzuversetzen, fällt nicht nur wegen der Performance der Hauptdarstellerin leicht, sondern auch wegen der audiovisuellen Umsetzung.

Geht es Violets Kopf mal wieder drunter und drüber, färbt sich das Bild rötlich und es erscheinen immer wieder Crashszenen aus der Ferrari-Autoverfolgungsjagd aus Bad Boys 2. Wie bei Birdman hören wir zudem die innere Stimme in voller Lautstärke, während zusätzlich das dabei entstehende Gefühlschaos in Schnüerlischrift auf der Leinwand bzw. dem Bildschirm erscheint. Die Handschrift ist nicht immer leicht zu entziffern, doch unterstreicht sie oftmals einfach das, was Olivia Munn mit ihrem Gesicht auszudrücken vermag. Die Reise der Violet geht nahe, und auch wenn einige Stellen vorhersehbar sind, bangen wir mit ihr mit, wenn sie mal an einem Stoppschild steht und sich (unnötigerweise) eine gefällte Entscheidung nochmals durch den Kopf gehen lässt.

Die Handlung könnte überall spielen, doch da Bateman das Ganze in der Filmbranche angesiedelt hat, weist sie auch immer wieder auf den furchtbaren Sexismus in der Branche hin. Einige Szenen und Figuren wirken da etwas überzeichnet, doch steckt da sicher auch einiges an Wahrheit drin, wie beispielsweise der Fall Harvey Weinstein bewies.

Violet ist nicht wirklich ein Film, der viele Preise gewinnt, doch wird er dank seines Themas viele Menschen auf eine persönliche Art und Weise berühren und ihnen im Idealfall sogar weiterhelfen - und das, ohne dabei allzu plakativ zu wirken. Ein Selbsthilfefilm der besten Art.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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