The Worst Person in the World - Verdens verste menneske (2021)

The Worst Person in the World - Verdens verste menneske (2021)

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  3. 121 Minuten

Filmkritik: Generation Reset. Reset. Reset.

74e Festival de Cannes 2021
Julie rennt von einer Entscheidung zur nächsten.
Julie rennt von einer Entscheidung zur nächsten. © Oslo Pictures

Julie (Renate Reinsve) ist eine Studentin in den Mittzwanzigern. Sie weiss nicht so recht, was sie mit ihrem Leben anfangen möchte, ihre berufliche Zukunftsperspektive ändert sie öfters als die Unterwäsche. Nach dem Medizinstudium wechselt sie zur Psychologie, um dann Fotografin werden zu wollen und schlussendlich doch einfach zu jobben. Sie lernt den Comiczeichner Aksel (Anders Danielsen Lie) kennen. Aus einer zwanglosen Affäre wird mehr und sie zieht bei ihm ein. Doch die Frage nach Kindern und dem richtigen Zeitpunkt dafür entzweit die beiden immer wieder und führt zu Diskussionen.

Der Beinahe-Kuss
Der Beinahe-Kuss © Oslo Pictures

Ein stetiges Wechselspiel aus Liebe, Streit, unterschiedlichen Lebensansichten und sexueller Erfüllung findet sein Ende in der Trennung, als Julie auf einer Party Eivind (Herbert Nordrum) kennenlernt. Sie zieht bei Aksel aus, führt eine Beziehung mit Eivind. Doch Julie erfüllt das alles nur für kurze Zeit - und sie bleibt auf unaufhörlicher Suche.

The Worst Person in the World besticht durch eine realistische Story, die auf interessante Art und Weise erzählt wird. So entsteht kurzum eine angenehme, oftmals prickelnde Atmosphäre: Es wechseln sich Streit und Zärtlichkeit ab - stets wirkt alles wie aus dem Alltag einer durchschnittlichen Mittzwanzigerin entsprungen. Ist Julie jedoch effektiv die schlimmste Person auf der Welt? Diese Frage aus dem Titel muss jede und jeder für sich selbst beantworten.

Das Filmdrama von Joachim Trier ist in zwölf Kapitel sowie Pro-und Epilog gegliedert. Die der Orientierung dienenden Kapitel sind unterschiedlich lange und werden verschieden gewichtet, was den Film auffrischt.

Trier zeichnet ein äusserst gelungenes, realistisches Bild einer jungen Frau, das genau so in der Realität bestehen könnte. Die Hauptperson Julie hat mit den beinahe unendlichen Möglichkeiten und der daran geknüpften Entscheidungsfindung zu kämpfen. Es geht um eine junge Frau in ihren Late Twenties und ihrem Leben, das sie führte, führt und führen möchte. Dabei kommen diverse Themen und Probleme der Generation Y zum Tragen.

Charakteristisch dafür sind kurzentschlossene Entscheidungen und die konstante Idee, genau in diesem Moment die völlige Erfüllung gefunden zu haben, um sie kurze Zeit später bereits wieder über Bord zu werfen, sei dies in Sachen beruflichem Werdegang, Beziehungen oder Lebenseinstellungen im Allgemeinen. Der Prolog handelt diese Dilemmata ab und führt uns nahe an die Hauptperson, welche wir während des restlichen Filmes begleiten werden.

Es gelingt dem Film, stets nahe an den Personen zu bleiben, an ihren persönlichen Leben teilzuhaben und somit, Emotionen auf das Publikum zu übertragen. Das Drama wirkt äusserst realistisch und authentisch, behandelt die beinahe unendliche, ziellose Suche einer ganzen Generation nach Sinn und Beschäftigung im Leben.

Bei aller Dramatik kommt jedoch auch der Humor nicht zu kurz; spannende und ungeschönte Dialoge sorgen für Lacher. Die Gespräche sind so glaubwürdig, dass sie ohne weitere Probleme einer alltäglichen Beziehung entspringen könnten, beispielsweise dann, wenn es um das Kinderkriegen geht und Julie mit ihrem Partner intensiv verhandelt, wann der richtige Zeitpunkt für Kinder sei.

Die schauspielerischen Leistungen von Renate Reinsve als Julie und Anders Danielsen Lie als Aksel überzeugen durchs Band. Die beiden spielen gross auf und sorgen für eine angenehme Atmosphäre. Etwas das Nachsehen hat dabei Herbert Nordrum als Eivind, welcher es nicht wirklich schafft, seinen Charakter in ein positives Licht zu rücken. Somit flacht die Story in der zweiten Hälfte zunehmend ab und driftet in ein etwas gar klischeehaftes Ende ab.

Auch aus cineastischer Sicht ist The Worst Person in the World bemerkenswert vielfältig, trumpft mit interessanten Ideen auf (w. z. B. per Knopfdruck das Geschehen anzuhalten, einem Drogentrip oder einem Comic-Part) und verfügt über einen schönen, passenden Indie-Pop-Soundtrack. All dies macht den Film zu einem rundum gelungenen Coming-of-(Late)-Age-Drama.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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