The Velvet Underground (2021)

The Velvet Underground (2021)

Filmkritik: Lou's not there

74e Festival de Cannes 2021
Mit Pauken, aber ohne Trompeten.
Mit Pauken, aber ohne Trompeten. © Studio / Produzent

In den Sechzigerjahren trifft der Sänger und Gitarrist Lou Reed auf den klassisch ausgebildeten Violinisten und Komponisten John Cale. Trotz der unterschiedlichen musikalischen Wurzeln interessieren sich beide für experimentelle Rockmusik. Als «The Primitives» sammeln sie ihre ersten Banderfahrungen. Einige Namens- und Besetzungswechsel später formiert sich daraus schliesslich eine Band namens «The Velvet Underground», der neben Reed und Cale auch der Gitarrist Sterling Morrison und die Drummerin Moe Tucker angehören.

Rock im Park.
Rock im Park. © Studio / Produzent

Gefördert von Andy Warhol, wird die Band ein Teil von dessen New Yorker «Factory», zu der Zeit der Kunst-Hotspot schlechthin, wo die Avantgarde-Szene ein- und ausgeht. Warhol ist es auch, der die widerwilligen Bandleader dazu nötigt, das deutsche Model Nico als Leadsängerin in der Gruppe aufzunehmen. Zusammen nehmen sie ihr Debütalbum «The Velvet Underground & Nico» auf - dank Warhols Cover auch als «Bananen-Album» bekannt. Die Band wird rasch populär, allerdings werden auch die Spannungen innerhalb der Band grösser. Vor allem die beiden Alphatiere John Cale und Lou Reed driften dabei immer mehr auseinander.

Wenn auch auf dem Papier ein Dokumentarfilm, so stellt Todd Haynes in The Velvet Underground den künstlerischen Wert über den Informationswert. Er lässt darin während zwei Stunden die wilden Sixties und den innovativen Geist aufleben, der die Kulturszene damals umwehte. Vieles wirft er dem Publikum dabei einfach an den Kopf. Dieses tut gut daran, nicht jedes Detail mitkriegen zu wollen, über das sich die Interviewten auslassen, sondern sich vom «Flow» einfach ein wenig anstecken zu lassen. So funktioniert dieser als Doku verkleidete Spielfilm am besten.

Todd Haynes und seine Musikerfilme - wer den Regisseur kennt, ahnt, dass da nicht einfach ein konventionelles Biopic zu erwarten ist. Sein Bob-Dylan-Film I'm not there aus dem Jahr 2007 beispielsweise war ein komplexes, vielschichtiges Mosaik, und in seiner Art sowohl einzigartig als auch faszinierend. Nochmals neun Jahre früher inszenierte er mit The Velvet Goldmine ein verwirrend erzähltes Biopic über einen fiktiven Musiker.

Bereits dieser letztgenannte Film enthielt zahlreiche Verweise auf Lou Reeds Band The Velvet Underground - nicht zuletzt natürlich der Titel des Films. 23 Jahre später legt Haynes nun seinen Fokus auf die reale Band. Im Unterschied zu den genannten Filmen ist The Velvet Underground kein Spielfilm, sondern ein Dokumentarfilm. Das ist vielleicht auch ein wenig den Umständen geschuldet, hat Haynes seinen Film doch vorwiegend während des Corona-Lockdowns realisiert. Da ist es natürlich einfacher, im Schneideraum Archivmaterial zusammenzuschnipseln, anstatt mit einer ganzen Filmcrew auf dem Set zu arbeiten.

Trotz des unterschiedlichen Genres zeigen sich einige Parallelen, versucht Haynes doch auch hier wieder seinen Stil dem Geist des Vorbilds anzupassen. Der Dokfilm ist eine Art künstlerische Collage, nicht nur über die Band, sondern über die gesamte New Yorker Avantgarde-Kunstszene mit Andy Warhol als Dreh- und Angelpunkt. Der Regisseur nutzt dabei künstlerische Stilmittel wie beispielsweise den Splitscreen, was eher unkonventionell ist für einen Dokumentarfilm. Optisch ist dies interessant, dem Informationsgehalt eher ein wenig abträglich; zumindest erschwert es all denjenigen den Zugang, die die Band nicht besonders gut kennen.

Haynes nutzt zwar «Talking Heads» - unter anderen auch die noch lebenden Band-Originalmitglieder John Cale und Moe Tucker -, jedoch sind diese häufig nur als Voiceover zu hören, vermixt mit Archivstimmen aus Interviews mit weiteren Protagonistinnen und Protagonisten, darunter auch verstorbenen wie Lou Reed. Wer nicht genau aufpasst oder mit der Bandgeschichte nicht vertraut ist, dürfte da schnell die Übersicht darüber verlieren, wer nun genau mit wem wann zu tun hatte und warum.

Natürlich gibt es keine Musikdoku ohne Musik. Dabei dürfen einige der bekanntesten Songs der Band wie «Sunday Morning», «Venus in Furs» oder «Heroin» nicht fehlen. Und hier schafft Haynes das Kunststück, das ihm schon in I'm not there so gut gelungen ist: Die Faszination für die Musik der Band genauso wie für die damalige Musik- und Kunstszene auch auf all jene zu übertragen, die keinen speziellen Bezug dazu haben; ja, sogar auf jene, die die Musik nicht mal besonders mögen. Gerade durch die Art seiner Inszenierung fängt er den Groove dieser Zeit stimmungsvoll ein. Und wenn ein Film über Musiker dies schafft, dann ist das schon eine sehr respektable Leistung. Auch wenn der Weg dahin für das Publikum zeitweilen etwas anstrengend ist.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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